Was war, was bleibt: Bilanz und Ausblick der Ruhr.2010

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Ermöglicht durch die Kulturhauptstadt: Das Dortmunder U ▪

Von Ralf Stiftel ▪ OBERHAUSEN–Noch ist das Kulturhauptstadtjahr nicht vorbei, 140 Veranstaltungen sind für die letzten drei Wochen geplant. Aber Fritz Pleitgen und Oliver Scheytt, die Geschäftsführer der Ruhr.2010, denken schon voraus. Nachhaltigkeit und Netzwerke, das sind Schlüsselbegriffe, die bei der Abrechnung in Oberhausen immer wieder fallen und die Bilanz zur Bewerbung machen. Was wird 2011? Das Beispiel der Vorgängerstadt Linz soll mahnen. Die habe 2009 auch steigende Besucherzahlen verbucht. Aber im laufenden Jahr habe man einen Einbruch von 15 Prozent erlebt, so Scheytt. Die Anstrengung müsse weitergehen, Einsparungen bei der Kultur seien nicht opportun.

Dass man mit Absprache und Planung zwischen 53 Städten weiter kommen kann, das es funktioniert, das gehört zu den Erfolgsmomenten des Jahres. 400 Millionen Euro geben die Kommunen im Jahr für Kultur aus, rechnet Scheytt vor. Damit wären weitere Kraftakte möglich mit intelligenter Planung. Der Regionalverband Ruhr stellt 2,9 Millionen bereit für eine solche Institution, sagt Scheytt und wirbt dafür, den Weg zur Metropole weiter zu gehen.

Was das bringen kann, zeigt der Blick auf das, was bleibt vom Festjahr. Neue Museen zum Beispiel, wie das Museumsquartier in Hagen, das neue Museum Folkwang in Essen, das zum Kreativquartier umgestaltete Dortmunder „U“, der Erweiterungsbau in der Bochumer Situation Kunst. Noch wichtiger aber ist eine organisatorische Neuerung, der Zusammenschluss von 20 Museen aus 14 Städten zum RuhrKunstMuseum, einem Netzwerk, das sich austauscht und 2010 Ausstellungen zu einem Themenschwerpunkt ausrichtete: „Mapping The Region“. Und das auf „Collection Tours“ mit Bustouren mehrere Häuser verbindet, so dass die „Kundschaft“ neue Orte für sich entdeckt.

Wie hat das Ruhrmuseum das Welterbe Zollverein in Essen aufgewertet, endlich zu einem massenattraktiven Ort gemacht! Und wie machte durch das Hauptstadtjahr das Zentrum für Internationale Lichtkunst in Unna Furore, nicht zuletzt als Ankerpunkt der Biennale für Lichtkunst!

Einiges wird ja erst noch fertig gestellt, wie der Erweiterungsbau der Küppersmühle in Duisburg, die Brücke des Künstlers Tobias Rehberger in Oberhausen und auch das Landesarchiv im Duisburger Innenhafen, das allerdings bislang mehr durch den Skandal um eine Kostenexplosion bekannt wurde. Und es gibt ja rund 30 Projekte, die weitergeführt werden, wie die „Odyssee Europa“, die Kooperation der sechs Schauspielhäuser des Ruhrgebiets, und der „KulturKanal“, der zehn Städte am Rhein-Herne-Kanal miteinander verbindet. Die Ausstellung „Emscherkunst“ lockte 200 000 Besucher – und hinterlässt zahlreiche Kunstwerke im öffentlichen Raum auf der 34 Kilometer langen, schmalen Insel zwischen Kanal und Emscher. Die Gelsenkirchener Zeche Nordstern, Schauplatz der großen Abschlussfeier und Standort des 18 Meter hohen Herkules von Markus Lüpertz, liegt im Zentrum dieser Kunstachse.

Der Bewusstseinswandel gehört zu den bleibenden Werten der Kulturhauptstadt. Das Ruhrgebiet entdeckte auf einmal, dass andere es attraktiv finden. Aus Zechenbrachen wurden Erlebnisorte. Dazu trug bei, dass die Kulturhauptstadt bewusst als „Angebot für alle“ angelegt wurde und nicht als Mega-Kunstfestival, so Pleitgen, „alles andere wäre asozial gewesen“. Events wie das Still-Leben Ruhr auf der gesperrten A40 und das große Mitsingen auf Schalke mobilisierten auch die Menschen, die sonst die Schwellen der Kulturinstitute nicht leicht überschreiten. Aber, so Pleitgen, man habe nicht vor allem auf die Events gesetzt, sondern auch viele anspruchsvolle Projekte betrieben wie die Ausstellungen im Museum Folkwang. Man habe eine unbekannte Vielfalt zum Leuchten gebracht. Auch die freie Szene sei nicht benachteiligt worden, obwohl das oft behauptet worden sei. Bei 80 Prozent der Projekte, so Scheytt, sei die freie Szene eingebunden gewesen.

Große Wirkung habe außerdem das Konzept der „Local Heros“ entfaltet, bei dem sich jeweils eine Stadt präsentierte. Und auch das internationale Programm „Twins“, das die Städte des Reviers mit ihren europäischen Partnerstädten verband, erhielt von Beteiligten wie Besuchern erstklassige Noten. Und selbst ein ästhetisch fragwürdiges Projekt wie die „Schachtzeichen“ erwies sich als Publikumsmagnet: Die Ballone waren nicht die Landmarken über dem Revier, wurden aber Kristallisationspunkt für Nachbarschaftsbegegnungen.

Pleitgen übernahm in seiner Bilanz gleich die Selbstkritik und zählte auf, was fehlte: Die Zerstörung des Ruhrgebiets im 2. Weltkrieg, die zurückging darauf, dass hier die Waffenkammer des Deutschen Reichs war. Auch die „Zweite Stadt“, ein unterirdscher Kunstraum in stillgelegten Bergwerksstollen, konnte nicht realisiert werden – zu teuer. Aber es soll, es muss ja weitergehen, so Pleitgen.

In einem Punkt aber will die Ruhr.2010 nicht lernen: Wie zur Eröffnung wird man beim Abschluss draußen sein, vielleicht wieder im Schneetreiben. Die 5000 Plätze auf Zeche Nordstern in Gelsenkirchen sind bereits ausverkauft.

Quelle: wa.de

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