Autorin Petra Reski im Interview: "Mafia ist ein europäisches Problem"

Donna Leon hat gesagt: „Alles, was ich über die Mafia weiß, verdanke ich Petra Reski.“ Die Autorin aus Kamen kommt am 19. September in ihre Heimatstadt. Im Interview mit unserer Redaktion spricht sie unter anderem über Einschüchterungsversuche der Mafia.

Während Leons Figuren fiktiv sind, hat Petra Reski akribisch echte Verbrechen und ihre Hintergründe recherchiert. Ihr Buch „Mafia: Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern“ (Droemer/Knaur) erregte international Aufsehen. Im Rahmen von Mord am Hellweg V stellt die mehrfach ausgezeichnete Journalistin und Autorin am 19. September (11 Uhr) in der Stadtbücherei ihrer Heimatstadt Kamen den neuen Band „Von Kamen nach Corleone: Die Mafia in Deutschland“ (Hoffmann & Campe) vor. Hamm Live-Redakteur Frank Osiewacz sprach mit Petra Reski.

Hamm Live: Frau Reski, was denken Sie ganz spontan, wenn Sie nach Kamen zurückkehren?

Petra Reski: Alles kommt mir viel kleiner vor, als in Erinnerung. Aber das ist wohl eine typische Eigenschaft jener Orte, an denen man seine Kindheit verbracht hat: Als Kind erscheint einem alles viel größer, jedes Haus, jeder Förderturm, jeder Stein.

Was ist das Erste, was Sie dort tun werden?

Mit meiner Familie essen gehen! Der neue Buchtitel klingt ja nicht nur im Ohr spannend und gut („C“amen/Corleone), sondern ist sicher auch persönlich eingefärbt. Gibt es eine Verbindung zwischen den Städten? Als Zwanzigjährige habe ich den „Paten“ gelesen und bin von Kamen nach Corleone gefahren – mit meinem damaligen Freund in einem alten Renault vier. Jetzt habe ich diese Reise noch einmal gemacht, mit meiner heutigen Kenntnis der Mafia.

In meinem neuen Buch beschreibe ich, dass man gar nicht bis nach Corleone fahren muss, um die Mafia zu finden – es reicht schon, nach Dortmund, Bochum oder Duisburg zu fahren. Bis heute glauben viele Deutsche immer noch, dass die Mafia lediglich in Süditalien zu finden ist – obwohl sie sich schon seit vierzig Jahren in Deutschland bestens eingerichtet hat. Der Sohn von Bernardo Provenzano, dem Mafiaboss, der über vierzig Jahre lang flüchtig war, unterrichtete an der Gesamtschule in Schwerte Italienisch - bis sein Vater in Corleone festgenommen wurde. Und Provenzanos Bruder arbeitete in Willich in der Eifel. Ein guter Ort für konspirative Treffen der Bosse. Und gleichzeitig ist mein Buch auch ein persönlicher Erfahrungsbericht darüber, wie es ist, wenn man von der Mafia bedroht wird.

Wie sehr hängen Sie noch an Kamen?

Meine ganze Familie wohnt in Kamen – ich fühle mich der Stadt immer noch sehr verbunden.

Wann kam für Sie der erste Impuls, sich dem Thema „Mafia“ zu widmen?

Ich habe mich immer schon für Familiengeschichten interessiert, was daran liegt, dass ich in einer ostpreußisch-schlesischen Großfamilie aufgewachsen bin, da ist mir ein gewisser amoralischer Familiensinn durchaus vertraut: „Blut ist dicker als Wasser“. Anfangs interessierte mich die Mafia also als eine große, pervertierte Familiengeschichte – eben so wie sie Mario Puzo im „Paten“ beschreibt. Bereits auf der Journalistenschule habe ich kiloweise Archivmaterial über Mafiageschichten gelesen, und 1989 wurde ich zum ersten Mal nach Palermo geschickt, um über den „Frühling von Palermo“ zu berichten, jene Aufbruchstimmung, als man glaubte, dass die Mafia jetzt endgültig besiegt werden könnte, dank der Staatsanwälte Falcone und Borsellino und dem Bürgermeister Leoluca Orlando. Kurz danach wurden die Staatsanwälte von der Mafia ermordet. Heute weiß ich, dass die Mafia ein kriminelles System ist, das eine Gesellschaft von innen auffrisst. Und zwar jede Gesellschaft. Die Mafia passt sich an das jeweilige Land an – so wie ein Parasit an sein Wirtstier.

Können Sie und alle anderen ruhigen Gewissens in Kamen eine Pizza essen gehen?

Ruhigen Gewissens vielleicht – man hat aber nur so wenig Auswahl! Schön wäre es, wenn sich Initiativen wie „Mafia? Nein Danke!“, die in Berlin gegründet wurde und der viele italienische Gastronomen angehören, auch in Nordrhein-Westfalen durchsetzen würde.

Wird die Lesung in Kamen besonders geschützt?

Nach den verschiedenen Versuchen, mich zu bedrohen, werden alle meine öffentlichen Auftritte in Deutschland geschützt.

Fühlen Sie sich in Ihrem Lebensalltag sicher?

Ich fühle mich sicher, weil ich von deutschen Polizeibeamten und italienischen Staatsanwälten große Unterstützung erfahren habe.

Glauben Sie, dass Sie als Deutsche eine Art Schutzfunktion in Ihrer Art Recherche genießen?

Leider nicht. So etwas gibt es nicht für Journalisten. Die Mafia schlägt gegen jeden Journalisten zurück, durch dessen Berichte ihre Geschäfte in Gefahr geraten. Egal, ob der Journalist deutsch oder italienisch ist. In diesem Sinne ist es bezeichnend, dass ich nicht in Italien, sondern in Deutschland bedroht, verklagt und zensiert wurde. Die Passagen, die in meinem letzten Buch geschwärzt wurden, betreffen die Geschäfte der Mafia in Deutschland.

Haben Sie jemals um Ihr Leben gefürchtet, oder tun Sie es permanent?

Es hat Momente gegeben, in denen ich mich sehr allein gefühlt habe. Was daran liegt, dass die Deutschen, anders als die Italiener nicht in der Lage sind, die Sprache der Mafia zu dechiffrieren, zu verstehen, welche massive Drohung sich hinter einem banalen Satz verbirgt. In Deutschland nimmt man eine Drohung erst dann ernst, wenn sie per Einschreiben geschickt wird. Gott sei Dank lasse ich mich aber nicht so schnell einschüchtern. Außerdem habe ich das Glück, in Italien von den Netzwerken der Antimafia-Bewegung unterstützt zu werden. Da gibt es sehr viel Solidarität, sie hat mir sehr geholfen.

War es immer ein Ziel, Mafia-Verstrickungen in Deutschland an die Öffentlichkeit zu bringen?

Ich schreibe seit langem über die Mafia in Italien und irgendwann bin ich an den Punkt angekommen, an dem ich feststellte, dass es keinen Zweck hat, lediglich die italienischen Verhältnisse zu beklagen, ohne aufzuzeigen, wie in Deutschland auf eine eigentümlich doppelzüngige Weise die Existenz der Mafia bestritten wird – und alles dafür getan wird, dass italienische Mafiosi weiter ihr Geld in Deutschland waschen. Das Problem „Mafia“ ist ein europäisches Problem und kann auch nur so gelöst werden. Deshalb musste ich dieses Buch über die Mafia in Deutschland schreiben.

Welches Ziel verfolgen Sie mit ihrer Arbeit?

Ich möchte nur die Wirklichkeit beschreiben. Damit niemand sagen kann: Wir haben nichts gewusst.

Kann man Ihr Verhältnis zu Italien als „Hassliebe“ bezeichnen? Italien ist Ihr Lebensmittelpunkt, und doch hat Italien neben allem „Schönen“ auch diese sehr dunkle, zu verachtende Seite.

Nein, das ist keine Hassliebe. Ich liebe Italien, und ich verachte die Mafia. Die Italiener sind ja die ersten Opfer der Mafia. Eigentlich liebe ich Italien nach diesen Erfahrungen sogar noch mehr, wegen der Menschlichkeit und der Solidarität, die ich hier erfahren durfte. Die Italiener haben mich gegen die Mafia verteidigt. In Deutschland stand ich vor Gericht.

Worin liegt für Sie der Widerspruch in der italienischen Kultur?

Die Mafia ist kein Teil der italienischen Kultur, sondern das bedauerliche Ergebnis der Politik und Geschichte der letzten 160 Jahre. Auch die katholische Kirche trägt ihre Verantwortung für die Existenz der Mafia in Italien. Bis heute nehmen Priester untergetauchten Mafiosi die Beichte ab. Berlusconi hat sich seit 1994 als politischer Ansprechpartner der Mafia bewährt, er verfügt über neunzig Prozent der italienischen Massenmedien und bestimmt damit die Meinungsbildung in Italien. Die italienische Linke arrangierte sich ebenfalls mit der Mafia: Als sie an die Macht kam, glänzte sie damit, umgehend einige Antimafiagesetze abzuschaffen. All das sind Beweise dafür, dass sich die Mafia stets mit der Macht verbündet. Egal welcher politischer Couleur.

Sehen Sie Hoffnung für die Zukunft?

Nur wenn Europa gemeinsam die Mafia bekämpft.

Können die herrschenden verbrecherischen Strukturen aufgebrochen werden und was wäre zu tun?

Deutschland ist in Europa das Lieblingsland der Mafia: Geldwäsche ist hier ein Kinderspiel, kein Mafioso kann abgehört werden, Mafiazugehörigkeit ist kein Strafdelikt. Die Deutschen glauben, dass mit der Aufklärung des Sechsfachmordes von Duisburg die Mafia in Deutschland „besiegt“ worden sei. Aber Duisburg war nur die Spitze des Eisbergs, ein Betriebsunfall. Da die deutschen Politiker wenig Interesse daran haben, über die Rolle der Mafia in Deutschland zu sprechen, muss die Aufklärung von Journalisten in Deutschland ausgehen – und damit sind besonders die Lokaljournalisten gefragt: Die darüber berichten, dass die Ausschreibung eines Bauprojektes nicht sauber gelaufen ist, oder dass italienische Investoren und ihre Strohmänner dank politischer Unterstützung von Kommunalpolitikern in den Genuss öffentlicher Gelder gekommen sind.

Was ist Ihre Botschaft? Für Deutschland?

Aufwachen! Es wäre schön, wenn sich die Deutschen nicht nur darüber empörten, dass ihr Haus von Googles „Streetview“ abgefilmt wird, sondern auch darüber, dass die legale Wirtschaft von der Mafia aufgefressen wird.

www.petrareski.com

Quelle: wa.de

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