Unversitäten weichen in Baumärkte und Autohäuser aus

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Eine Vorlesung im Kino: Der Unterrichtsstoff ist hart, aber zumindest die Sitze sind weich und bequem.

ESSEN - Weil die Hörsäle aus allen Nähten platzen, veranstaltet die Uni Duisburg-Essen Vorlesungen in einem Kino. Andernorts wird in Autohäusern oder ehemaligen Baumärkten unterrichtet.

Die Plüschsitze sind weich und bequem, aber der Stoff alles andere als leichte Kost. Im Essener Kinosaal doziert Professor Wilfried Loth über die Geschichte der Weimarer Republik, und vor ihm sitzen etwa 220 Studenten. Abends läuft hier „Planet der Affen“ oder „Wickie“, morgens verwandelt sich das Cinemaxx in ein Audimax, einen großen Hörsaal. Die Universität Duisburg-Essen ist zum Semesterstart so proppevoll, dass sie für 20 Vorlesungen in der Woche in Deutschlands größtes Multiplex-Kino ausweicht.

Die Popcorn-Maschine steht still. Die Studenten nehmen lieber einen Kaffee mit. „Einmal schwarz“, ordert Julia Piechatzek (21) aus Neuss und schlendert zusammen mit ihren Freunden in Kinosaal 1. Auf dem Programm steht die „Einführung in die Betriebswirtschaftslehre“. Diese Veranstaltung wird per Beamer auch in Kino 2 übertragen, Dozent Professor Christoph Weber ist dann nur digital zu sehen. So können nach Angaben der Universität etwa 1000 Studenten die Vorlesung gleichzeitig hören. „Das ist noch ungewohnt, aber bei der Masse an Leuten eine gute Idee“, sagt Julia. Für die Erstsemesterin war es eine Überraschung, dass sie ihr Semester ausgerechnet im Kino startet.

Das Studentenleben ist nicht überall so angenehm wie in dem lauschigen Lichtspielhaus in Essen. Die Uni Paderborn nutzt einen ehemaligen Baumarkt und die Hochschule für Gesundheit in Bochum verlegt die Seminare in ein Autohaus. An der Technischen Universität in Dortmund müssen sich Studenten in karge Container zwängen. Nordrhein-Westfalen erlebt einen Ansturm neuer Studenten wie noch nie zuvor. Die Zahl der Erstsemester an den 69 Hochschulen des Landes ist auf 115 000 gestiegen. Das sind 18 Prozent mehr als im Vorjahr.

Professor Loth beginnt seine Geschichts-Vorlesung im Cinemaxx nach dem akademischen Viertel. „Das Hauptprogramm kann starten“, sagt er. „Falls Sie sich hier fremd fühlen, kann ich Ihnen sagen: Mir geht es genauso.“ Als ungewöhnlich, aber gemütlich bezeichnet Studentin Sefine Ölcek (21) aus Düsseldorf die Kino-Uni-Atmosphäre. „Eine richtige Tafel hat gefehlt, das Kratzen der Kreide“, sagt sie. Auch Betül Pekdemir (20) hat erstmals mit einer Arbeitsmappe ein Kino betreten. „Klar, ist man hier konzentriert. Freizeit sieht anders aus“, meint die Studienanfängerin aus aus Bochum.

Kino-Manager Meinolf Thies hofft auf Synergieeffekte: „Ich will zeigen, was man mit einem Kino so alles machen kann.“ Sechs Säle mit insgesamt 2250 Plätzen öffnet das Cinemaxx für die Universität. In den 90er-Jahren gab es schon mal eine ähnliche Kooperation mit der Hochschule. „Und die Dozenten, sie lieben uns“, sagt Thies. - dpa

Quelle: wa.de

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