Ulrich Borsdorf ist Direktor des Ruhr Museums

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40 Meter über dem Ruhrgebiet: Ulrich Borsdorf, Direktor des Ruhr Museums in Essen, steht auf der Panoramaplattform des Hauses. ▪

ESSEN ▪ Er ist schon da. Noch wirkt die Halle 12 der Essener Zeche Zollverein ein bisschen abgelegen, obwohl sie im Zentrum des Weltkulturerbes steht. In der ersten Etage sortiert Ulrich Borsdorf ein paar Arbeitspapiere. Von Achim Lettmann

8.30 Uhr, seine Sekretärin hat Kaffee gekocht. Dann setzt sich der Direktor des Ruhr Museums und weiß, was ab 10 Uhr passiert. „Wir werden überrannt“, sagt er, ein bisschen angestrengt und gleichzeitig zufrieden. Denn das Ruhr Museum ist eine Attraktionen des Kulturhauptstadtjahres. Am 14. Januar zur Eröffnung hatte er das Ziel gesetzt: 150 000 Besucher im Jahresdurchschnitt bis 2015. Eine gute Startphase war einkalkuliert worden. Und jetzt dieser Zuspruch! Ulrich Borsdorf will nicht abheben, aber er sagt: „Wir haben vieles richtig gemacht.“ Ihm ist nicht nur an Zahlen gelegen, sondern an „nachdenklicher Bildung“, an inhaltlichen Qualitäten. Auch der Tourismus taucht in den Erwägungen des gelernten Historikers auf. Auf erste Kritik hat sein Team schon reagiert. Die Orientierung sei schwierig, war bemängelt worden. „Ein Teil ist richtig“, sagt er.

Es ließe sich eine Erfolgsgeschichte feiern, aber Borsdorf bleibt sachlich. Die Zeiten, da der Museumsbau immer teurer wurde, als die Kritik der Denkmalpfleger nicht verstummte, die sind nicht vergessen. Die Kohlenwäsche musste als Industriemaschine umgebaut werden. Wände fielen, Kohlespeicher wurden eingeschnitten. Das führte zu Streit, und Borsdorf war der Buhmann. „Es hat mir sehr weh getan“, sagt der Museumsleiter, der bereits 1986 den Vorläufer des Ruhr Museums übernommen hatte. Damals war das Ruhrlandmuseum noch mit dem Museum Folkwang in Essen-Mitte verbunden.

Und heute? „Ohne Museum wäre die Kohlenwäsche weg“, sagt Borsdorf nochmal an die Adresse der Denkmalpfleger, und die Arbeit dieser Kohlen-Sortieranlage sei immerhin ein Thema des Museums, fügt er hinzu. Andere Meinungen bleiben, das weiß er sehr gut.

Als das Museum fertig war, machte Ulrich Borsdorf eine Bekanntschaft, von der er auch an diesem Morgen erzählt. Die Präsidentin des französischen Komitees des internationalen Museumsrates ICOM, Dominique Ferriot, war zu Besuch in Essen und fragte erstaunt: Weiß eigentlich Europa, was sie hier machen? – Das sei einzig, habe sie gesagt, und Borsdorf will mit dieser Anekdote ausdrücken, dass ihm erst langsam bewusst wird, wie positiv das Urteil zum Ruhr Museum international ausfällt. Auch in Fachkreisen gibt es Zustimmung, wie von den Kollegen des Deutschen Museumsbundes. Und das macht Ulrich Borsdorf schon ein bisschen stolz – ohne es zu zeigen. Denn mit dem neuen Ruhr Museum ist das Objekt wieder ins Zentrum der Museumsarbeit gerückt. Dabei sind Medien wie Monitore und Videos, aber auch Inszenierungen vom Szenografen, die Zauberworte der aktuellen Vermittlungsarbeit. Borsdorf hat das erste nur in dienender Funktion zugelassen und das zweite ignoriert. „Das Museum ist das Museum“, sagt er und stellt sich neben das Original, ob es aus einem mittelalterlichen Kloster oder aus einem Bergwerk stammt. Die Aura des Objekts ist wichtig. In dieser Grundsatzfrage erweist sich der Fachmann für Sozial-, Wirtschafts- und Gewerkschaftsgeschichte als Konservativer im besten Sinne.

Es ist noch viel Arbeit zu tun. Jeden Tag kündigen sich Gäste an. Heute kommt eine Delegation aus dem Haus der Geschichte in Bonn. Im Ruhrmuseum werden noch Toiletten eingebaut – auf jeder Etage. Vielen Gästen war der Rückweg auf die Eingangsebene zu weit.

Apropos, wäre das Ruhrmuseum eigentlich ohne die Kulturhauptstadt möglich gewesen? Ulrich Borsdorf hält einen Moment inne und weiß dann zu überraschen. „Wäre das nicht umgekehrt denkbar?“ Also, ohne Ruhrmuseum kein Ruhr.2010? „Ja“, sagt Borsdorf kurz, wartet und gibt zu: „Das klingt anmaßend.“ Er relativiert seine Aussage und spricht von der Zeit, als er in Brüssel war und mit seinem Team die Bewerbung zur Kulturhauptstadt Europas unterstützt hat. „Das Ruhr Museum war Bestandteil der Bewerbung.“ Beides habe sich letztlich befeuert und sei im Nachhinein nicht zu trennen, sagt Borsdorf, der auch strategisch gedacht hat. Das Ergebnis gibt ihm Recht.

Und eins ist dem Mann, der in Düsseldorf wohnt, ganz besonders wichtig. Er versteht sich als Ruhrgebietsbürger, der für seine Region in Brüssel gekämpft hat. Schon 1966 ist er ins Revier „emigriert“, geboren bei Berlin, fand er hier seinen Bildungs- und Lebensmittelpunkt. Er studierte an der jungen Ruhruniversität, war Assistent beim Historiker Lutz Niethammer in Essen und promovierte 1981 bei Hans Mommsen in Bochum. Er schrieb eine Biografie über den Gewerkschaftler Hans Böckler, aber „ein Herzensanliegen“ war immer das Museum. Die Mischung aus Wissen, Ästhetik und Vermittlung hätten ihn von Anfang an gefangen genommen, sagt Borsdorf, und er klingt dabei so frisch und überzeugend, als ob er sich gerade dazu entschlossen hätte. Die Universität war nicht sein Ziel, und doch hat Prof. Dr. Ulrich Borsdorf 30 Jahre vor allem in Essen gelehrt. Fürs Museum pausierte er die letzten zwei Jahre.

Vom „Lebenswerk Ruhr Museum“ will der 66-Jährige nichts hören. Viele Leute haben mitgemacht, sagt Borsdorf, „es ist nicht meins“. Er erinnert an seinen Freund und Kollegen Theo Grütter, der in Krisenzeiten der Motor im Team war. „Der ist Schalker“, sagt Borsdorf und lacht, „der gibt nicht auf!“

Und wenn‘s ums Ruhrgebiet geht, wird der Wahl-Ruhri sehr verbindlich. Im Museum sind die Mythen und Vorurteile aufgegriffen, ironisch in Stellung gebracht, um am Ende zu zeigen, dass die Wahrheit komplexer ist. „Das Ruhrgebiet war immer grüner als es das Vorurteil wollte“, sagt Borsdorf mit dem Brustton der Überzeugung. „Das Ruhrmuseum ist Ausdruck des Identitätsbegehrens der Bevölkerung des Ruhrgebiets“, weiß Borsdorf, und er findet gerade, dass die junge Generation das ganze Ruhrgebiet spürt, nicht nur den eigenen Stadtteil. Diese Vision hat ihn motiviert, für das Ruhrgebiet an einem Haus mitzuarbeiten, dass gerade „überrannt“ wird.

In seinem Büro hängen über den tiefen Bücherregalen Schwarzweiß-Fotografien aus den 60ern. Es waren seine ersten Jahre hier. Melancholisch wird er nicht. Was wird die Finanzkrise dem Haus noch antun? Für die ersten zehn Jahre stehen die Verträge. Das Land NRW, der Landschaftsverband Rheinland und die Stadt Essen bringen jährlich sechs Millionen Euro an Betriebskosten auf. „Und wer will diesen Selling Point des Ruhrgebiets runterfahren?“, fragt er.

Sonderausstellung: Bis 13. Juni. Das Große Spiel. Archäologie und Politik zur Zeit des Kolonialismus.

Dauerausstellung: Mit über 6000 Exponaten wird die Natur- und Kulturgeschichte des Ruhrgebiets auf drei Etagen ausgebreitet.

Geöffnet täglich 10 bis 19 Uhr.

Tel. 0201/88 45 200

http://www.ruhrmuseum.de

Quelle: wa.de

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