Tremonia-Architektenhäuser in Dortmund

+
Markant, eigenwillig: die Architektenhäuser auf dem Tremonia-Gelände im Dortmunder Westen. ▪

Wer ein Haus baut, erfüllt sich einen Traum. Harry Lauschs Traum liegt im Westen, dort wo die Sonne untergeht und nicht „verstaubt“, wie es bei Herbert Grönemeyer heißt. Im Westen Dortmunds, wo das Licht genauso hell im Winter scheint, genauso rötlich im Sommer strahlt wie andernorts. Harry Lausch liebt diese Abendsonne. Sie wärmt ihm die Seele, sie erhellt sein Backsteinhaus, sie überblendet manchen Gedanken. Egal, ob die Schienenwege vor der Terrasse verlaufen, egal ob Lkws ihre tonnenschweren Stahlbrammen zu Thyssen/Krupp transportieren. Hier im Westen Dortmunds auf dem ehemaligen Zechengelände Tremonia stehen ein paar ambitionierte Architektenhäuser. Von Achim Lettmann

„Die Idee hatte ich Ende der 80er Jahre“, sagt der 52-jährige Architekt. Seine Diplomarbeit handelte von Brachflächen und Trampelpfaden. Und die gibt es im industrialisieren Stadtraum reichlich. Damals erkundete er das Tremonia-Gelände. Die Zeche war in den 30er Jahre stillgelegt worden. Sie diente Ende des 19. Jahrhunderts der Bergwerkindustrie als Versuchsanlage. Neue Fördertechniken wurden auf Tremonia erprobt, bevor die Bergwerksgesellschaften sie einsetzten. Der Grund, so eine Versuchszeche zu unterhalten, lag in den vielen Werksunglücken der expandierenden Grubenwirtschaft.

Ganz pragmatisch war Harry Lauschs Schritt nicht. Der Leierweg an der Bahntrasse hatte ein schlechtes Image. Halbwelt, Milieu. Aber das Grundstück war günstig. Und 1999 gab die Stadt Dortmund das Areal zur Wohnbebauung frei. Das Backsteinhaus hat der Architekt selbst entworfen, das blaue Haus daneben auch. Es ist für seine Partnerin, die Architekturfotografin Cornelia Suhan. Sie lebt hier mit ihrer Tochter. Auf drei Etagen mit Balkon. Vom Badezimmer aus sind die Schienen zu erkennen, Licht kommt von allen Seiten und vor den Schlafzimmern liegt ein halbrunder Balkon. Die eigenwillige Form macht das Wohnen zu einer reizvollen Erfahrung. Zwei ungleich große Kuben mit gerundeter Seite sind voreinander gestellt. 0-8-15 ist woanders. Hier wirkt ein kompakter Raum, der wie eine Skulptur aussieht. „Man hat eine besondere Freiheit“, sagt Cornelia Suhan, „trotz der Ärgernisse mit der Industrie.“ Auch die Freudinnen und Freunde ihrer Tochter kommen wie selbstverständlich zu Besuch, weil die Tremonia-Häuser etwas abseitig liegen, nicht im Ballungszentrum, nicht in einer engen Wohnanlage, wo jeder jeden beobachten kann. Die 53-Jährige kommt aus dem Ruhrgebiet, sie genießt dieses rauhe Umfeld. „Das passt zu mir, es ist sehr unprätentiös.“

So geschlossen das blaue Haus dasteht, so beschützt man sich hinter den Betonmauern fühlt, so entschieden öffnet sich das Gebäude gleich daneben. Harry Lausch hat eine sechs Meter hohe Glasfront vor die Westseite des Backsteinhauses gesetzt. Licht flutet über zwei Etagen, und die Stockwerke sind mit Hilfe der freien Treppe und der Galerie im Glasvorhaus erschlossen. Ein steiles Pultdach setzt einen markanten Abschluss nach oben. Die Dachterrasse wird selten genutzt, weil hinterm Haus schon reichlich Platz ist. Und die Abendsonne strahlt auch dorthin. Aus der Industriebrache ist der Tremonia-Park geworden. Gleich nebenan. Nicht weit ist auch das Trainingszentrum der Feuerwehr, die zur Übungszwecken die Flammen hoch schlagen lassen.

Wohnen am Stadtrand. Harry Lausch steht dazu. „Es ist ein Grenzlage. Es ist auch grenzwertig“, sagt der Architekt mit der Baskenmütze. Dass hier das Stahlwerk Rothe Erde seine Produktionsfläche verdreifachen darf, sei vor zehn Jahren noch nicht abzusehen gewesen, sagt Lausch. Die Anlagenbauer von Unternehmensverbund Thyssen/Krupp machen Großwälzlager unter anderem für Kräne, Windkraftanlagen und Bagger. Rothe Erde ist Weltmarktführer und erweitert seit 2008 seine Hallen. Dumpf döhnende Geräusche sind zu hören. Stahl stößt auf Stahl. „Eine ungünstige Entwicklung“, sagt Lausch, aber nachts und am Wochenende ist es ruhiger.

Leben im Revier. Träume lassen sich erfüllen, aber auf einer Insel wohnt man nicht. Zwischen Stahl und Schiene eben. Harry Lausch und Cornelia Suhan zeigen ihre Häuser im Kulturhauptstadtjahr. Offenheit ist auch ein Merkmal, eine Tugend der Revier-Menschen.

Route der Wohnkultur

58 Gebäude und Architekturen zählen zur „Route der Wohnkultur“. Das Projekt der Kulturhauptstadt 2010 will die Siedlungsbauten der Industrialisierung zeigen. Alle Objekte sind typisch fürs Ruhrgebiet und sind zwischen Duisburg und Hamm zu finden. Sie veranschaulichen den Sachverhalt, dass seit Mitte des 19. Jahrhunderts die Wohnstruktur im Ruhrgebiet von Zu- und Abwanderung bestimmt wird. Wie wohnt man im Ruhrgebiet? Ausgewählt haben Kommunen, NRW-Ministerien, Architektenkammer, Denkmalpfleger und kommunale Wohnungsunternehmen. Die ganzjährigen Touren zur Wohnkultur sind unter www.

routederwohnkultur.de einzusehen. Duisburg, Oberhausen, Essen, Bochum und Dortmund bieten an.

▪ Sommer der Wohnkultur: Im August, September und Oktober lässt sich je eine Wohnung pro Tour besichtigen.

▪ Tag der Wohnkultur: Am 19. September stehen alle 58 Objekte der Wohnkultur offen.

▪ In der „Box der Wohnkultur“ wird jedes Objekt in einem Steckbrief beschrieben.

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare