Terror aus der Mitte der Gesellschaft

Düsseldorf – Ganz lässig, mit den Händen in den Hosentaschen steht Fritz Gelowicz da. In wenigen Minuten wird er erfahren, dass er zu zwölf Jahren Haft verurteilt wird. Weil er mit seinen Mitangeklagten Terroranschläge in Deutschland geplant hat.

Terroranschläge, bei denen möglichst viele Menschen sterben sollten – vorrangig US-Soldaten. Gelowicz nutzt die Minuten vor der Urteilsverkündung im Düsseldorfer Oberlandesgericht, um einige Worte mit dem Mittäter Adem Yilmaz auszutauschen. Gelowicz zuckt mit den Schultern. Er lacht. Man sieht ihm nicht an, dass er der Anführer einer islamistischen Terrorgruppe war, die im Auftrag der Islamischen Dschihad Union (IJU) den „wohl größten Terroranschlag in der Geschichte der Bundesrepublik“ plante. So ordnet zumindest der Vorsitzende Richter Ottmar Breidling das Vorhaben der sogenannten Sauerland-Gruppe ein.

Wie sie es in einem Terrorcamp in Pakistan gelernt hatten, wollten Gelowicz, Yilmaz und Daniel Schneider aus Wasserstoffperoxid und Mehl explosiven Sprengstoff mischen. Die Bomben sollten in der Nähe von US-Einrichtungen, Diskotheken und Flughäfen in Deutschland in die Luft gehen. Dass sie dabei hunderte Menschen mit in den Tod reißen würden, war von Gelowicz und Yilmaz ausdrücklich gewünscht. Von Schneider wurde es zumindest in Kauf genommen. Dass Ermittler das Quartett bereits seit Monaten im Visier hatten und das Wasserstoffperoxid ausgetauscht hatten und die Sprengzünder zum größten Teil untauglich waren, wussten die Terroristen nicht, als sie im September 2007 im Sauerland festgenommen wurden.

Während Richter Breidling die Tatvorgänge bis ins kleinste Detail referiert, sitzen die Angeklagten regungslos hinter der Trennscheibe. Schon bei der Urteilsverkündung hatte keiner von ihnen mit der Wimper gezuckt. Eines der wenigen Lebenszeichen ist gelegentliches Zupfen am Vollbart, den alle vier Angeklagten als Ausdruck ihrer Gläubigkeit tragen.

Unschuldig wie ein Schuljunge, der nur auf die schiefe Bahn geraten ist, schaut der vierte Angeklagte, Atilla Selek, zum Richter. Anders als Gelowicz und Schneider, die unter anderem wegen der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung verurteilt wurden, und Yilmaz, der deswegen elf Jahre erhielt, wird Selek nur wegen Unterstützung der Gruppe verurteilt. Er bekommt fünf Jahre. Unter anderem dafür, dass er die Sprengzünder besorgte. Breidling erzählt, dass der in der Türkei geborene Selek seine Ausbildung als Maler und Lackierer in Deutschland erfolgreich abgeschlossen hat, dass er verheiratet ist und als Fahrzeuglackierer tätig war. Und dass er sich Videos ansah, die die Enthauptung von afghanischen Geiseln zeigte. Aus Neugierde.

Das Verfahren habe auf erschreckende Weise gezeigt, wie der weltweite islamistische Terrorismus inzwischen zunehmend junge Menschen erfasse, die in westlicher Kultur aufgewachsen sind, warnt Breidling in seinen rund dreistündigen Ausführungen. Dank der umfangreichen Geständnisse der Angeklagten, gebe es nun neue Erkenntnisse über die Arbeits- und Denkweise von islamistischen Terrororganisationen, räumt auch Bundesanwalt Volker Brinkmann ein. Die Geständnisse der Terroristen milderten auch die Haftstrafen. Auch wenn sich die Terroristen nach Überzeugung der Richter nur aufgrund der „erdrückenden Beweislage“ geständig zeigten. Immerhin beendeten sie somit das umfangreichste deutsche Terrorverfahren seit den Prozessen gegen die Rote Armee Fraktion (RAF) schon nach etwa zehn Monaten. Ursprünglich war mit einer Verfahrensdauer von bis zu drei Jahren gerechnet worden.

Im Laufe des Verfahrens haben alle vier Angeklagten dem bewaffneten Kampf für sich abgeschworen. Auch das hat sich strafmildernd ausgewirkt. So überrascht es Brinkmann nicht, dass Yilmaz, Schneider und Selek das Urteil noch im Gerichtssaal annehmen. Damit ist es rechtskräftig. Dass Gelowicz noch eine Nacht schlafen will, bevor er sich entscheidet, ob er das Urteil anfechten will, hat den Bundesanwalt überrascht. Er glaubt eigentlich, dass auch die Angeklagten eingesehen haben, dass sie etwas zu büßen haben.

Ob ihm Zweifel angesichts der Meldung kommen, dass Gelowicz' Ehefrau noch vor kurzem Geld für die IJU Geld gesammelt haben soll, bleibt sein Geheimnis. Schneider zumindest hat schon genaue Pläne für sein neues Leben. Der 24-Jährige möchte nach Angaben seines Verteidigers den Schulabschluss nachholen und studieren. „Wir suchen jetzt nach einer JVA, die ihm das ermöglicht.“ - Laura Engels

Quelle: wa.de

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