Super-Markt: Ein Dorf baut eigenes Einkaufszentrum

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Darf‘s etwas mehr sein? Im DORV-Zentrum in Völlinghausen am Möhnesee griffen die ersten Kunden gestern gerne zu. Bürgerschaftliches Engagement soll bei dem regional einmaligen Projekt die Versorgung der Einwohner gewährleisten. ▪

MÖHNESEE ▪ Das Problem ist im ländlichen Raum nicht neu: Wer in einem Dorf wohnt, muss meist weite Wege in Kauf nehmen, um den Kühlschrank zu füllen. Seit sich Tante Emma aus den kleinen Orten zurückgezogen hat und die Supermarktketten und Discounter mit immer größeren Läden in den Städten das Geschäft mit Lebensmitteln und anderen Artikeln des täglichen Bedarfs unter sich aufteilen, heißt es für die Landbevölkerung erst einmal ins Auto zu steigen, bevor die Einkaufstasche zum Einsatz kommt. Von Matthias Staege

In Völlinghausen, einem Ort mit rund 1 500 Einwohnern am Möhnesee, waren die Bürger es leid, weite Wege in Kauf zu nehmen. Vor mehr als zwei Jahren schloss in dem Dorf das letzte Geschäft, eine Metzgerei. Wenig später hatten einige Bürger des Ortes, unter ihnen Rainer Bracke und Rainer Norbisrath, die Idee, mit bürgerschaftlichem Engagement in Eigenregie einen kleinen Laden zu führen, und den Einwohnern neben der Grundversorgung mit Lebensmitteln auch Dienst- und Sozialleistungen vom Paketdienst bis zur Sprechstunde des Landarztes anzubieten. „Wir haben uns zunächst ein ähnliches Projekt im Aachener Raum angesehen und waren schnell überzeugt, dass das auch bei uns funktioniert“, erklärte Rainer Bracke rückblickend.

Eine Einwohnerbefragung bestätigte den Bedarf nach einem Geschäft im Ort. Entstanden ist der „DORV-Laden“ – ein dörfliches Einkaufszentrum, das auf 200 Quadratmetern in einer ehemaligen Gaststätte sein Sortiment anbietet. „DORV“ steht für Dienstleistung und ortsnahe Rundumversorgung, ein Konzept, das schon weit über die Region hinaus in vielen vergleichbaren Dörfern mit Interesse beobachtet wird.

Für die praktische Umsetzung wurde vor einem Jahr der Verein „DORV-Gemeinschaft“ gegründet. 215 von 400 Haushalten des Dorfes wurden Mitglied und beteiligten sich mit Einlagen von mindestens 100 Euro. 58 000 Euro kamen so zusammen, die das Grundkapital für den Umbau der Gaststätte, die Einrichtung des Ladens und die Erstausstattung mit Waren bildeten. Geführt wird der Laden von der „DORV-Zentrum Völlinghausen GmbH“, deren Gesellschafter wiederum der Verein ist. Zuschüsse oder Fördermittel flossen keine und so sind die Völlinghauser um so mehr stolz auf das, was sie erreicht haben.

Ob das Projekt Profite abwerfen wird, kann noch niemand sagen. Muss es auch nicht, meint Friedhelm Linnhoff, Ortsvorsteher des Dorfes und gleichzeitig ehrenamtlicher Geschäftsführer der DORV-GmbH. Eine schwarze Null sei zunächst das Ziel. Das eigentliche Plus sei ohnehin der Gewinn an Lebensqualität für die Einwohner, die Festigung des Gemeinschaftsgefühls und die Aufwertung des Dorfes. Sollte unterm Strich Geld übrig bleiben, werde dies, wenn nötig, in das Geschäft investiert oder komme der Jugendarbeit der örtlichen Vereine zu Gute.

So viel bürgerschaftliches Engagement ließ auch die Politik aufhorchen. Zur offiziellen Eröffnung gab sich gestern lokale und landespolitische Prominenz die Klinke in die Hand. Eckhard Uhlenberg, Umwelt- und Verbraucherschutzminister des Landes NRW, prophezeite den Völlinghausern einen regen Andrang von Interessierten aus allen Teilen des Landes, die sich über dieses Projekt, das „ein Vorbild für ganz Nordrhein-Westfalen ist“, informieren werden. „NRW ist nicht nur das Ruhrgebiet, sondern hat ausgeprägte ländliche Räume“, sagte Uhlenberg. Viele Regionen seinen noch wesentlich strukturschwächer. Das DORV-Projekt werde etliche Nachahmer finden.

Quelle: wa.de

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