Soester Studenten bei Oldtimer-Rallye

Mit Vollgas durch die Wüste

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Mit den beiden Renault R4 „Rot“ und „Rotschuss“ starteten (von links) Christian Krause, Jonas Krellmann, Ann-Christin Kilau und Linda Garcon bei der L4-Trophy von Biarritz nach Marrakesch.

Hamm/Soest - Mit zwei Renault-R4-Oldtimern 7.422 Kilometer durch Städte und Wüsten ging es für vier Studenten aus Soest. Sie nahmen an der L4-Tophy Oldtimer-Rallye teil und brachten Schulbücher nach Marokko.

Nein, richtig verarbeitet hat Jonas Krellmann die Eindrücke der zurückliegenden drei Wochen noch nicht. Staubige Wüstenstrecken, pulsierende Märkte, Verkehrschaos in Marrakesch und Nächte unter freiem Sternenhimmel – all das wird ihm wohl noch länger durch den Kopf schwirren. Der 25-jährige Hammer, der an der Hochschule Südwestfalen in Soest studiert, hat mit drei Kommilitonen an der traditionsreichen L4-Trophy vom französischen Biarritz bis in die marokkanische Wüste teilgenommen. Mit zwei Renault-R4-Oldtimern legten die vier 7.422 Kilometer zurück.

Nun sind sie wieder sicher in der Heimat angekommen – mit vielen Geschichten im Gepäck. Begonnen hatte die Reise allerdings etwas holprig. Kurz vor Paris machte eines der beiden Autos zum ersten Mal schlapp. „,Na das fängt ja gut an‘ haben wir uns da gedacht“, sagt Krellmann. Die kleinere Panne am Kondensator war jedoch ein gutes Omen.

Soester Studenten bei Oldtimer-Rallye in Marokko

Denn danach blieb das Team von größeren Reparaturarbeiten verschont. „Die beiden Autos haben uns nicht im Stich gelassen. Wir mussten in der Wüste nur die Stoßdämpfer wechseln.“ Dafür, dass die schon etwas rüstigen Boliden mit den Spitznamen „Rot“ und „Rot Schuss“ überhaupt den Strapazen der Rallye stand hielten, hatten Krellmann und seine Teamkollegen Christian Krause, Linda Garcon und Ann-Christin Kilau in Hunderten Arbeitsstunden gesorgt.

Stau an der Tankstelle

In Biarritz stand trotzdem noch einmal eine technische Überprüfung auf dem Programm. Wie am Fließband fertigten die Mechaniker die 1300 bunt beklebten Oldtimer ab, die im Sekundentakt aus der Maschinenhalle rollten. „Als es dann endlich los ging, gab es ein bisschen Chaos. Viele Menschen aus der Umgebung waren gekommen und haben uns angefeuert“, sagt Krellmann.

Wie bei der Tour de France säumten zahllose Schaulustige die Straßen – Volksfeststimmung inklusive. Nach der Fährfahrt ans marokkanische Ufer kam der Tross allerdings erst einmal zum Erliegen. Der Grund: Fast alle Teilnehmer steuerten die gleiche Tankstelle an. Während der einheimische Tankwart das Geschäft seines Lebens machte, mussten sich der aus Hamm stammende Maschinenbaustudent und seine Mitstreiter zwei Stunden lang gedulden.

War die Reise bis zum Checkpoint in Boulajoul noch recht komfortabel, ging es danach in die Sandwüste. Doch direkt an der ersten kleineren Düne war Schluss. Christian Krause hatte sich festgefahren. „Da bin ich zu langsam gewesen“, lacht er. Mit der Hilfe von marokkanischen Jugendlichen und anderen Rallye-Teilnehmern befreiten die Studenten ihren Wagen aus dem tückischen Sand. „Bei solchen Bedingungen mussten wir immer Vollgas geben. Das kostet erst einmal Überwindung“, erklärt Krellmann.

Als wäre die Zeit stehen geblieben

Dass es bei jedem größeren Stein rummste und krachte, machte das Team zusätzlich nervös. „Es war fast schon ein mentaler Schmerz. Wir haben vorher so viel Arbeit in die Autos gesteckt. Die sind aber sehr robust gebaut und können das ab.“ Am meisten beeindruckte die vier das Leben vor Ort. Abseits der ausgebauten Wege kam die Gruppe durch viele kleine Dörfer und an entlegene Stellen, an denen die Zeit stehen geblieben schien.

Belebte Märkte, Gewusel auf den Straßen und einfachste Häuser säumten den Weg nach Merzouga. „Wir hatten fast so etwas wie einen Kulturschock. Das Leben dort ist nicht vergleichbar mit dem in Europa. Trotzdem wurden wir freundlich empfangen“, sagt Krellmann. Anfängliche Sicherheitsbedenken waren schnell ausgeräumt. Die brenzligste Situation erlebte das Team auf einer viel befahrenen Landstraße, als ein Lkw im Gegenverkehr seine Antriebswelle verlor. Die rollte plötzlich direkt vor das Auto der beiden 25-Jährigen. Eine beherzte Vollbremsung verhinderte Schlimmeres. „Da ist uns das Herz gehörig in die Hose gerutscht“, gesteht Krellmann.

Und auch das Fahrverhalten der Einheimischen trieb dem Hammer Schweißperlen auf die Stirn. „Die Marokkaner haben an den unmöglichsten Stellen überholt. Das war gewöhnungsbedürftig.“

Eine Perspektive für die Kinder

Für die vier Studierenden stand der sportliche Wettstreit nicht an erster Stelle. Ihnen ging es darum, so viele Hilfsgüter und Schulmaterial wie möglich in die abgelegene Wüstenregion zu bringen, wo die Organisation „Enfants du désert“ (zu deutsch: Wüstenkinder) Schulen baut und Kindern eine Perspektive gibt.

„Wir haben dort gesehen, dass das wirklich etwas bringt“, sagt Linda Garcon. Im Ziel in Marrakesch führte der erste Weg unter die Dusche. Schließlich kam das Wasch-Wasser in der Wüste nur aus dem Gartenschlauch – und war bitterkalt. Im Anschluss erkundete das Team die Wüsten-Metropole und musste feststellen, dass Verkehrssicherheit in Marokko eine eher untergeordnete Rolle spielt.

Zwar erklärte der Fahrer ihres Tuktuks, eines dreirädrigen Kleinbusses, dass man schon vier Augen benötige, um auf den Straßen überhaupt zu überleben. Ihn hielt ein taubes Bein aber nicht davon ab, fleißig Kundschaft durch die engen Gassen zu kutschieren. An das Bremspedal hatte er kurzerhand eine Stange geschweißt, die er mit der Hand bediente. „Eine nicht gerade beruhigende Konstruktion“, gibt Krellmann zu. „Das ist uns aber erst aufgefallen, als wir schon wieder am Hotel waren.“

Mit einigen Phiolen Wüstensand im Gepäck ging es auf die Heimreise. Und auch in ihren Sachen werden die vier wohl noch eine Weile lang einzelne Sandkörner finden, die sie an die Reise erinnern. Die beiden Oldtimer stehen nun wieder in der Garage. Bis im nächsten Jahr das ein neues Team der Fachhochschule Südwestfalen vom Campus in Soest los rollt.

Quelle: wa.de

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