"Du" soll ein Gefühl von Nähe schaffen

Stirbt das „Sie“ aus? Das "Du" setzt sich immer weiter durch

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Westfalen/Berlin - Duzen oder Siezen? In Deutschland stellt sich für viele immer noch diese Frage. In einigen Firmen gehört das Du zum guten Ton, beim Sport ist das Sie verpönt, in Berlin ist selbst die Polizei im Duz-Rausch, und die Lokalradios in NRW nutzen eine Mischform: das Ihrzen.

Im Englischen gibt es kein Problem: „you“ ist „you“. Gedanken darüber, ob man jemanden siezen oder duzen möchte, muss sich keiner machen. Im Deutschen aber bleibt die Frage: Du oder Sie?

 Für den schwedischen Möbelhersteller Ikea ist die Antwort klar: „Wohnst du noch oder lebst du schon?“ fragt der Möbelriese seit Jahren seine Kunden. Und auch unter den Kollegen – vom Chef bis zum Lagerarbeiter – ist das Du von Unternehmerseite verordnet: In beiden Fällen, um Nähe zu schaffen. Dass sich Kunde und Verkäufer schon ewig kennen, könnte man auch beim Einkaufsbummel meinen. 

Zum Latte macchiato gibt es ein "Du"

Bei der dänischen Modekette Jack&Jones zum Beispiel. Hier wird über alle Hierarchieebenen hinweg geduzt – und der Kunde natürlich auch. Das soll eine angenehme Atmosphäre schaffen. Gleiches gilt für die Kaffeekette Starbucks. Zum Latte macchiato gibt es hier ein Du, das Sie muss draußen bleiben.

Für Georg Heeren, Mitgründer und Geschäftsführer der international agierenden Beratungsfirma Mayato unter anderem mit Sitz in Bielefeld, hat das Du auch ganz pragmatische Aspekte. „Es ergibt wenig Sinn, den Kollegen in einer englischen Telefonkonferenz zu duzen und eine Stunde später in einem deutschen Meeting dann wieder zu siezen“, sagt Heeren. Außerdem „duzen wir, weil das unser familiäres und freundschaftliches Miteinander gut transportiert“. 

100 Mitarbeiter sind in der 2007 gegründeten Firma beschäftigt, weitere „Duz-Kumpel“ werden gesucht. Nach Heerens Einschätzung wird gerade in jungen Unternehmen aus Prinzip geduzt. In traditionellen Branchen hingegen lege man zwar noch Wert auf das Sie – „die Hemmschwelle zum Du liegt aber auch hier viel niedriger, als noch vor Jahren“.

Siezen ist im Sport die Ausnahme

Beim Sport indes ist das Sie schon lange die Ausnahme. In den Bergen etwa – sei es beim Wandern oder beim Skifahren – regiert das Du. Über 1000 Metern Höhe wird geduzt. Gleiches gilt für das Fitnessstudios, ein Sie ist an Hantelbank und Laufband selten bis gar nicht zu hören. 

Und in Berlin haben selbst die Verkehrsgesellschaft (BVG) und die Polizei auf den Kumpelton umgeschaltet. Die BVG wirbt bei ihren Kunden mit „Weil wir dich lieben“, die Polizei will Nachwuchs mit „Da für dich“ und „Hast Du das Zeug zum Cop?“, anlocken.

Eine Mischform bei der Höreransprache haben die Lokalradios in NRW entwickelt: das Ihrzen („Was sagt Ihr dazu?“ statt „Was sagen Sie dazu?“ oder „Was sagst Du dazu“?).

Duzen wird bevorzugt - zumindest im Radio

Eine Marktforschungsstudie habe gezeigt, dass „70 Prozent der Befragten eine natürliche Höreransprache in Form von ,Ihr‘ beziehungsweise ,euch‘ gut finden und diese in ihrem Lokalradio bevorzugen“, sagt Colleen Sanders, Chefredakteurin von Radio Lippe Welle Hamm. „Politiker im Interview oder ältere Menschen würden wir aber selbstverständlich im Radio genau so wenig duzen wie in der Hammer Fußgängerzone. Es muss eben angemessen sein.“

Colleen Sanders vom Radio Lippewelle Hamm

Nach Aussage von Wirtschaftspsychologe Prof. Joost van Treeck von der Hochschule Fresenius in Hamburg ist das Duzen „normaler geworden und ein bisschen harmloser. Im Zuge der Internationalisierung verliert das Sie an Gewicht.“ Vom Aussterben bedroht sei es aber nicht. „Insgesamt sind wir in Deutschland noch sehr formal und werden noch lange beim Sie bleiben.“

Das wäre auch ganz im Sinne von Linda Kaiser. Als Stellvertretende Vorsitzende der Deutschen-Knigge-Gesellschaft mit Hauptsitz in Essen rät sie grundsätzlich zum Sie. „Das Sie ist die höflichste Form der Anrede und ein Zeichen von Wertschätzung und Respekt“, sagt Kaiser. Erst wenn ein Vertrauensverhältnis aufgebaut sei, biete sich ein Du an.

Besonders allergisch reagiert sie auf ein Du in dem Verhältnis von Kunde und Dienstleister. „Einen Handwerker oder das Servicepersonal im Restaurant einfach zu duzen, gehört sich einfach nicht. Das ist respektlos und hat etwas abwertendes.“ Mit einem Sie hingegen mache man nie etwas falsch.

Kann ich das "Du" ablehnen?

Im Privaten bietet der jeweils Ranghöhere das Du an. Das ist entweder der Ältere der beiden, oder die Dame. Im beruflichen Kontext bestimmt die Hierarchie, wer das Du vorschlagen darf. Ein Du darf man laut der Deutschen-Knigge-Gesellschaft auch ausschlagen. 

Mit Sätzen wie „Ich finde, wir kennen uns noch nicht gut genug“ könne man die Situation klären. Und für besonders junge Kollegen im Berufsumfeld – etwa Schülerpraktikanten – empfiehlt die Knigge-Gesellschaft das sogenannte Hamburger Sie: Vorname und Sie. Gerade sehr junge Menschen fühlten sich mit der Ansprache Herr oder Frau noch unwohl. Das Sie zolle ihnen aber dennoch Respekt und Wertschätzungen.

Quelle: wa.de

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