Situation Kunst: Sammlung der Ruhr-Uni Bochum

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Vor dem Kubus der „Situation Kunst“: Kuratorin Iris Poßegger. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ BOCHUM–Es sieht aus, als sei in den Ruinen von Haus Weitmar ein Ufo gelandet. Lichtblau strahlt der verglaste „Kubus“ hinter den Mauerresten des Herrenhauses aus der Renaissance, das im Weltkrieg von einer Bombe zerstört wurde. Hier, am Stadtrand von Bochum geradezu versteckt, hat die Kunst einen Ort gefunden, genauer die „Situation Kunst“. Es ist eins der ungewöhnlichsten Museen des Ruhrgebiets. Durch die Kulturhauptstadt wird es vielleicht bekannter.

Dazu mag der Kubus beitragen. Der lange benötigte Erweiterungsbau bietet Raum für Wechselausstellungen und Veranstaltungen. Vor einigen Monaten wurde er eröffnet, erbaut in nur einem Jahr und nur, weil wegen der Kulturhauptstadt die EU die Hälfte der Baukosten von 3 Millionen Euro trug. Das von den Münsteraner Architekten Pfeiffer, Ellermann und Preckel geplante Bauwerk nutzt elegant die Schlossruine, ohne mit ihr zu verschmelzen. 1200 Quadratmeter Raum bietet es, neben einem Tagungsraum und einem Ausstellungsraum sind Büros, Lagerflächen, Gästeappartements und ein Museumsbistro untergebracht.

Die Situation Kunst ist inspiriert vom Bochumer Kunsthistoriker Max Imdahl (1925–1988), der an der Ruhr-Universität das Fach für die Betrachtung der Moderne öffnete. Imdahl baute mit Hilfe verschiedener Stifter auch die Kunstsammlungen der Hochschule auf. Zentral für ihn war der direkte, unmittelbare Umgang mit Kunst. Sein früherer Student Alexander von Berswordt-Wallrabe und seine Frau Silke, Galeristen und Sammler, stifteten Kunstwerke und gründeten die Situation Kunst, ein Name, der auf Imdahl zurückgeht.

Die Situation beginnt mit dem weitläufigen Park, in dem neben alten Bäumen auch Kunstwerke von Richard Serra, Ulrich Rückriem, Giuseppe Spagnulo und anderen zu sehen sind. Von hier blickt man auf die Ruine mit dem Kubus, ein Stück weiter liegt der Teil der Situation, mit dem alles begann, ein Ensemble von Einzelbauten. Für die suggestiven Arbeiten wurden passgenau Gebäude errichtet, eigentlich Hüllen um die Werke. So gibt es ein Haus für eine monumentale Arbeit aus vier aufrecht stehenden, fast acht Meter langen, 3,50 Meter hohen Stahlplatten von Richard Serra. „Circuit“ (1972/89) wurde zuerst auf der documenta 5 in Kassel realisiert. Ein weiteres Gebäude realisiert eine minimalistische Arbeit von Maria Nordman, eigentlich ein leerer Raum mit zwei Türen zum Park, der den Besucher auf sich selbst zurückführt. Der Bochumer Architekt Peter Forth, der die erste Baustufe der Situation Kunst plante, nahm sich ganz zurück, schuf unaufdringliche Orte, die ganz im Dienst der Kunst stehen. Ein Gegenkonzept zu heutigen Museumsarchitekten. Ein 2006 eröffneter erster Erweiterungsbau bietet mehrere Säle, in denen jeweils Arbeiten eines Künstlers zu sehen sind, außerdem jeweils einen Raum mit asiatischer und mit afrikanischer Kunst. Auch der Saal für die Gemälde Gotthard Graubners wurde der Kunst angepasst: Das größte Bild bestimmte die Höhe.

Die Situation Kunst ist nicht nur wegen ihrer seltenen Kombination alter außereuropäischer mit erlesener zeitgenössischer Kunst ungewöhnlich. Sie gehört zur Universität und ist in den Lehrbetrieb eingebunden. So stimmt Kuratorin Iris Poßegger die Wechselausstellungen mit dem Lehrplan des Kunstgeschichtlichen Instituts ab. „Das ist meines Wissens in Deutschland einzigartig“, erläutert Poßegger. Die Studenten arbeiten auch im Museumsbetrieb mit, führen zum Beispiel Aufsicht und erläutern gern die Exponate oder schreiben Beiträge für Kataloge. Für sie eine gute Chance, Berufspraxis im Museumsbetrieb zu sammeln.

Das Kulturhauptstadtjahr wirkt sich bereits zählbar aus im Betrieb der Situation Kunst: Die Kuratorin berichtet von einem deutlichen Besucheranstieg. Kamen 2009 noch 3000 Besucher, so waren es nun seit Mai 4500. Was aufs Jahr bezogen einer Verdreifachung entspricht. Natürlich liegt das am Kubus und an der Wechselausstellung. Außerdem gehört die „Situation Kunst“ zum Verbund der RuhrKunstMuseen. „Viel mehr ist kaum zu verkraften“, sagt Poßegger. Schließlich nutzt auch die Universität die Einrichtung. Gerne werden fachübergreifende Seminare und Tagungen veranstaltet, wozu Philosophen, Theologen oder Asienkundler natürlich eine Führung buchen.

Die erste Wechselausstellung stellt einen bislang unbekannten Komplex der Sammlung der Stifter vor: „Weltsichten“ mit Landschaftsdarstellungen. Ein erster Teil umspannte Gemälde, ausgehend von der niederländischen Malerei des Goldenen Zeitalters im 17. Jahrhundert. Zur Zeit ist der zweite Teil zu sehen, der die Medien Fotografie und Videokunst umspannt. Dabei, so erläutert Poßegger, soll gerade auch die Erfahrung von Krisen und Katastrophen reflektiert werden. Man sieht zwar auch Fotos von Rudolf Holtappel, die die Folgen des Bergbaus und der Stahlverarbeitung im Ruhrgebiet zeigen. Aber die meisten Bilder stammen von anderen Orten. Der Bezug zur Region erschließt sich gleichwohl, sei es in den Stadtlandschaften der USA, wie sie Margaret Bourke White in den 1940er Jahren aufnahm mit den wuchtigen Wolkenkratzern und den endlosen Reihen geparkter Autos davor. Sei es in einem Bild wie „Gold River Mill“ (1996) von Stan Douglas, der eine Goldmine in einer vermeintlich abgelegenen Meeresbucht zeigt: Die eine Hälfte des Fotos wirkt völlig idyllisch. Nur links ahnt man in den Wolken der Fabrik die zerstörerische Kraft des menschlichen Eingriffs in die Natur. Hinzu kommen Videoarbeiten wie Ingeborg Lüschers „The Game Is Over“ (2003–07), ein dreiteiliges Landschaftspanorama, durch das plötzlich Panzer rollen, eine Reaktion auf die Kriegsdrohung von US-Präsident George W. Bush.

Die Situation Kunst wächst noch. So wurde mit dem Kubus ein weiterer Pavillon eröffnet mit einer starken Video-Installation des aus Brasilien stammenden Künstlers Marcellvs L.: „Overground“ (2008), die den Betrachter unterwasser versetzt in einen Pool, in den immer mehr bekleidete Schwimmer springen. Im niedrigen Raum unter der Projektion – beschallt mit ohrenbetäubendem Dröhnen – hat der Besucher ein starkes Kunsterlebnis. Und auch die Landschaftsbilder sollen dauerhaft unterkommen. In einer Halle, die unterirdisch unter dem Park entstehen soll. Aber schon jetzt ist die Situation Kunst allemal einen Besuch wert.

Info

Die Situation Kunst in Bochum-Weitmar. Öffnungszeiten:

mi, do, fr 14 18, sa, so 12 – 18 Uhr, Tel. 0234/298 89 01

http://www.situation-kunst.de

Sonderausstellung Weltsichten, bis 21.11., anschließend Kunsthalle zu Kiel, Museum Wiesbaden, Kunstsammlungen Chemnitz, Bonnefantenmuseum Maastricht; Katalog 30 Euro

Quelle: wa.de

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