Polizisten leiden zunehmend unter psychischer Belastung

Viele Polizeibeamte erleiden nach Extremsituationen im Dienst ein Trauma. ▪

Von Laura Engels - In Filmen halten Polizisten ihre Waffen waagerecht, liefern sich wilde Verfolgungsjagden auf offener Straße, schießen ein Dutzend Mal, ohne nachladen zu müssen und lassen dabei lässige Sprüche ab.

Im wirklichen Leben wachte Polizeihauptkommissar Reinhold Bock schweißnassgebadet auf, hatte Alpträume, konnte nachts nicht schlafen. Und die Pistolenmündung, die aus einem Meter Entfernung direkt auf ihn gerichtet wurde, wird er wohl nie vergessen. In Deutschland ist die Zahl der Fälle, in denen Polizisten im Ernstfall Warnschüsse abfeuerten, mit 51 im vergangenen Jahr auf den niedrigsten Stand seit zwölf Jahren gesunken. In 33 Fällen mussten Beamte direkt auf Menschen schießen (siehe links).

Bock wurde 1991 zu einem Familienstreit im Raum Aschaffenburg gerufen. Der Sohn der Familie hatte sich in seinem Zimmer eingeschlossen. Als der Randalierer mit einer Schusswaffe in der Hand aus dem Zimmer kam, notierte Bock gerade die Personalien der Mutter und des Bruders. Deswegen hatte der Polizist auch seine Dienstwaffe nicht zur Hand, sondern geriet selbst in die Schusslinie. „Ich habe den Jungen angesprochen, aber er war nicht bereit, die Pistole wegzulegen, sondern hat mich damit bedroht“, erzählt Bock. Seinen Kollegen, der nur etwa 60 Zentimeter neben ihm stand, nahm Bock nicht mehr wahr: Er sah nur noch sein Gegenüber und die auf ihn gerichtete Pistole. Bock duckte sich links hinter einen Türrahmen, er hörte zwei Schüsse. Als er wieder aufschaute, lag der Junge auf dem Boden. Am nächsten Tag starb der 19-Jährige an seinen Verletzungen.

Das Ermittlungsverfahren gegen Bocks Kollegen, der geschossen hatte, wurde eingestellt. Man hatte auf Notwehr erkannt. Doch Bock ließ das Erlebnis nicht los. „Ich wusste nicht warum und was mich da so quälte“, sagt der heute 55-Jährige. Erst nach vier Jahren „packte“ er „die Sache“ an und wandte sich an eine Selbsthilfegruppe.

„Einige denken, es gehört eben zum Beruf dazu und geraten erst später mit sich selbst in Konflikt, wenn ihnen die Tragweite des Geschehens bewusst wird“, sagt Polizeidirektor Ingolf Schween. Der Leiter der Abteilung Gefahrenabwehr/Strafverfolgung beim Polizeipräsidium Hamm arbeitet nebenbei seit der Geburtsstunde vor 16 Jahren im Betreuungsteam Nordrhein-Westfalen mit. Gemeinsam mit vier Beamten des höheren Dienstes und drei Polizeiärzten ist Schween für alle Polizeibeamten in NRW zuständig. Sie kommen zum Einsatz, wenn eine Schusswaffe gebraucht wurde, wenn Polizisten angegriffen wurden, den Tod erleben mussten oder Verkehrsunfälle besonders dramatisch abgelaufen sind. „Denn immer dann bleibt etwas bei den Kollegen zurück“, sagt Schween.

Bocks größtes Problem war, dass er als ältere, als erfahrenere Person „versagt“ hatte. Zumindest war das seine Vorstellung. Mit Hilfe der Gruppe und einem als Moderator agierenden Pfarrer, konnte er diese revidieren. „Ich habe erfahren wie wichtig es ist, dass man sich mit Kollegen, die ähnliche Erfahrungen machen mussten, unterhalten kann“, sagt Bock.

Das Betreuungsteam der Polizei ist 24 Stunden am Tag einsatzbereit. Jeweils ein Polizeiarzt und ein Beamter fahren direkt nach einem gemeldeten Vorfall zu den Betroffenen. Die so genannte Erstintervention ist ein Gespräch, in dem es um Fakten, Gefühle und Lösungsansätze geht, erklärt Schween. Danach finden regelmäßige Treffen statt, solange es notwendig ist. „Wir machen keine rechtliche Bewertung und keine therapeutischen Schritte“, betont Schween. Vielmehr gehe es darum, „den sicheren Raum“ zurückzugewinnen. „Das ist nicht immer einfach und nicht immer in einer Sitzung zu schaffen“, sagt Schween. Es gibt auch Fälle, da findet das Betreuungsteam seine Grenzen. Dann verweist es an eine psychiatrische Klinik oder einen Psychologen.

Mit Hilfe der Selbsthilfegruppe hat der von Alpträumen geplagte Bock gelernt zu akzeptieren, dass er das Geschehen nicht rückgängig machen kann. Eine besondere Prüfung für den Polizeihauptkommissar der Polizeiinspektion Aschaffenburg war der Mutter des getöteten Jungen unter die Augen zu treten. Erst nach 15 Jahren konnte er sich dazu überwinden. „Der Junge hat zwar die Ursache gesetzt, aber wir sind ja nicht dafür da, dass wir auf die Straße gehen, um jemanden zu töten oder zu verletzen, sondern wir wollen ja Leben retten und schützen, das ist ja unser Auftrag“, sagt Bock.

Schwierig war es auch, dass Bock sich erst fünf Jahre nach dem Erlebnis mit seinem Kollegen austauschen konnte. „Er war in der gleichen Situation, hatte die gleiche Todesangst wie ich auch“, sagt Bock. Diese Offenheit war jedoch erst und nur in der Gruppe möglich. Vorher waren sie weiterhin zusammen Streife gefahren und hatten gemeinsam Betriebsausflüge mitgemacht. Aber dieses Erlebnis sei nie ein Gesprächsthema gewesen, sagt Bock. „Das war irgendwie tabu“.

„Es gibt immer noch Vorbehalte“, sagt Schween. Aber die hätten deutlich abgenommen. Allerdings würde das Hilfsangebot noch immer nicht bei jedem Vorfall genutzt. Etwa 60 Mal im Jahr würde das Betreuungsteam mittlerweile in NRW gerufen, sagt Schween. In den 16 Jahren hätte es insgesamt 750 Einsätze gegeben.

Auch Schween hat bei einer Verfolgung, die in einem Hinterhof endete, schon einmal eine Waffenmündung vor sich gehabt. Das ist 25 Jahre her. „Ist ja nichts passiert“, war alles, was die Kollegen damals sagten. „Man sprach nicht viel über so was, man hatte den Täter, der Einsatz war positiv beendet“, sagt Schween. Doch den Hinterhof, das diffuse Licht und die blanke Waffe sieht er noch immer ganz genau vor sich.

Quelle: wa.de

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