Runder Tisch in Düsseldorf

Beratungen zum Turbo-Abi: Gibt es einen Konsens?

[UPDATE 17.30 Uhr] DÜSSELDORF/AHLEN - Das Abitur nach nur acht Jahren am Gymnasium stößt bei vielen Eltern auf Widerstand. Schulministerin Löhrmann klopft jetzt ab, ob es noch einen Konsens für das "Turbo-Abi" gibt.

In Nordrhein-Westfalen wird weiter über Schulzeitverkürzung und "Turbo-Abitur" gestritten. An einem Runden Tisch, zu dem NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) am Montag in die Düsseldorfer Staatskanzlei geladen hatte, brachten Befürworter und Gegner ihre Argumente für acht oder neun Jahre Gymnasium vor. An dem Austausch nahmen rund 45 Vertreter aus Schule, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik teil.

Löhrmann will sich vergewissern, ob die Verkürzung von neun auf acht Jahre Gymnasium noch mehrheitlich mitgetragen wird. Die Schulministerin und die organisierten Lehrer- und Elternverbände wollen G8 verbessern statt abschaffen.

Ein Elternbündnis sammelt hingegen Unterschriften für eine Volksinitiative gegen das sogenannte Turbo-Abitur. Laut repräsentativer Umfrage für die Bürgerinitiative "G-ib-8" sind 76 Prozent der Bürger in NRW gegen G8. "Man kann nicht gegen dreiviertel der Bevölkerung Politik machen", bekräftigte der Sprecher der Elterninitiative "G9 jetzt in NRW", Marcus Hohenstein, im Westdeutschen Rundfunk.

Die FDP-Opposition appellierte schon vor dem Runden Tisch an Löhrmann, greifbare Verbesserungen an den Gymnasien einzuleiten. Um den Schülern mehr Freizeit zu ermöglichen, müssten die Kernlehrpläne bis zu einem fest definierten Zeitpunkt entschlackt werden, forderte die bildungspolitische Sprecherin der Fraktion, Yvonne Gebauer, in einer Mitteilung. Eine Rückkehr zum alten G9 sei aber nicht möglich. Schließlich sei an allen Schulformen das Stundenvolumen erhöht worden. Die Elterninitiativen für G9 weckten falsche Hoffnungen.

Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) warnte vor einer "Rolle rückwärts". Offenkundige Mängel im G8 müssten allerdings beseitigt werden, räumte die GEW-Landesvorsitzende Dorothea Schäfer ein. Alle Gymnasien müssten schrittweise zur verbindlichen Ganztagsschule werden. "Hektische Reformschritte" seien aber unnötig. Schließlich führten in NRW - anders als etwa in Bayern - noch mehr als 300 Schulen in 13 Jahren zum Abitur.

Der Vorsitzende der CDU-Landespartei und Landtagsfraktion, Armin Laschet, warnte Löhrmann vor einem kompromisslosen Festhalten am "Turbo-Abitur". "Öffnungen zu mehr Wahlfreiheit beim Gymnasium darf man nicht von vornherein abbügeln", sagte er der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" (Montagausgabe).

Die Schulzeitverkürzung war in der schwarz-gelben Regierungszeit ab 2005 eingeführt worden. Dabei seien handwerkliche Fehler gemacht worden, kritisierte der Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer NRW, Franz Roggemann, im WDR. Die Wirtschaft lehne zeitraubende Schulstrukturreformen ab. Neue Unruhe und Reibungsverluste an den Schulen könne sich das Land angesichts des Fachkräftemangels nicht leisten.

Auch innerhalb der SPD ist das Turbo-Abitur umstritten. Die Jusos wollen "Abschaffung statt Symptombehandlung". Landtagsfraktionschef Norbert Römer hatte die Genossen in der vergangenen Woche in einem Schreiben gebeten, bei dem "hochemotionalen Thema" vor Ort genau zuzuhören, "wo der Schuh drückt".

Die Schulzeitdebatte wird derzeit in mehreren Bundesländern geführt. In Hessen können die Gymnasien wieder zwischen G8 und G9 wählen. Niedersachsen kehrt zum Schuljahr 2015/16 komplett zu G9 zurück.

Schwierige Beratungen erwartet

Löhrmann (Grüne) erwartete schwierige Beratungen bei dem "Runden Tisch". Es sei "kein Showdown", sondern ein Meinungsaustausch über die Zukunft der achtjährigen Gymnasialzeit (G8), verwies die Ministerin am Montagvormittag bei einer Veranstaltung in Ahlen auf die unterschiedlichen Positionen. Sie selbst habe keine Erwartungshaltung, sondern gehe offen in die Diskussion. Nach Informationen Löhrmanns lehnen die Repräsentanten der Landeselternschaft an Gymnasien eine Entscheidung bei den Beratungen ab.

Die Ministerin deutete die Möglichkeit an, dass nach dem Meinungsaustausch drei Arbeitsgruppen eingerichtet werden, um Einzelheiten zur Zukunft des Turbo-Abiturs zu erarbeiten. - dpa/vor

Quelle: wa.de

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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