Schwere Vorwürfe gegen Knast

Schludert JVA Werl beim Thema Drogen?

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Schwere Vorwürfe gegen die JVA Werl.

WERL/HAMBURG - Die JVA Werl gerät in Erklärungsnot im Umgang mit Drogen hinter Gittern: Im Hamburger Prozess gegen Nadiem Ralf M. sieht selbst die Staatsanwaltschaft nach der Befragung einer Therapeutin der JVA Werl „offene Fragen und Widersprüche“. Von Gerald Bus

Offenbar, so die Einschätzung der Hamburger Behörde, seien beim Drogenkonsum des Häftlings „die Augen zugemacht worden“. Die Aussage der Therapeutin bezüglich des Drogenkonsums des Angeklagten passe sich „nicht lückenlos in die bisherigen Feststellungen und Beweisaufnahmen des Gerichts ein“, heißt es bei der Staatsanwaltschaft auf Anzeiger-Anfrage.

Es gehe um eine „falsche Einschätzung“ jenes Drogenkonsums, der für die Frage der Schuldfähigkeit des Mannes, der wegen Mordes in der JVA saß und dann Urlaub bekam, wichtig sein kann. Zum Beispiel sei beim Stichwort „Urinkontrollen“ einiges fragwürdig, so die Staatsanwaltschaft Hamburg.

Auslöser des für die JVA peinlichen Prozesses war Insasse Nadiem Ralf M., nach dem einige Tage lang mit diesem Bild gefahndet wurde.

Die Bewertung dieser Widersprüche werde das Gericht vorzunehmen haben. Denkbar ist, dass kommende Woche das Urteil fällt. Bestätigt sieht sich der Anwalt von Ralf M., der Lübecker Jurist Frank-Eckhard Brand. Er hatte schon zum Prozessauftakt schwere Vorwürfe gegen die Justizvollzugsanstalt Werl und die NRW-Justiz erhoben.

Nun habe sich auch durch eine Haarprobe bestätigt, dass sein Mandant zum Zeitpunkt des ersten und des danach folgenden zweiten Urlaubs drogenabhängig war. „Er war süchtig, als er die JVA verließ, da beißt die Maus keinen Faden ab“, sagt der Anwalt auf Anzeiger-Anfrage. „Offenbar weiß in der JVA Werl die linke Hand nicht, was die rechte tut.“ Die Verantwortlichkeiten seien fragwürdig geregelt. Auch die Therapeutin habe die Möglichkeit des Drogenkonsums von Häftlingen in der JVA eingeräumt. „Fassungslos“ sei er ob der Erkenntnisse, sagt Brand. „Was man meinem Mandanten nicht geglaubt hat, hat sich nun bewahrheitet.“

Dass werfe ein neues Licht auf M.s Aussage, dass in der Abteilung der Therapievorbereitung zwölf von 14 Insassen im Knast Drogen konsumieren. Zudem gebe es manipulierte Urinkontrollen. „Aber wenn die das nicht merken...“ M., ergänzt der Anwalt, sei ein spezieller Fall in der JVA gewesen, der regelmäßig Subotex konsumierte. Er habe ein spezielles Entlassungs- Procedere gebraucht, aber nicht bekommen, so der Vorwurf.

Der Rest ist bekannt: Der mittlerweile 43- jährige M. bekam – obwohl Drogenkonsum nach einem ersten Hafturlaub festgestellt worden war – erneut Urlaub, kehrte nicht in die JVA zurück, sondern setzte sich nach Hamburg ab. Am 9. März stach er im Café Lissabon eine Frau nieder, um an Geld zu kommen. Das Opfer wurde lebensgefährlich verletzt, leidet noch heute unter der Attacke. M. stellte sich vier Tage später der Polizei.

Nun muss er sich vor Gericht verantworten wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit vollendetem schweren Raub und gefährlicher Körperverletzung. Er zeigt sich geständig. Sein Anwalt ist überzeugt: „Das hätte verhindert werden können, wenn es für Drogenabhängige der JVA Werl ein eigenes Entlassungsprocedere gäbe.“

Wegen der Drogen, so hatte er schon früher erklärt, sei zu prüfen, ob eine „erheblich verminderte Schuldfähigkeit“ vorliegt. Das Justizministerium hatte sich nach dem Vorfall hinter die JVA Werl gestellt: Man könne „keine Fehler erkennen“.

Quelle: wa.de

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