Sally Perel zieht Schüler in seinen Bann

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„Die Wahrheit muss wach bleiben“, appellierte Sally Perel bei dem Vortrag an die Jugendlichen. ▪

Von Pia Käfer ▪ HAMM Sally Perel zieht die Schüler in seinen Bann. Vom ersten Moment an, in dem der 85-Jährige die voll besetzte Aula in Hamm betritt, hat er alle Blicke bei sich.

Der Autor des autobiographischen Bestsellers „Ich war der Hitlerjunge Salomon“ ist kurz vor den Halbjahreszeugnissen an der Realschule Mark zu Gast. 200 Jugendlichen sollen seine Geschichte des Überlebens als Jude unter Nazis hören. Mehrfach appelliert er an die Jugend: „Besucht Auschwitz, haltet die Wahrheit wach.“

Die Realschüler bewegt dieses Anliegen des charismatischen 85-Jährigen sichtlich. „Ich wünsche mir, dass meine Erfahrungen für euch zum Auftrag werden. Schon bald gibt es keine echten Zeitzeugen mehr. Deshalb bitte ich euch, erzählt die Wahrheit über die Verfolgung der Juden und den Holocaust weiter. Diese Katastrophe darf sich nicht wiederholen“, erklärt Perel den Jugendlichen.

Mehr als zwei Stunden nimmt er sich für die Realschüler und ihre Fragen Zeit. Diese danken ihm durch deutliches Interesse an seinem Leben, seinen Sichtweisen sowie Einschätzungen zu heutigen Kriegen. „Würden sie bloß einmal im Unterricht so viele Fragen stellen“, schmunzelt Petra Damberg vom Förderverein der Schule, als dem Nachwuchs immer neue, intelligente Fragen an Perel einfallen.

Nicht vorlesend, sondern lebendig erzählend nimmt Sally Perel die Schüler mit in seine Kinder- und Jugendtage, die er zur Zeit des einsetzenden Na

tionalsozialismus in Niedersachsen erlebt. In Polen, auf der Flucht vor dem sicheren Tod, verleugnet der junge Sally seinen Glauben und gibt an, Volksdeutscher zu sein. „So überlebte ich inmitten der Nazis, als kleiner, ängstlicher Junge, versteckt unter den Todfeinden“, schildert Perel. Auf einem Internat der Hitlerjugend tagtäglich der NS-Ideologie ausgesetzt, lebt er bald ein Doppelleben. „In meiner Brust jagten sich zwei Seelen“, beschreibt er, wie die Propaganda der Nationalsozialisten in seinem jungen Kopf nicht ohne Wirkung blieb: „Noch heute stehe ich im regen Kontakt mit dem Hitlerjungen, der ich einst war.“ Die Aufarbeitung sei nicht abgeschlossen. Gespräche mit heutigen Jugendlichen nennt er Berufung.

„Sally Perel ist wirklich beeindruckend. Wir haben Wahrheiten des Zweiten Weltkriegs aus einem ganz anderen Blickwinkel erfahren“, meint Elsa Pothmann (15) nach Ende der Veranstaltung. Das Gespräch mit dem Zeitzeugen sei wirklich bereichernd. „Und nicht vergleichbar mit Unterricht, denn die Lehrer waren im Krieg nicht dabei“, fügt die Schülerin hinzu.

Im Fach Geschichte hatten sich die Neunt- und Zehntklässler vorher die Verfilmung des Buches angesehen. Einige hatten die Biographie Perels zudem in ihrer Freizeit gelesen. Schüler, die das Werk bislang nicht besitzen, erwerben es nun beim Autor persönlich. Vielen Jugendlichen machte der Vortrag Lust aufs Lesen, „auch wenn dafür Taschengeld drauf geht“, erklärt Tobias Rose aus der 10a. Gemeinsam mit Alexander Hanczewski reiht er sich in die Wartenden vor dem Autorentisch ein. Der Film sei keine Dokumentation, „das Buch beschreibt vieles genauer“, sind sie sich sicher. Beim Signieren nimmt Sally Perel sich nochmal viel Zeit zum Austausch mit seinem jungen Publikum. Auch Zehntklässler Johannes Jässing nutzt die Gelegenheit, um Perel zu danken: „Das war viel besser als Geschichtsunterricht.“

Salomon Perel, genannt Sally, kommt 1925 in Peine, Niedersachsen, als Sohn strenggläubiger Juden zur Welt. Als 8-Jähriger erlebt er die Machtergreifung der Nazis und flieht mit seiner Familie nach Polen. Dort entdeckt, gibt Sally sich in der Not als Josef Perjell, als Volksdeutscher, aus. Der Schwindel gelingt und Sally kommt auf ein Internat der Hitlerjugend. Trotz Beschneidung und nicht arischem Aussehen fliegt er nicht auf. Sally überlebt und zieht 1948 nach Israel. 40 Jahre später kehrt er erstmals nach Deutschland zurück. Seit Anfang der 1990er Jahre berichtet er Schülern von seinem Leben.

Quelle: wa.de

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