Das Ruhrgebiet will dem Armutsstrudel entkommen

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ESSEN - Die Villa Hügel in Essen oder das prächtige Rathaus in Duisburg: Das Ruhrgebiet war bis in die 50er Jahre eine der reichsten Regionen Deutschlands. Heute gleicht vor allem der Norden einem Armenhaus. Der Strukturwandel hin zu einer modernen Wissensgesellschaft ist hart.

Fans des Ruhrgebiets lieben ein Foto Westeuropas, aufgenommen vom Satelliten aus dem Weltraum. Das Bild zeigt von Gibraltar bis zur Ukraine die dunklen Umrisse der Länder, einige Lichtpunkte und drei hellleuchtende Flecken: London, Paris und das Ruhrgebiet.

Das industrielle Zentrum Deutschlands mit seinen rund 5,3 Millionen Einwohnern - eineinhalbmal so viel wie Berlin - ist immer noch der mit Abstand größte Ballungsraum des Landes. Doch es ist ein Ballungsraum in der Krise. Seit den 50er Jahren sind allein im Bergbau fast 500 000 gut bezahlte Jobs verloren gegangen. Massiver Arbeitsplatzabbau im Stahl kam dazu. Sozialtransfers hoch, Gewerbesteuern runter, Haushalte an der Überschuldungsgrenze - das ist seit Jahrzehnten Realität auch in Städten wie Duisburg oder Essen, die einst zu den reichsten in Deutschland zählten.

Die Region zerfällt in zwei Hälften mit der Autobahn A 40 zwischen Duisburg und Dortmund als "Sozialäquator". Im Norden gibt es Stadtviertel an der Verwahrlosungsgrenze mit Dauerarbeitslosigkeit, massiven Integrationsproblemen und zugeklebten Fenstern. Im Süden etwa rund um den Essener Baldeneysee sind Kaltmieten weit jenseits der 1000-Euro-Grenze normal. In Bochum-Stahlhausen (Nord) gehen nur 20 Prozent der Grundschulabsolventen aufs Gymnasium, ein paar Kilometer entfernt in Bochum-Stiepel (Süd) sind es 80 Prozent.

Die Chancenlosigkeit vor allem im Norden zementiert die deutlich überdurchschnittliche Arbeitslosigkeit der Region. Menschen im Ruhrgebiet sterben statistisch insgesamt früher, die Region verliert viel zu viel gut ausgebildete junge Akademiker durch Fortzug und überaltert so im Eiltempo. Die Kommunen sind durch jahrzehntelange Überschuldung vielfach kaum mehr handlungsfähig.

Ein Rückzug wie der von Opel aus Bochum trifft eine solche Region besonders hart, auch wenn es nur der letzte Schritt in einem langen Prozess ist, sagt der Regionalforscher Jörg Bogumil von der Bochumer Ruhr-Universität. Im Bochumer Opel-Werk seien in den besten Zeiten schließlich 20 000 Menschen beschäftigt gewesen. Heute sind es noch gut 3000. Das Werk steht auf altem Zechengelände, rund ein Fünftel der Mitarbeiter der ersten Schichten 1962 waren Ex-Kumpel - ein Strukturwandelprojekt der ersten Generation par excellence.

Heute vollzieht sich der Strukturwandel kleinteiliger, angetrieben vor allem von den Universitäten und Fachhochschulen. Die Region hat zwar fast eine halbe Million Bergbau-Jobs verloren, aber dafür nähert sich die Zahl ihrer Studenten der 200 000er-Marke. Staatliche Fördermittel etwa für die Kulturhauptstadt 2010 sollen die Standortqualität verbessern, damit mehr der Akademiker bleiben. Nach vielen Jahren traditioneller Gießkannenförderung setzt das Land jetzt Schwerpunkte - etwa in Bochum als NRW-weitem Schwerpunkt für Gesundheitswirtschaft mit einer neuen Fachhochschule, die gerade gebaut wird.

Fortschritte meldet schon Dortmund mit Deutschlands größtem Technologiezentrum rund um die Universität und rund 8500 hoch qualifizierten Arbeitsplätzen, Duisburg baut den Hafen erfolgreich zum Logistikzentrum aus. Der Dienstleistungsanteil der Region ist auf rund 70 Prozent gestiegen, auch wenn nicht alle dieser Jobs gut bezahlt werden.

Für die Zukunft will die Region ihre große Tradition in der Energieerzeugung und -verarbeitung fortschreiben. Bei der Energiewende könne das Ruhrgebiet, das mit RWE immerhin über einen Versorger im Dax verfügt, eine führende Rolle in Deutschland spielen, sagt etwa die Regionaldirektorin Karola Geiß-Netthöfel. Schon jetzt gebe es in der Region mehr als 100 Projekte zum Thema Klimawandel und Energieeffizienz.

"Phönix flieg", heißt ein Buch, mit dem der Initiativkreis der Ruhrindustrie für einen Neustart der traditionsreichen Region wirbt, die großen Anteil am deutschen Wirtschaftswunder hat. Ein Neustart aus der Asche der Montanzeit - der Weg dazu ist noch reichlich steinig. - lnw

Quelle: wa.de

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