Wo das Risiko lauert - Trainingsparcours soll Straßenwärter retten

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Mike Kartheuser springt bei der Premiere des "Risiko-Parcours Straßenbetriebsdienst" in Kaarst über ein Leitplanken-Modell. Der Parcours soll Mitarbeitern von Straßenmeistereien für kritische Situationen schulen.

KAARST - Der Job als Straßenwärter ist lebensgefährlich. Ein neu entwickeltes Spezialtraining soll den Arbeitern helfen, im immer dichteren Verkehr zu überleben.

Von Frank Christiansen

Der Lärm ist ohrenbetäubend, das Arbeitsgerät schwer und die Lücken zwischen den Autos sind klein. Wie lange werden die Straßenwärter noch geduldig warten, um zu Fuß die Autobahn zu überqueren? Wann wird der Zeitdruck über die Vorsicht siegen? Für die 2000 Straßenwärter in Nordrhein-Westfalen sind solche Entscheidungen tägliche Routine. Sie haben einen gefährlichen Job. Im Durchschnitt stirbt jedes Jahr einer von ihnen, 20 werden schwer verletzt.

Routine kann in ihrem Beruf auch zur tödlichen Gefahr werden. Ein neu entwickelter "Risiko-Parcours" soll die Routine durchbrechen und die Arbeiter auch nach Jahrzehnten neu sensibilisieren. Kann das gelingen? "Fortune" (Glück) heißt das Sicherheitsprogramm, mit dem die Straßenwärter in NRW künftig geschult werden. Am Montag wurde der Parcours in Kaarst bei Düsseldorf vorgestellt.

Wie schnell ist das Auto, dass da hinter dem Lkw hervorschießt, geschätzt durch den Rückspiegel eines Lastwagens? Wie weit ist der Lkw entfernt? Tempo 120, Entfernung 200 Meter. Straßenwärter Sascha Deike (34) hat einen guten Blick und schätzt alles richtig. Laien liegen oft weit daneben.

Ein Straßenwärter hält bei der Premiere des "Risiko-Parcours Straßenbetriebsdienst" in Kaarst Karten zum Schätzen von Entfernungen in die Höhe.

Es geht darum, die fünf Prozent, in denen die Straßenwärter an den Unfällen eine Mitschuld haben, zu minimieren. Das heißt auch: In 95 Prozent der Fälle sind sie macht- und schuldlos, wenn es knallt. Entsprechend skeptisch ist Deike, was das Sicherheitsprogramm angeht.

"Das Problem sind nicht wir, das Problem sind die Lkw-Fahrer - und die werden nicht geschult." Tagelöhner aus Osteuropa, die nach Kilometer und nicht nach Arbeitszeit bezahlt würden, "denen kann man gar keinen Vorwurf machen". Aber auch bei der deutschen Lkw-Prüfung spielten Baustellen keine Rolle. Ein elektronischer Abstands- und Bremsassistent als Pflicht für Lkw würde mehr bringen, meint Deike.

Gegen den Fernfahrer, der aus Müdigkeit oder Neugier aus der Kolonne mit seinem tonnenschweren Koloss kurz rauszieht auf den Standstreifen, sind Deike und seine Kollegen machtlos.

Wenig Verständnis haben sie auch für die Pkw-Fahrer, die mit Handy am Ohr oder überhöhter Geschwindigkeit in die Baustelle rasen, in der die Arbeiter gerade ihr Leben riskieren: "Das ist einfach respektlos."

Die Idee für den Parcours sei aus den Reihen der Straßenwärter gekommen, heißt es beim Landesstraßenbaubetrieb Straßen.NRW. Mitentwickelt wurde er von den Unfallkassen Nordrhein-Westfalens und Bayerns.

Übung 1: Gegenstände von der Fahrbahn sammeln, aber mit Bleiweste und Brille mit "Tunnelblick". Übung 2: Aus- und Einsteigen und dabei aus dem Rückspiegel die ausreichend große Lücke erkennen. Übung 3: Mit schwerem Gerät die Fahrbahn queren und plötzlich vor einer erhöhten Leitplanke stehen. Thomas Tenhagen (45) ist seit 30 Jahren dabei und findet den Parcours gut: "Man wird wieder sensibilisiert, auch nach 30 Jahren."

Ingenieur Reinhard Lenz leitet das Sicherheitstraining. Er weiß, es geht um Sekunden-Bruchteile und kleine Besonderheiten: "Sieht mich der Autofahrer, oder springe ich jetzt? Springe ich auch, wenn da Brennnesseln hinter der Leitplanke sind?"

Fast alle der Straßenwärter in Kaarst sind schon bei Unfällen dabei gewesen, einige wurden selbst verletzt. "Damit muss man erstmal klar kommen, das ist gar nicht so einfach. Die Bilder holen einen ein - besonders nachts", sagt Tenhagen. Inzwischen werde ein Straßenwärter-Team nach einem Unfall komplett ausgetauscht - früher wurde einfach weitergearbeitet. - lnw

Quelle: wa.de

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