Risiken im Ausland oder Stillstand zu Hause: Versorger am Scheideweg

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Eon-Vorstandsvorsitzender Johannes Teyssen

ESSEN - Die fetten Jahre sind vorbei, in Deutschland ist für die Stromriesen derzeit nur noch wenig Geld zu verdienen. Was jetzt? Die beiden Großen der Branche beantworten diese Fragen völlig unterschiedlich.

Die Energiewende setzt der Energiebranche schwer zu. Marktführer Eon präsentierte den Aktionären am Freitag genauso wie Konkurrent RWE vor zwei Wochen einen eher pessimistischen Ausblick. Die Gewinne schrumpfen. Auf der Suche nach neuen Ertragsbringern gehen beide aber unterschiedliche Wege. Eon investiert in Schwellenländern wie Brasilien und der Türkei. RWE dagegen will trotz derzeit enttäuschender Renditen "daheim" bleiben.

"Regional liegt unser Fokus weiter auf Europa. Hier sind wir zuhause und hier sind wir gefordert", hatte RWE-Chef Peter Terium jüngst auf der Hauptversammlung gesagt. Von Abenteuern in weit entfernten Ländern mit Sprach- und Kulturunterschieden hält er nichts. "Träumen kann man immer", sagte Terium der Zeitschrift "Capital". "Aber ich glaube nicht an Märchen. Investieren im Ausland ist eine knochenharte Arbeit, dort hat niemand Geld zu verschenken."

Eon-Chef Johannes Teyssen sieht das ganz anders. "Wer wagt, kann mit solchen Zukunftsgeschäften viel gewinnen. Wer sich trotz schrumpfender Basis in der Heimat ängstlich nicht bewegt, hat schon verloren", sagte der kämpferisch auftretende Eon-Chef in seiner Hauptversammlungsrede. Der Seitenhieb auf Konkurrent RWE war nicht zu überhören.

Die Eon-Aktionäre sind allerdings eher skeptisch. "Jetzt lernt der Vorstand portugiesisch", spöttelte ein Aktionärsschützer. Sorgen macht vielen, dass Eon in Brasilien etwa wegen finanzieller Probleme des dortigen Geschäftspartners Eike Batista schon hohe Summen nachschießen musste. Das Gesamtinvestment beträgt inzwischen mehr als 1,1 Milliarden Euro.

"Man hat den Eindruck, Eon verdient sein Geld in Deutschland, um es im Ausland zu verbrennen", sagte Fondsmanager Ingo Speich von Union Investment. Er spielte damit auf den milliardenschweren Einstieg von Eon in Südeuropa noch unter der Regie von Teyssen-Vorgänger Wulf Bernotat an. Inzwischen hat der Konzern einen großen Teil davon wegen der Wirtschaftskrise abgeschrieben. Auch das Fiasko des ThyssenKrupp-Konzerns mit seinen brasilianischen Werken haben viele im Kopf.

Eon glaubt fest an die Auslandsstrategie. Es gehe um "substanzielle Geschäfte mit gewaltigen Perspektiven für spätere Jahre", betonte Teyssen. Der Energiehunger in Brasilien ist gewaltig, noch in diesem Herbst soll dort das erste Gemeinschaftskraftwerk ans Netz gehen. Ab der zweiten Hälfte des Jahrzehnts - also in zwei bis drei Jahren - rechnet Eon mit Ergebnisbeiträgen.

Teyssen wies auch den Eindruck zurück, dass Auslandsengagements sich für Eon bislang nicht gelohnt hätten. Er verwies etwa auf Russland, wo Eon Milliarden investiert habe. Dafür flößen jetzt aber auch hohe Gewinne. "Den größten Schaden haben wir nicht im Ausland, sondern durch politische Eingriffe hier im Lande erlitten", sagte der Manager mit Blick auf den Atomausstieg.

Die derzeitige Konjunkturschwäche in Europa, die den Energiekonzernen neben den politischen Eingriffen derzeit das Geschäft verhagelt, kann freilich nicht ewig dauern. Sobald die Wirtschaft vor allem in Südeuropa wieder anspringt und die Fabriken mehr produzieren, wird der Strompreis voraussichtlich wieder steigen. Das ist jedenfalls die große Hoffnung von RWE. Dann könnte derjenige als Sieger hervorgehen, der abgewartet hat.

Johannes Teyssens Weg ist das nicht. Er agiert lieber statt abzuwarten. Den über Jahre abgesackten Eon-Kurs zum Fliegen zu bringen - das wünschten sich Aktionärsvertreter am Freitag vom Eon-Management. Aber wer fliegt, kann auch abstürzen. - dpa

Quelle: wa.de

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