Ralf Nacke ist Ersatz-Papa für ein Känguru-Baby

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Tierpfleger Ralf Nacke hält seinen Schützling in den Armen.

Münster - Das kleine noch namenlose Känguru-Mädchen steckt neugierig den Kopf aus seinem blau-weiß gestreiften Rucksack – und auch wenig später, umhüllt von einem weichen Handtuch, fühlt es sich in den Armen seines Ersatz-Papas Ralf Nacke sichtlich wohl.

Der Tierpfleger des Allwetterzoos Münster kümmert sich seit knapp zwei Monaten um das verwaiste Känguru-Kind. Die beiden sind inzwischen ein eingeschworenes Team. 

Dahinter steckt eine traurige Geschichte: Als das Bennett-Känguru etwa drei Monate alt und 750 Gramm schwer war und noch vollständig im Beutel seiner Mutter lebte, musste diese eingeschläfert werden. Ein schwerer bakterieller Infekt hatte sich vom Kiefer bis ins Gehirn gefressen, berichtet Ralf Nacke. 

Eine Rund-um-die-Uhr-Aufgabe

Da habe er sich entschieden, als Ziehvater für das verwaiste Jungtier einzuspringen. Das ist eine Rund-um-die-Uhr-Aufgabe, eine Herausforderung. 

„Ich habe schon Menschenaffen mit aufgezogen, oder Jungvögel. Aber ein Känguru vorher noch nicht. Das ist schon völlig ungewohnt, wenn zuhause plötzlich so ein Alien durch die Wohnung hoppelt“, sagt der 55-Jährige und verweist auf das magere Erscheinungsbild und die großen Füße des Tieres. 

Känguru-Nachwuchs im Allwetterzoo Münster

Seine Rolle als Känguru-Ziehvater sei nicht vergleichbar mit dem Elternsein für die eigenen Kinder, sagt der Vater zweier Töchter. Das Stichwort „Nachtschicht“ fällt ihm dennoch ein: „Da fiept plötzlich alle zwei Stunden nachts das Känguru, weil es Hunger hat. Dann steht man auf, gibt ihm das Fläschchen und versucht, danach weiterzuschlafen.“ 

Inzwischen sei das weniger geworden – alle viereinhalb Stunden etwa gibt es aus Holland eingekaufte Spezialmilch, eine Flüssigkeit, die er Mahlzeit für Mahlzeit aufs Gramm genau anrührt. 

Dr. Dirk Wewers, Kurator des Allwetterzoos Münster, erklärt, dass Kängurus in den ersten Lebensmonaten ununterbrochen an einer Zitze ihrer Mutter hängen und erst nach drei Monaten gelegentlich aus dem Beutel spähen. Insofern sei der Zeitpunkt für den Übergang zur Flasche in diesem konkreten Fall einigermaßen günstig gewesen.

Keine Trauer nach dem Tod der Mutter 

Trauer nach dem Tod der Mutter sei bei Kängurus übrigens nicht spürbar, sagt er, „wohl aber die dringende Suche nach Wärme und Nahrung“. Inzwischen ist das Mädchen ein knappes halbes Jahr alt und bringt 1250 Gramm auf die Waage. 

Die Integration in die Känguru-Gruppe des Zoos erfolgt endgültig erst mit einem Jahr, „aber ich muss so langsam schon mal anfangen, sie hier einzugewöhnen“, sagt Ralf Nacke. Den ersten Probelauf hat die junge Dame am Montag jedenfalls mit Bravour gemeistert – sprang unter den Augen zahlreicher Besucher neugierig und selbstsicher durchs Gehege. 

„Die Integration sollte kein Problem werden“

„Die Integration sollte kein Problem werden“, sagt Wewers. „Kängurus leben zwar in Gruppen, sind aber Einzelgänger, die keine Bindung zueinander aufbauen.“ Eine besondere Verbindung zu Ralf Nacke besteht offenbar schon. „Wenn ich sie in ihrem Rucksack zuhause absetze und dann zum Beispiel in die Küche gehe, sucht sie mich und kommt hinterher.“ 

Besondere Erlebnisse sind wohl oftmals auch die Fahrten zur Arbeit. Die junge Känguru-Dame sitzt dann behaglich in ihrem Rucksack auf dem Rücken ihres Ersatz-Papas und lässt sich von ihm auf dem Fahrrad zum Zoo chauffieren. Das Gespann hat in Münster schon häufig Blicke von Passanten auf sich gezogen – wenn das Känguru aus dem Rucksack linste.

Das Zoo-Team um Direktor Dr. Thomas Wilms bietet ab sofort bis Mitte August zweimal wöchentlich einen Känguru-Treff in dem begehbaren Gehege an. Die Zoo-Besucher können das Känguru-Mädchen dann aus der Nähe sehen und seine Entwicklung mitverfolgen. Das Zoo-Personal will Fragen beantworten. Los geht es morgen und Freitag sowie ab kommender Woche immer montags und mittwochs ab 11 Uhr.

Quelle: wa.de

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