„Promethiade“ auf der Zeche Zollverein Essen

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Aufstehen, aber wohin? Szene aus der Prometheus-Bearbeitung „Vergessen in zehn Schritten“. ▪

Von Achim Lettmann ▪ ESSEN–Das helle Licht der Aufklärung ist verstrahlt, die menschliche Kultur als Weg der Erleuchtung verloren. So rabiat und konsequent taucht die Regisseurin und Dramatikerin Sahika Tekand ihre Antithese zum Prometheus-Mythos in Dunkelheit. Ein Mann steht da mit Stühlen bepackt, ein Träger, ein Arbeiter vielleicht, dem fünf weitere folgen werden in der Inszenierung „Vergessen in zehn Schritten“. Sie sehen mitgenommen aus, hilflos unter ihrer Last. Was sollen sie tun? Absetzen, weitergehen? Es wird eine ewig Suche für Prometheus‘ Erben.

In der Halle 5 auf der Zeche Zollverein in Essen hebt die Promethiade an, ein internationales Theaterfestival mit drei Bühnenarbeiten zum griechischen Mythos. Vergessen hat Sahika Tekand Prometheus nicht, wie er gegen den Willen Zeus‘ das Feuer nahm und es den Menschen gab. Humanisten feierten ihn als antiken Schöpfer des Menschengeschlechts selbst. Sein Feuer war der Anfang, um sich von den Göttern zu emanzipieren und eine Kultur zu begründen. Prometheus galt als kühner Wegbereiter der Zivilisation, des Fortschritts an sich. Aber Sahika Tekand, deren Inszenierung bereits in Athen und der Kulturhauptstadt Istanbul gezeigt wurde, sieht auch Parallelen zum leidenden Prometheus, der später büßen muss und von Zeus an einen Felsen im Kaukasus geschlagen wird. Dort frisst ihm ein Adler die Leber an. Es dauert.

Solche plakativen Bilder gibt die Inszenierung in Essen nicht her. Minimalistisch geht Tekan vor. Sie hatte sich bereits mit einer antiken „Ödipus“-Trilogie befasst. Die Männer sind in sich gefangen. Noch immer tragen sie die Stühle. Einer will alles hinschmeißen; einer weiß, dass das Denken schwer wird, je mehr man zu tragen hat. Es sind alltägliche Gedanken zu hören, die jeder kennt. Hat man denn noch die Wahl oder ist alles schon Illusion? Mit diesem Kernsatz deutet Regisseurin Tekan ihre Skepsis gegenüber der Mediengesellschaft an, die Freiräume in Bytes erfasst und Möglichkeiten im Internet verlinkt. Heraus kommt ein Individuum, das sich im Strom der Reglementierungen längst verliert.

Die Männer, alle einheitlich in schwarzen Shirts und Hosen gekleidet, reagieren (ohne Stühle) auf eine tiefe Stimme. Mit der Freiheit können sie nichts anfangen. Sie brauchen Orientierung auf der kargen Spielfläche, die nur durch wechselweise erleuchtete Vierecke erkennbar wird. Sie geraten in Gleichschritt, wirken kopflos oder hocken dann wieder auf Stühlen – gefesselt. Die Männer sind in einen Diskurs ohne Ausweg gezwungen. Sie fallen auf die Knie, rutschen umher, quälen sich, verbiegen sich. Nur ein paar Motive wie Kohle, Vater, Schwester und Militärputsch erinnern an historische Bezüge. Aber jedes Persönlichkeitsprofil wird im Rasterlicht der Postmoderne egalisiert. Prometheus‘ Kulturinitiative hat in Tekands Lesart vor allem Verwirrung gestiftet. „Gibt es einen Ausweg?“ lässt sie von einer Frau fragen, die allein umher läuft. Die Männer haben keinen gefunden.

Für die Ruhr.2010 ist Prometheus ein Titan, der für die vorreligiöse Orientierung in Europa steht, ein gemeinsamer Ausgangspunkt unserer Kultur.

Promethiade

Vorstellungen auf Zollverein:

Prometheus in Athen vom Rimini Protokoll. Eine Filmvorführung. 31. Juli, 19.30 Uhr in der Halle 5.

Prometheus, gefesselt von Aischylos. Inszeniert von Theodorus Terzopoulos und Jannis Kounellis. 5. bis 7. August, 19.30 Uhr, Gleisboulevard.

Tel. 0201 / 8122 200

Quelle: wa.de

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