Problematische Lebensretter: Babyklappen weiter umstritten

DUISBURG- Viele Babyklappen in Nordrhein-Westfalen sind im vergangenen Jahr leer geblieben. In einigen Fällen jedoch konnten sie Leben retten. Davon sind die Betreiber an Kliniken und sozialen Einrichtungen trotz nicht abnehmender Kritik überzeugt.

Lebensrettende Einrichtung oder Angebot, das künstlich Findelkinder schafft: Der Streit um Babyklappen schwelt, seit es sie gibt. Ungeachtet der Debatte ist in Nordrhein-Westfalen ein dichtes Netz aus 25 Babyfenstern entstanden, das auch im vergangenen Jahr genutzt wurde: So wurden in Essen 2012 zwei Neugeborene in einem Babyfenster abgelegt, zwei weitere in Köln. Auch in ländlichen Regionen wie in der Gemeinde Hüllhorst Ahlsen im Kreis Minden-Lübbecke wurde die Klappe genutzt. Dort wurden in dreizehn Jahren schon fünf Kinder abgelegt, eines im vergangenen Jahr.

Wie in Hagen, Gelsenkirchen und Dortmund blieb in Duisburg im vergangenen Jahr die Klappe leer. Überflüssig werde sie jedoch nie sein - davon ist Regina Lange überzeugt, die zuständige Schwester der Kinderintensivstation der Helios St. Johannes Klinik Duisburg. Seit elf Jahren können verzweifelte Mütter an der versteckt liegenden Klappe ihr Neugeborenes abgeben - und dabei anonym und straffrei bleiben.

"Damit wollen wir verhindern, dass sie in einer ausweglos scheinenden Situation ihre Kinder aussetzen, erfrieren oder verhungern lassen", sagt Schwester Regina. Die Gründe, die Mütter dazu treiben, ihr Kind unerkannt bei einem Krankenhaus abzugeben, seien vielfältig: Überforderung mit dem eigenen Leben, in dem der Säugling keinen Platz hat, Geldnot. Immer wieder verdrängen Frauen eine ungewollte Schwangerschaft - und sind dann von der Geburt so überrascht, dass sie das Kind nicht annehmen können.

Neun Kinderleben habe die Klappe in Duisburg seit Bestehen gerettet, berichtet die Schwester. Einer Studie des Deutschen Jugendinstituts zufolge wurden seit Ende der 1990er Jahre bis 2010 bundesweit 278 Kinder in Babyklappen abgelegt. Dass Babyklappen tatsächlich Leben retten, wird jedoch von Kritikern bezweifelt.

Die Kinderhilfsorganisation Terre des Hommes setzt sich für eine Abschaffung der Babyfenster ein. Die auf ähnlichem Niveau bleibende Zahl von Kindestötungen zeige, dass Babyklappen nicht die gewünschte Wirkung erzielten, sagt Michael Heuer, Pressereferent bei der Organisation: "Mütter, die ihr Kind töten, handeln in einer Panikhaltung, in der sie gar nicht in der Lage sind, die Babyklappe als Option wahrzunehmen", argumentiert er.

So erreichten die anonymen Abgabestellen einen gegenteiligen Effekt: "Es werden künstlich Findelkinder geschaffen." Zudem bestehe durch die Anonymität die Gefahr des Missbrauchs: "Wer kann garantieren, dass nicht etwa Zuhälter schwangere Prostituierte zwingen, ihre Kinder dort abzugeben?" Zudem verletze die anonyme Abgabe das Grundrecht des heranwachsenden Kindes auf Kenntnis seiner Herkunft. Auch der deutsche Ethikrat und der Deutsche Kinderschutzbund halten Babyfenster aus diesen Gründen für problematisch.

Klappenbetreiber und Kirchenvertreter verteidigen sich gegen die Kritik. Der Essener Weihbischof Franz Vorrath sieht in jedem abgelegten Kind eine Existenzberechtigung für ein Babyfenster, wie es etwa auch in Essen betrieben wird. Kirche und Gesellschaft müssten zwar alles tun zu verhindern, dass Mütter in solch extreme Notlagen kommen. "Doch so lange das noch anders ist, muss auch dieses Fenster offen bleiben."

Auch in Duisburg wird man weiter für die Babyklappe eintreten. "Das ist der letzte Weg, den Mütter sehen, um ihr Kind nicht zu töten", sagt Elke Reutershahn, Oberärztin an der Duisburger Kinderklinik. Ihr Kind in der Babyklappe abzulegen, sei für keine Mutter eine leichtfertige Entscheidung. "Nur ist sie nicht unwiderruflich, so wie es etwa wäre, wenn eine Frau ihr Kind im Wald ablegt und es dort stirbt". Schwester Regina Lange betont: "So wichtig ein Recht auf Wissen um Herkunft auch sein mag: Leben ist immer das Höchste." -dpa/lnw

Quelle: wa.de

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