Probelauf für Notruf per SMS

KÖLN - Das Schlafzimmer brennt. Ein Mann ist in den Flammen gefangen und will die Feuerwehr rufen, „112“ in sein Handy tippen. Doch weil er gehörlos ist und nicht sprechen kann, bleibt ihm nur eine Möglichkeit: Er muss ein Fax schicken. Ein Notruf per SMS hätte ihm vielleicht lebenswichtige Minuten gespart.

„In einem Notfall hat man keine Zeit, ein Fax zu formulieren, sich neben das Gerät zu setzen und das Papier durchlaufen zu lassen. Das ist einfach nicht praktikabel“, sagt Pierre-Enric Steiger von der Björn-Steiger-Stiftung, die an einem neuen textbasierten Notruf per SMS arbeitet. Wenn alles klappt, soll die neue Technik bis zum Sommer als Pilotprojekt starten.

Rund 1,5 Millionen Menschen zählt der Deutsche Schwerhörigenbund bundesweit, die von Geburt an oder wegen eines Unfalls nicht richtig telefonieren können. Hinzu kommen in ganz Deutschland etwa 800 000 Stotternde, die gerade bei einem Brand oder Unfall zu aufgeregt sein könnten, um sich am Telefon klar auszudrücken.

„Diese Menschen haben ein Problem“, sagt Volker Meyer vom Deutschen Feuerwehrverband. Wer unterwegs Hilfe benötigt, wird kaum ein Faxgerät finden – ein Handy hat fast jeder. „Im Moment versuchen sie, sich gegenüber Dritten verständlich zu machen und hoffen, dass ihre Nachricht verstanden wird“, erklärt Meyer, weiß aber: „Das sind alles Kompromisse.“

Nicht nur Menschen mit Sprachbarrieren sind betroffen. Eine Notfall-SMS könnte in besonders lauter Umgebung ebenso helfen wie bei einer Schlägerei, bei der Zeugen sich durch den lautlosen Polizeiruf selbst schützen könnten. Auch bei niedrigem Batteriestand und schlechtem Netzempfang hätte eine Kurznachricht vom Handy bessere Aussichten, ihr Ziel zu erreichen als ein Telefonat.

Bei der Kölner Polizei melden sich Hilfesuchende bereits per SMS. „Bin gehörlos. Brauche Krankenwagen. Mann mit Herzinfarkt. Vor Post. Sudermanplatz Neustadt Nord.“ So könnte eine Nachricht lauten, wie sie hin und wieder die Kölner Leitstelle erreicht. Auch in anderen Bundesländern gibt es erste Versuche. Doch weil eine bundesweite Regelung fehlt, unterscheiden sich die Not-Nummern je nach Leitstelle und dem eigenem Netzbetreiber – eine Nachricht an die Rufnummern 110 und 112 erreicht die Rettungskräfte nicht.

„Die Schwierigkeit liegt darin, alle Informationen in einer SMS haben zu müssen“, sagt ein Sprecher der Kölner Polizei. Denn im Schnitt müssten Retter pro Notruf acht Rückfragen stellen, was per SMS bis zu 20 Minuten dauert, heißt es beim Bundesinnenministerium. Größere Sorge bereitet dem Gesetzgeber der „Silvester-Effekt“: Weil Nachrichten über einen Server geleitet werden, kann sich der Notruf anders als beim Fax Minuten, Stunden oder einen ganzen Tag verzögern.

Pierre-Enric Steiger widerspricht. Bei einem Test mit knapp einer Million SMS hätten nur zwei Prozent länger als fünf Minuten bis an ihr Ziel gebraucht, 98 Prozent kamen sofort an. „Zugespitzt formuliert: Weil wir zwei Menschen nicht retten können, lassen wir 98 sterben.“ J dpa

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare