Vor 50 Jahren

Pocken ausgebrochen: Sauerland neun lange Wochen im Ausnahmezustand 

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Überdruck-Schutzanzüge und Gasmasken trugen die Fahrer bei den Krankentransporten von Meschede nach Wimbern.

Das Sauerland im Ausnahmezustand: Vor 50 Jahren brechen die Pocken aus. Die Menschen haben Angst vor Ansteckung: In Meschede, wo der erste Fall festgestellt wird. In Suttrop und Warstein, wo ein weiterer Erkrankter lebt und zum Arzt geht. In Wickede-Wimbern, wo die Kranken isoliert und gepflegt werden. Und im Umland, wo man Anfang 1970 Menschen aus dem Pockengebiet meidet

Meschede/Wickede – Vier Tote, 20 Kranke, 303 Männer , Frauen und Kinder in wochenlanger Quarantäne – das ist die Bilanz des letzten großen Pockenausbruchs in Deutschland. Am 15. Januar 1970 wird der erste Fall bestätigt, am 16. März 1970 ist der Kreis Meschede offiziell wieder pockenfrei.

Eine Woche später, am 23. März, wird die 21-jährige Schwesternschülerin Magdalena Geise als letzte aus der Isolierstation entlassen. Sie hat die Pocken überlebt, nach zwei Wochen in Fieberdelirium und Schmerzen, mit Entzündungen und Eiterpusteln von Kopf bis Fuß. In einem WDR-Interview erinnert sie sich Jahre später an den Schock, als sie sich in einem Taschenspiegel sieht. Den Spiegel habe sie an die Wand geworfen. „Ganz entstellt, aufgedunsen, diese schrecklichen Verkrustungen am Gesicht. Dann gingen mir die Haare aus...“

An den Pocken erkrankt: Die 21-jährige Schwesternschülerin Magdalena, von der Krankheit gezeichnet.

Pocken kommen mit dem VW-Bulli aus Asien

Bernd K. hat die Pocken nach Meschede gebracht. Der 20-jährige Elektromonteur hatte über Freunde, die in Bochum studierten, einen Platz in einem VW-Bulli ergattert, der Ende August 1969 nach Asien aufbrach. Anfang Januar 1970 kommt er krank und entkräftet wieder bei seiner Familie an. Im Krankenhaus wird er wegen Typhus-Verdacht behandelt, als Hautflecken auf seinem Bauch erscheinen, dann Pusteln. Die Mediziner haben gleich die richtige Vermutung: Pocken. Am 15. Januar wird die Diagnose bestätigt.

17 Personen haben sich da im St. Walburga-Krankenhaus schon infiziert, auch Magdalena Geise. Keine hatte direkten Kontakt zu K. Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) stellen Monate später fest, dass Zug- und Heizungsluft die Viren durch Treppenhaus und Essensaufzug im Gebäude verteilt hat.

Bernd K., seine Eltern und drei jüngere Geschwister, Mitpatienten, ein Taxifahrer und andere Kontaktpersonen werden am 16. Januar unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen aus Meschede in die gerade erst eingerichtete Pockenbehandlungsstelle Wimbern gebracht. Dort pflegen Steyler Missionsschwestern die Kranken. Der Kreis Soest verfügt über ein Spezialfahrzeug, einen weißen Mercedes-Kombi mit Desinfektionsanlage. Fahrer Alfons B. hat sich freiwillig gemeldet und wird selbst zur Kontaktperson: Nach mehreren Tagen im Einsatz zwischen Meschede und Wimbern geht auch er in Quarantäne.

Ein Leichenwagen transportierte den Sarg der 17-jährigen Schwesternschülerin aus der mit Zäunen und Stacheldraht gesicherten Station in Wimbern zum Krematorium nach Dortmund. Weil sich Bestattungsunternehmer weigerten, trugen Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung Wickede und eine Ordensschwester den mehrfach desinfizierten Sarg.

Quarantäne in Erholungs- und Landschulheimen

Mittlerweile sind Plätze knapp. Abgelegene Erholungs- und Landschulheime in Meschede, Warstein, Olpe, Bestwig und Suttrop werden geräumt. 303 Menschen kommen im Laufe der Wochen hier unter, zwei erkranken im Landschulheim „Haus Dortmund“ und werden nach Wimbern verlegt. Für die Übrigen heißt das: Die 18-tägige Absonderungszeit beginnt von vorn. Wer dann keine Symptome aufweist, darf nach Hause.

Trotzdem scheint die Stimmung gut zu sein. Man spielt Karten und trinkt abends ein Bier zusammen, heißt es in einer täglichen Zeitungskolumne aus der Quarantäne. Alfons B., der Krankenwagenfahrer und Zeremonienmeister der Oestinghauser Karnevalisten, sendet Grüße an die Prunksitzung, die ohne ihn tagt.

17-jährige Schwesternschülerin ist das erste Todesopfer

Vier Tote forderte das Pockenvirus im Sauerland. 

Dann gibt es das ersten Todesopfer: Am 29. Januar stirbt die 17-jährige Schwesternschülerin Barbara B., zwei Tage später ein 79-jähriger Patient, am 12. Februar ein 60-Jähriger und am 19. Februar eine 81-jährige Ordensfrau. „Die Toten sorgten für eine massive Panik vor Ort“, sagt der Münsteraner Historiker Malte Thießen. Er hat sich mit Forschungen über „Impfen in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert“ habilitiert.

Die Panik nimmt zu, als zeitgleich ein möglicher zweiter Infektionsherd bekannt wird: Der Suttroper Steinbruchunternehmer Fritz F. (42) geht mit Fieber und Gliederschmerzen zum Hausarzt in Warstein. Der schöpft gleich Verdacht, doch F. ist sicher, lange vor K.s Einlieferung im Mescheder Krankenhaus gewesen zu sein. Später korrigiert er sich: Er war am 12. Januar im Flur vor der Isolierstation, auf der bereits Bernd K. lag. Und sein Hausarzt hat nach F. am gleichen Nachmittag noch rund 70 Patienten behandelt. 156 Kontaktpersonen müssen in Quarantäne.

Nach zweieinhalb Wochen ist klar: Niemand ist erkrankt, auch nicht seine Frau und die sechs Kinder, und F. selbst überlebt die Pocken.

Erster Patient überlebt - und erlebt Wut und Hass

Bernd K. übersteht das Virus ebenfalls, er ist bis zum 22. März 1970 der zweitletzte Patient in Wimbern. Er wolle eine Ausbildung zum Krankenpfleger machen, berichtet die Lokalzeitung, und er helfe „aufopfernd bei der Versorgung der Kranken“. Doch das besänftigt die öffentliche Meinung nicht.Wut und Hass schlagen Bernd K. entgegen. „Er gab den perfekten Sündenbock ab“, meint Thießen: „Insofern ist der Pockenausbruch im Sauerland ein typischer Fall für das Wechselspiel von Seuchen und sozialen Ausgrenzungen, das bis heute – und nicht nur im ,finsteren Mittelalter’ – zu beobachten ist.“

Denn K. ist der Prototyp des „Gammlers“, der Protestgeneration rund um „1968“, denen nicht nur lange Haare und Leistungsverweigerung vorgeworfen wird: „Sie ziehen durch die Lande, ganz frei und ungeniert. / Die Haare bis zum Rumpfe, voll Läuse, unrasiert. / Und in den Taschen Rauschgift, die Pest und Cholera. / Und auf dem Balg die Pocken, Moral, für sie Skandal“, heißt es in einem Hohngedicht über K. und „Die Pockenhippies!“, das jemand an die Tageszeitung schickt. Die schildert K.s Pakistan-Trip so: „Acht Mitglieder der Bochumer Kommune, die von ideologischen Vorstellungen sehr schnell weg, dafür aber mit Rauschgift in Berührung kamen, fuhren (...) mit einem Kleinbus über Jugoslawien und die Türkei nach Westpakistan, um dort zu gammeln und Haschisch zu rauchen.“

Morddrohungen gegen Patienten und seine Familie

K. und seine Familie erhalten Morddrohungen. Die Quarantäne-Ärzte befürchten einen Selbstmord der Eltern. Prof. Dr. Hellmut Ippen von der Uniklinik Düsseldorf, der im Auftrag der Landesregierung ständig in Meschede ist, besorgt dem Vater einen neuen Arbeitsplatz: „Die Familie muss hier bei Nacht und Nebel raus.“ Ippen wirbt auch um Verständnis für den 20-Jährigen, der „bis zu seinem Lebensende entstellt“ sei und nicht habe wissen können, „daß seine Pockenimpfung in Istanbul wirkunglos war“.

Ohnehin war die Impfpraxis seit Jahrzehnten lasch, trotz Impfpflicht, berichtet Thießen. K. hätte bei ordnungsgemäßer Kontrolle seines Impfpasses auf dem Flughafen direkt in Quarantäne genommen werden müssen.

"Die haben denen das Leben zur Hölle gemacht"

Was aus ihm wurde, ist unbekannt. Er habe sich erhängt, heißt es. Magdalena Drinhaus, so heißt die damalige Schwesternschülerin seit ihrer Heirat, kennt andere Gerüchte: Er soll nach Berlin gegangen sein oder nach Spanien, unter neuem Namen. Sicher ist nur: „Die ganze Familie ist weggezogen, die haben denen hier das Leben zur Hölle gemacht.“

Magdalena Drinhaus litt lange unter den Folgen der Pocken. Nur langsam heilten die Narben ab, wuchsen die Haare. Sie arbeitete wieder im Krankenhaus, heiratete, bekam Kinder, lebt in Meschede. Die Furcht, von den Menschen gemieden zu werden, legte sich.

Magdalena Drinhaus, geb. Geise, heute.arbeitete wieder im Krankenhaus, heiratete, bekam Kinder, lebt in Meschede

Die Angst der Anderen isolierte vor 50 Jahren trotzdem viele Sauerländer: „Sonderzüge aus dem Ruhrgebiet ins Hochsauerland, die für Wintersportler eingesetzt waren, (blieben) leer. Die Geschäftshäuser hatten wenig Kauflustige“, notiert in Wimbern Ordensschwester Ewaldina Funke. Auszüge ihrer Chronik hat der Verein „Dorf Wimbern“ veröffentlicht.

Andere Vorfälle stehen in der Tageszeitung: An Tankstellen in Essen und Recklinghausen gibt es keinen Sprit für Autos mit MES-Kennzeichen. Das Hennesee-Hotel schließt, weil die Gäste abgereist sind und die Großwäscherei die Wäsche nicht annimmt. Die Bundeswehr sagt einen Kampflehrgang in Winterberg ab. Ein Tüv-Angestellter aus Hagen will in Meschede keine Fahrprüfungen abnehmen. Die Warsteiner Brauerei teilt mit, dass die komplette Belegschaft geimpft sei und es „keinerlei Infektionsmöglichkeiten über Bier“ gebe.

Irgendwann in diesen Wochen rollen nachts Panzer durch Meschede. Aufgeschreckte Bewohner sind sicher: Die Stadt wird abgeriegelt, keiner kommt mehr raus, alle werden sterben. Aber es sind nur belgische und britische Einheiten auf dem Weg zu einer Übung.

Durch Impfen ausgerottet

Die Pocken sind weltweit ausgerottet – das verkündete die Weltgesundheitsorganisation (WHO) am 26. Oktober 1979. Das hoch ansteckende Variola-Virus war nach einer weltweiten Impfkampagne ausgestorben: Seit 1967 wurde jeder Verdachtsfall aufgeklärt, weshalb eine WHO-Delegation auch nach Meschede und Wimbern kam, und mit Massenimpfungen bekämpft. Eine Therapie gegen Pocken gibt es nicht; etwa jeder dritte Erkrankte starb.

Die Ausrottung eines Virus gelang hier zum ersten und bislang einzigen Mal. Das war möglich, weil Variola (genauso wie Masern) ausschließlich Menschen als Wirt nutzt und sich nicht in Tieren vermehrt wie das Ebola-Virus, das daher viel schwieriger zu bekämpfen ist.

In Deutschland war die Pockenimpfung ab 1874 Pflicht. Das galt gut 100 Jahre lang. Über eine Ritzstelle im Oberarm wurde der Impfstoff in den Körper eingebracht. War die Impfung erfolgreich, bildete sich oft eine Pustel, die zu einer Delle am Oberarm vernarbte. Am 12. Februar 1976 hob der Bundestag die Impfpflicht auf, denn inzwischen galten die Nebenwirkungen (z.B. Hirnhautentzündung) im Vergleich zur gesunkenen Pockengefahr als zu riskant. Die Impfpraxis war schon in der Nachkriegszeit lax geworden, weil Deutschland als pockenfrei galt. Allerdings gab es in NRW vor dem Ausbruch in Meschede auch schon Epidemien in Düsseldorf (1961/62) und in Simmerath (1962).

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wurden Pockenviren als möglicher biologischer Kampfstoff wieder zum Thema: In Laboren in Russland und den USA lagert das Virus noch. Falls es in falsche Hände gerät und um gegen einen Terroranschlag gewappnet zu sein, legte die Bundesrepublik 2003 wieder Impfreserven mit 100 Millionen Dosen an.

Quelle: wa.de

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