„Pilgern im Pott“ auf 20 Etappen – Ein Testlauf

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Brigitte Steinert drückt in der Marienkirche vor dem Altarbild von Conrad von Soest den Stempel der Gemeinde in den Pilgerpass . ▪

Von Bernd Luig ▪ DORTMUND–Die Organisatoren sprechen vom „Schlappenbereich“. Direkt vor der eigenen Haustür möchten sie Körper und Geist in Gang bringen, ohne große Anreise, leicht wiederholbar – beim „Pilgern im Pott“. 24 evangelische Kirchengemeinden stellen das Projekt zur Ruhr.2010 auf die Beine. In 20 Tagesetappen geht’s die Emscher hinauf – von der Mündung in Dinslaken bis zur Quelle in Holzwickede. „Bewusst gegen die Fließrichtung: von West nach Ost, der aufgehenden Sonne, dem Licht, der Orientierung entgegen“, wie die Initiatoren betonen.

Der Abschnitt zwischen der St. Marienkirche in der Dortmunder Innenstadt und der Lutherkirche in Hörde zählt fast schon zum Schlussspurt. Ohne Schlappen zugegebenermaßen, dafür mit Wanderschuhen und Proviant im Rucksack beginnt dieser Testlauf dort, wo niemand einen Pilger erwartet – am Ostenhellweg. Kauflustige Konsumenten hetzen an den Schaufenstern vorbei. Die Tür der St. Marienkirche steht offen.

Drinnen überrascht ein besonderer Service. Brigitte Steinert lebt vor, was sich die Planer der besinnlichen Wanderroute durchs Ruhrgebiet besonders wünschen. Mit ihr kommt jeder Besucher sofort ins Gespräch. Sie arbeitet als eine von zwei festangestellten Kirchenführerinnen der Gemeinde, hat dafür eine spezielle Ausbildung absolviert. „Vor zehn Jahren habe ich mein Hobby zu diesem schönen Beruf machen können “, reagiert die Blondine auf den verdutzten Gesichtsausdruck ihres Gegenübers. Museumspädagogische Ansätze seien für sie wichtig. „Führungen mit allen Sinnen.“

Die gelernte Industriekauffrau, die ihr Geld früher in der Stahlbranche verdiente, findet in der ältesten der vier Dortmunder Stadtkirchen ein facettenreiches Betätigungsfeld. In der ab 1170 errichteten Basilika zieht der prächtige Marienaltar die Blicke an. „Ursprünglich war das ein Triptychon, sechs Meter breit“, erklärt Brigitte Steinert. „Dieses Werk spätgotischer Malerei stammt von dem Dortmunder Maler Conrad von Soest. Es entstand um 1420.“ Von dem prachtvollen Schmuckstück – „Es wirkt wie eine Perle aus einem Diadem“ – lenkt die Kirchenführerin das Augenmerk auf die Goldene Muttergottes von Dortmund, auf das älteste Kunstobjekt. „Schon um 1230 geschnitzt. Wahrscheinlich wurde sie bei Prozessionen getragen.“

Häufig geben sich in der St. Marienkirche nach ihren Worten Besucher die Klinke in die Hand. Einige Pilger waren auch schon darunter, ein Franzose zum Beispiel, der die komplette Strecke abgelaufen sei. Eigens für diese Menschen ließ die Gemeinde einen Stempel anfertigen. Den drückt Brigitte Steinert mit der Silhouette des Gotteshauses gerne auf den Pilgerpass, bevor sie den Wanderer fürsorglich verabschiedet: „Möchten Sie vielleicht noch einen Schluck Wasser trinken, bevor Sie losgehen?“

Die Etappe nach Hörde führt über sechseinhalb Kilometer. Schnell schüttelt der Spaziergänger die lärmende Innenstadt ab. Direkt hinter der hässlichen U-Bahnstation am Südbad beginnt eine schöne, von Bäumen abgeschirmte Grünanlage. Das so genannte „Stadewäldchen“ erstreckt sich bis zum Westfalenpark.

Nach rechts immer am Zaun entlang umrundet der Wanderer auf schattigen Bürgersteigen das ehemalige Gelände der Bundesgartenschau. Von der Straße „An der Buschmühle“ zweigt die Route bei dem unübersehbaren Schild Richtung Hörde ab. Eine kleine Brücke überspannt die Emscher. Direkt am Ufer entlang geht es durch üppige Vegetation. Kaum vorstellbar, dass dieses lehmige Flüsschen früher als die Kloake des Ruhrgebietes diente. Kinderstimmen von den Spielplätzen des Westfalenparks schallen herüber. Selten rauscht auf dem nahen Bahndamm ein Zug vorbei. Ruhe zur Besinnung auf Schritt und Tritt.

Der Bau eines neuen Emschersteges zwingt zur Umleitung. Dank der guten Beschilderung kein Problem, zumal schon bald der Turm der Lutherkirche in Hörde eine sichere Orientierungshilfe bietet.

Beim Betreten des Gotteshauses fasziniert die goldene Figur vorne im Altarbereich. Der Corpus, losgelöst vom Kreuz, frei schwebend, öffnet neue Blickwinkel und ungewöhnliche Interpretationsmöglichkeiten. „Stellen Sie sich – wenn Sie mögen – unter die Figur“, raten die Planer der Pilgerroute. „Vielleicht spüren Sie den Segen in Ihrem Rücken, wenn Sie diese Kirche verlassen.“

Pfarrer Martin Pense konnte schon mehrere Pilgergruppen begrüßen. An eine Begegnung erinnert sich der Seelsorger besonders. Anfang des Jahres vermittelte er für einen Wanderer aus Polen kurzfristig ein Privatquartier. Der Mann hatte das Etappenziel Dortmund-Hörde mitten in einem Schneegestöber erreicht, natürlich auch ohne

Von Dinslaken nach Holzwickede

Als Tagesetappe bietet sich der Pilgerweg von der St. Marienkirche in der Dortmunder Innenstadt bis zur Lutherkirche in Hörde aus verkehrstechnischer Hinsicht an. Die Bahn lässt sich für An- und Abreise nutzen mit dem Ausgangspunkt am Dortmunder Hauptbahnhof und der Rückfahrt vom Bahnhof Hörde aus.

Öffnungszeiten: Evangelische St. Marienkirche di, mi, fr 10 – 12 und 14 – 16 Uhr, do 10 – 12 und 14 – 18 Uhr, sa 10 – 13 Uhr (Tel.: 0231/554103); die Lutherkirche di 10.30 – 12.30 Uhr, do 17 – 19 Uhr, fr. 10.30 – 12.30 Uhr (Tel.: 0231/462960).

Allgemeine Informationen und den Pilgerpass gibt es im Pilgerbüro Pilgern im Pott; c/o Ev. Erwachsenenbildungswerk Westfalen und Lippe e.V., Olpe 35, 44135 Dortmund, Tel.: 0231/ 540940.

Begleitbuch: „Pilgern im Pott – 20 Etappen von Dinslaken bis Holzwickede“ von Monica Hirsch Reinshagen, Eva-Maria Ranft und Andreas Isenburg, Klartext Verlag Essen, 128 Seiten, 12, 95 Euro.

http://www.pilgern-im-pott.de

Quelle: wa.de

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