Die Tochter erinnert sich

Wie Pfarrer Pohls Geheimnis gelüftet wurde

Sigrid Wobst hat einst ihren Vater gemalt.
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Sigrid Wobst hat einst ihren Vater gemalt.

Manchmal sind es nur Zufälle, die unser Leben entscheidend beeinflussen, die ihm plötzlich eine ungeahnte Wendung geben. Oder sind es doch eher Fügungen, die genau so passieren sollten? Sigrid Wobst, in Soest lebende Künstlerin und Tochter vom ehemaligen Welveraner Pfarrer Giselher Pohl († 1996), neigt dazu, an eine Fügung zu glauben, wenn es um die Rolle ihres Vaters bei der Enttarnung vom Nazi-Verbrecher Adolf Eichmann geht: „Das sollte ganz einfach herausgekommen. Die Zeit war reif dafür.“

Welver/Soest – Die Süddeutsche Zeitung hat in einem für viel Aufsehen sorgenden Bericht darüber geschrieben, wie der deutsche Geologe Gerhard Klammer und sein Freund Giselher Pohl dafür gesorgt haben, dass der Aufenthaltsort von Eichmann in Argentinien bekannt wurde. So konnte der israelische Geheimdienst Mossad den Kriegsverbrecher, der die Ermordung von sechs Millionen Juden maßgeblich organisiert hat, verhaften. Ein Jahr später wurde der „Architekt des Todes“ in Israel hingerichtet.

Dass Klammer und Pohl es waren, die im Winter 1959 Generalstaatsanwalt Fritz Bauer mit Hilfe von Bischof Hermann Kunst die Informationen und Dokumente über das Versteck von Eichmann präsentierten, ist ein jahrzehntelang gut gehütetes Geheimnis gewesen. „Davon“, so Wobst, „hat in unserer Familie niemand etwas geahnt, darüber ist nie gesprochen worden.“

Mutter erzählte beim Familientreffen

Erst 2013 kommt die Geschichte ans Licht. Zufall? Fügung? „Zusammen mit meinem Vetter waren wir zum Kaffeetrinken bei meiner Mutter Rosemarie in der Wippgasse am Großen Teich“, erinnert sich Sigrid Wobst. Wie bei diesen familiären Runden üblich, sollte noch ein Fotoalbum angeschaut werden, um sich gemeinsam an alte Zeiten zu erinnern. Wahllos griff der Vetter in den großen Stapel Alben und blätterte ein Album mit Bildern von einer Reise nach Israel aus dem Jahr 1962 auf.

Wobst: „Wir haben dann meine Mutter Rosemarie gefragt, wie es denn überhaupt zu dieser Reise gekommen sei. Eine Reise nach Israel war Anfang der 60er-Jahre ja doch noch recht ungewöhnlich.“ Ja – und dann hat die hochbetagte Frau erzählt. Hat darüber berichtet, dass man einer Einladung des Staates Israel gefolgt sei und drei wunderbare und tief beeindruckende Wochen dort erlebt habe: „Wir wurden behandelt wie Staatsgäste.“ Die Einladung sei als Dankeschön für die wichtige Rolle ausgesprochen worden, die Giselher Pohl bei der Ergreifung Eichmanns – zum damaligen Zeitpunkt Israels Staatsfeind Nummer eins – gespielt hatte.

Mit dem Generalstaatsanwalt beim Kaffee

„Wir haben der Erzählung atemlos gelauscht und waren völlig sprachlos“, blickt die Künstlerin, die mit ihrem Mann Werner mittlerweile in Soest im Schatten der Wiesenkirche wohnt, zurück. Wenige Tage danach hat sie ihre Mutter erneut besucht, dieses Mal mit einem Aufnahmegerät im Gepäck: „Ich habe meine Mutter noch einmal genau befragt und sie konnte sich wirklich gut und detailliert an alles erinnern.“ Die Aufzeichnungen und die vielen Tagebucheintragungen belegen dabei den genauen Ablauf. Manchmal ist es nur ein Halbsatz, der einen Hinweis gibt, wie in der Pfarrers-Küche in Unna Geschichte geschrieben wurde: „Generalstaatsanwalt Bauer zum Kaffee – nett“.

Die kompletten Unterlagen – Aufnahmen, Tagebücher – hat Sigrid Wobst schließlich dem Fritz-Bauer-Institut in Frankfurt anvertraut. Das Institut half anschließend, Kontakt zu knüpfen zu Bettina Stangneth. Eine Autorin, die sich schon seit 2011 mit dem Eichmann-Thema befasst hatte. Sie hat das Buch „Eichmann vor Jerusalem“ geschrieben, für das sie jahrelang recherchierte hatte. Mit den Informationen von Sigrid Wobst kann abschließend endlich Licht in ein jahrzehntelanges Mysterium gebracht werden: „Man kann nun genau nachvollziehen, wie Generalstaatsanwalt Fritz Bauer Adolf Eichmann in Argentinien auf die Spur gekommen ist.“

„Ein Pfarrer wie aus dem Bilderbuch“

Für Sigrid Wobst liefert die gesamte Geschichte aber vor allem auch eine weitere, zusätzliche Facette ihres Vaters, der mit 70 Jahren 1996 viel zu früh gestorben ist: „Er war ein durch und durch politischer Menschen, aber er hat das nie zur Schau getragen.“

Aber was war der Pfarrer, der von 1978 bis 1984 in Welver tätig war und wie seine Ehefrau Rosemarie auf dem neuen Friedhof in Körbecke beerdigt ist, darüber hinaus für ein Mensch? Die Antwort kommt blitzschnell: „Ein Pfarrer wie aus dem Bilderbuch. Ein richtiger Seelsorger, der hervorragend zuhören konnte, mit einer innigen Zuwendung zu den Menschen.“

Vor allem aber war er ein echter Macher, einer der anpackte. So wie in Welver. Beim ersten Besuch in der Kirche Albanus und Cyriacus ist er mit dem Fuß durch die marode Holzdecke auf der Balustrade gebrochen. „Hier muss dringend was gemacht werden“, war der große Renovierungsbedarf für ihn für ihn gleich Ansporn, etwas zu bewegen.

Schicksal klaglos angenommen

„Das war so typisch für ihn“, sagt Sigrid Wobst, „nicht lange reden, sondern gleich machen.“ Pfarrer Pohl hat Feste und Flohmärkte organisiert, um Geld in die leeren Kassen der Kirchengemeinde zu bekommen, damit die Herkulesaufgabe „Renovierung der Kirche“ gestemmt werden konnte. Eine Aufgabe, vor der die Gemeinde jetzt nach über 40 Jahren erneut steht.

Und Giselher Pohl war ein Mensch, der seinen Lebensmut nie verloren hat. Als die Ärzte ihm mitgeteilt haben, dass ihm nicht mehr ganz viel Zeit bleibe, hat er dieses Schicksal ohne Wehklagen angenommen. Kurz vor seinem Tod hat er seiner Familie noch Trost zugesprochen: „Das Leben eines Menschen ist wie ein Schiff auf einem Ozean. Irgendwann verschwindet das Schiff hinter dem Horizont. Aber auch wenn wir es nicht mehr sehen können, so ist es doch immer noch da.“

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