Nicht mal die Familie wusste etwas

Großes Geheimnis: Wie ein Pfarrer aus dem Kreis Soest bei der Ergreifung eines Nazi-Verbrechers half

Der Geistliche Giselher Pohl aus Welver half, den gesuchten Nazi-Verbrecher Adolf Eichmann aufzuspüren. Das blieb allerdings bis weit nach seinem Tod ein großes Geheimnis.

Welver – Sechs Jahre lang, von 1978 bis 1984, wirkte Giselher Pohl als evangelischer Pfarrer in Welver. Viele Menschen erinnern sich noch gut an ihn, aber keines seiner damals rund 2500 Gemeindeglieder, die er taufte, konfirmierte, traute und zur letzten Ruhe begleitete, hat sein Geheimnis geahnt. Selbst seine Familie – außer Ehefrau Rosemarie – wusste von nichts.

Adolf EichmannDeutscher SS-Obersturmbannführer
Geboren19. März 1906
Gestorben1. Juni 1962

Welche bedeutende Rolle der Dorfpfarrer Giselher Pohl aber tatsächlich in der Nachkriegszeit spielte, enthüllte jetzt ein dreiseitiger Bericht in der Süddeutschen Zeitung: Der Pfarrer half, den Organisator der Nazi-Judenvernichtung, Adolf Eichmann, zur Strecke zu bringen.

Giselher Pohl aus Welver half bei Ergreifung von Nazi-Verbrecher Adolf Eichmann

Pohl hatte 1959 von seinem Studienfreund Gerhard Klammer, einem Geologen, der in Argentinien arbeitete, die genaue Adresse des in Südamerika untergetauchten Adolf Eichmanns erfahren. Der ehemalige SS-Obersturmbannführer nannte sich Ricardo Klement. Die beiden Freunde waren sich einig: Die Information musste etwas bewirken. Das war jedoch schwierig, weil die alten Nazi-Seilschaften im Deutschland der Nachkriegszeit noch allzu mächtig waren. Das brisante Wissen hätte gefährlich werden können.

NS-Kriegsverbrecher Adolf Eichmann (2.von links) steht während seiner Vernehmung am ersten Prozesstag (11. April 1961) vor dem Bezirksgericht in Jerusalem. Nach acht Monaten Prozess wurde Eichmann zum Tode verurteilt und am 1. Juni 1962 hingerichtet.

Pfarrer Pohl aus Welver half bei Ergreifung von Adolf Eichmann - Ehefrau offenbarte Geheimnis

Giselher Pohl gab die Information weiter an seinen Freund, den Militärbischof Hermann Kunst, der seinerseits den Generalstaatsanwalt Fritz Bauer einschaltete. Bauer galt als harter und erfolgreicher Nazi-Jäger. Er brachte den Stein ins Rollen, der schließlich zur Verurteilung von Adolf Eichmann führte. Alle Beteiligten schworen sich, über den Informationsfluss zu schweigen.

Die Geschichte wäre also wohl kaum ans Licht gekommen, hätte Rosemarie Pohl nicht kurz vor ihrem Tod davon gesprochen. Ihre Familie konnte kaum glauben, was sie da hörte. Die Mutter konnten sie nicht mehr fragen. Sie war 2013 gestorben und wie ihr Mann auf dem Friedhof in Möhnesee beigesetzt worden. Zuvor hatte sie am Großen Teich gewohnt, wohin sie als Witwe aus Bad Zwischenahn gezogen war.

1926 als Sohn eines Pfarrers im Sudetenland geboren, hatte der Zweite Weltkrieg den jungen Giselher Pohl nach Westdeutschland verschlagen. Nachdem er seine Verwundung aus dem Kriegsdienst auskuriert hatte, studierte er in Göttingen Theologie, wo er Klammer kennenlernte.

Er half, NS-Verbrecher Adolf Eichmann zu fassen: Pastor Giselher Pohl (links) mit seiner Ehefrau Rosemarie (rechts) bei einer Hochzeitsfeier in Welver im Jahr 1982.

Pfarrer Pohl und sein großes Geheimnis: Das führte ihn nach Welver

Seine erste Stelle hatte Giselher Pohl 1956 in Unna-Hemer als Militärpfarrer, ab 1962 arbeitete er am ersten Auslandsstandort der Bundeswehr in den Niederlanden und ging dann nach El Paso/Texas, um 50 verschiedene Ausbildungsstandorte im atlantisch-pazifischen Raum zu betreuen. Als er 1968 nach Deutschland zurückkehrte, übernahm er zunächst eine Pfarrstelle in Bochum-Engelsburg und kam anschließend nach Welver.

Dort machte er sich vor allem um die Renovierung der St. Albanus und Cyriacus-Kirche verdient. Zwei Jahre dauerten die Arbeiten. Die Gemeinde feierte ihre Gottesdienste währenddessen in der katholischen Kirche nebenan. Erst im Juni 1984 konnte die evangelische Kirche neu geweiht werden.

Pfarrer Pohl handelte bei Ergreifung von Adolf Eichmann aus Überzeugung

Ins Jahr 1984 fiel auch Giselher Pohls Pensionierung und damit das Ende seiner Zeit in Welver. Das Ehepaar Pohl entschied, den Lebensabend in Bad Zwischenahn zu verbringen und zog – begleitet von guten Wünschen – um. Ihr Geheimnis nahmen sie mit. Bis zu seinem Tod am 9. Oktober 1996 sprach Giselher Pohl weder mit Fremden noch mit der Familie über seine Rolle bei der Ergreifung Eichmanns.

Er hatte seinem Freund Gerhard Klammer geholfen, weil dieser „als Privatmann auf keinen Fall“ sein Wissen öffentlich machen konnte. Dafür hatte Pohl gesorgt, weil er wie Klammer überzeugt war, dass jeder für das verantwortlich ist, was er tut, und die Nazi-Verbrecher zur Rechenschaft gezogen werden mussten.

Dass ihre Geschichte jetzt in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht wurde, ist den beiden Autoren Bettina Stangneth und Willi Winkler zu verdanken, die auf Anregung der Familie von Pfarrer Pohl vier Jahre dafür recherchierten.

Adolf Eichmann: Hitlers „Spediteur des Todes“

SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann hatte während der NS-Zeit Millionen Juden in deutsche Vernichtungslager deportieren lassen. Nach dem Krieg konnte der ehemalige Leiter des Judenreferats im Reichssicherheitshauptamt zunächst nach Argentinien fliehen. Nach – wie man heute weiß – entscheidenden Hinweisen aus Deutschland – konnten ihn jedoch am 11. Mai 1960 israelische Agenten überwältigen und entführten ihn in den jüdischen Staat, um ihn dort vor Gericht zu stellen.

Der weltweit aufsehenerregende Prozess gegen Eichmann, Hitlers „Spediteur des Todes“ bei der systematischen Judenvernichtung in Europa, dauerte nach dem Auftakt am 11. April 1961 acht Monate und endete mit dem Todesurteil, das am 1. Juni 1962 vollstreckt wurde. Der Prozess gilt als zentraler Auslöser der Aufarbeitung der NS-Verbrechen.

Rubriklistenbild: © dpa

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