PC-Spiele und Games Factory in Mülheim

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Spaß bei der Arbeit: Rob Leuchtenberger entwirft Monster und Flugobjekte für Computerspiele. ▪

Von Annette Kiehl ▪ MÜLHEIM–Die Games Factory Ruhr ist kein Silicon Valley. Selbst die Übersetzung des englischen Namens – Spielefabrik – scheint hochgegriffen, wenn man sich dem Gebäude nähert. Etwas verborgen liegt das Zentrum für Kreative aus der PC-Spiele-Branche in einem Wohngebiet zwischen zwei Hauptverkehrsstraßen in Mülheim an der Ruhr, im Erdgeschoss stellt ein Bad-Händler seine Armaturen aus. Doch das soll sich bald ändern: Der Ausbau ist bereits beschlossen, denn der sogenannte Gaming-Sektor entwickelt sich zum Wachstumsträger der Kreativwirtschaft im Ruhrgebiet.

So ist in den Mülheimer Büros der Spieleentwickler und Komponisten, Grafiker und Veranstaltungsplaner Aufbruchsstimmung spürbar: Arbeitsplätze werden erweitert, es wird umgezogen, organisiert und programmiert, und zwischen Unternehmen und Freiberuflern emsig „genetzwerkt“. Computerspiele sind ein Umsatzbringer. Nicht nur für Fernost, sondern auch für die Kulturhauptstadt 2010.

Dabei beruht manche Tätigkeit in der Games Factory Ruhr auf ganz traditionellen handwerklichen Fähigkeiten und künstlerischem Talent. Die Entwürfe für die virtuellen Wesen, für die Monster und Helden, die die Computerspiele beherrschen, fertigt Rob Leuchtenberger in seinem Büro auf einer kleinen Staffelei. Verschiedene Stifte liegen daneben auf dem Schreibtisch; so entstehen die Körper für die digitalen Phantasiewelten auf dem Papier, bevor sie gescannt und digital verarbeitet werden. Leuchtenberger ist Concept Artist für Computerspiele, zusätzlich steht „Fantasy Illustrator“ auf der Visitenkarte seines Unternehmens Rob‘s Creations. Heißt: Er setzt die Ideen der Spieleentwickler grafisch um, entwirft fantastische Welten.

In Mülheim hat Leuchtenberger vor einigen Monaten einen neuen beruflichen Standort gefunden. Aus Hamburg kam er an die Ruhr, denn hier hat sich eines der Zentren der Computerspiel-Industrie gebildet. Das Kreativ-Quartier Games Factory wird als Teil der PC-Spielebranche durch die Ruhr.2010 gefördert, zum Beispiel auch durch einen Entwicklerpreis und das Living Games Festival, das im Juni in Bochum stattfindet. Durch diese Projekte sollen PC-Spiele verstärkt als Kulturgut präsentiert werden.

Das ist für den Illustrator ohnehin selbstverständlich. Er weiß aus seiner täglichen Arbeit, dass der Markt groß und vielfältig ist und mehr umfasst als Ballerspiele und Kinderbespaßung; zum Beispiel anspruchsvolle Strategiespiele, die dem PC-Nutzer kniffelige Aufgaben stellen. Den Ausschlag für seinen Umzug gaben die Synergieeffekte im Ruhrgebiet. Leuchtenbergers Kunden sowie Messen der Branche sind hier verortet. So erhielt er kurz nach dem Neuanfang in Mülheim gleich einen Auftrag, als Dozent an der Hochschule Media Design in Düsseldorf zu arbeiten, wo Spieleentwickler ausgebildet werden. „Ich habe das Neue gesucht und bin dabei auf sehr herzliche Menschen gestoßen“, beschreibt er die Erfahrungen der letzten Monate.

Die Games Factory Ruhr soll die Entwicklung der noch zersplitterten Spiele-Branche weiter anschieben, den Kreativen ein Kompetenzzentrum und ein Sprungbrett bieten. Unternehmer und ihre Mitarbeiter aus den unterschiedlichen Nischen des Bereiches treffen in den Büros rund um einen Innenhof aufeinander. Oliver Maehler von Page Royal gestaltet hier Webseiten und Logos für Konsolen-Spiele, die Crenetic GmbH entwickelt Spaß-orientierte Spiele, die als Gimmicks für die Internetauftritte großer Firmen genutzt werden und Aruba Events plant Veranstaltungen der Szene, nun verstärkt auch für die Ruhr.2010. „Die Branche arbeitet hier zusammen“, fasst Rob Leuchtenberger die Vorteile zusammen und sein Nachbar Oliver Schmellenkamp, Sound-Designer der Klang-Agentur, erklärt ganz praktisch: „Man ruft in den Flur und kriegt eine Antwort.“

Viele Unternehmer aus dem Kreativ-Quartier stützen sich in ihren Tätigkeiten auf ihre persönliche Begeisterung für virtuelle Welten. Rob Leuchtenberger hingegen interessierte sich ursprünglich weniger für Computer, sondern für Zeichnungen, Spiele und mythische Literatur. Während er aus seinem Büroschrank selbst gezeichnete „Pen-and-Paper“-Rollenspiele kramt, erklingen aus den PC-Lautsprechern Fanfaren, zur Einstimmung auf die Fantasy-Welten, die ihn heute noch inspirieren.

Sein Handwerk lernte Leuchtenberger in den 1990er Jahren im Grafik-Design-Studium in Hamburg, wurde im Zeichnen und Malen mit Öl- und Acrylfarben sowie der Airbrush-Technik ausgebildet. Nach seinem Abschluss illustrierte er zunächst die populären „Diddl“-Mäuse. Erst durch die verbesserten Grafiken bei Computerspielen hat sich vor einigen Jahren der Beruf des Concept Artist herausgebildet. Dieser verleiht den virtuellen Welten und Figuren ein Gesicht, gibt ihnen eine Anmutung und damit Charakter. Das interessierte den heute 38-Jährigen. 2007 machte er sich selbstständig und knüpfte Kontakte ins Ruhrgebiet.

Der Charakter und die Geschichte des Region reizt Rob Leuchtenberger. Jedoch aus eher ungewöhnlichen Gründen. „Wenn ich mir vorstelle, dass im Ruhrgebiet 500 Meter unter mir Stollengänge existieren, dann regt das meine Phantasie an“, schwärmt er. „Das ist wie in den ,Herr-der-Ringe‘-Romanen.“

Kreativwirtschaft

Schöpferische und gestaltende Menschen bilden die Basis der Kreativwirtschaft. Dazu zählen Architekten, Werbetexter und PC-Spiele-Designer, aber auch Schriftsteller, bildende Künstler und Filmregisseure. Laut dem Bundeswirtschaftsministerium hat die Kreativwirtschaft 2008 63 Milliarden Euro zur volkswirtschaftlichen Gesamtleistung in Deutschland beigetragen. Damit sei sie vergleichbar mit der Autoindustrie und dem Maschinenbau.

Die Kulturhauptstadt fördert die Kreativwirtschaft durch Veranstaltungen und Kreativquartiere wie die Games Factory Ruhr. Sie ist eines der Hauptthemenfelder der Ruhr.2010, denn sie steht modellhaft für den Wandel der Region durch Kultur.

Im Ruhrgebiet erzielte die Kreativwirtschaft 2007 Umsätze von 8,2 Milliarden Euro. Zwischen 2003 und 2007 wuchsen hier die Einnahmen und Jobs in der Branche um rund zehn Prozent, so eine Studie im Auftrag der Metropole Ruhr GmbH. Der Teilbereich Gaming und Software zählt demnach zu den Bereichen der Kreativwirtschaft im Ruhrgebiet, die in den vergangenen Jahren am stärksten zugelegt haben.

http://www.gamesfactory-ruhr.de

http://www.creative.nrw.de

Quelle: wa.de

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