Spannende Einblicke in einen harten Arbeitsalltag

Hammer Paketbote packt aus: Manches ist echt pervers!

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Spätestens mit dem Weihnachtsgeschäft rappelt es im Karton. (Symbolbild)

Hamm - Als WA.de vor einigen Wochen über einen eskalierten Streit zwischen einem Hermes-Paketzusteller und einer Kundin berichtete, gab es ein gewaltiges Leser-Feedback der Leser. Ist die Kritik zu einseitig? Viele Paketbote sehen das so - und einer packt jetzt aus.

Viele Menschen machen ähnliche Erfahrungen wie die Kunden in unserem Beispiel und ärgern sich über dreiste Boten, kaputte Pakete und falsche Angaben in der Sendungsverfolgung. Ein Zusteller eines großen Logistikunternehmens nimmt im Gespräch mit WA.de Stellung zu den Vorwürfen. Er möchte anonym bleiben, weil er Angst hat, seinen Job zu verlieren, wenn er offen über die Zustände in der Branche spricht.

Boten klingeln nicht, sie sind zu faul, in höheren Stockwerken ohne Aufzug auszuliefern oder tragen falsche Daten ins System ein. Was ist dran an diesen Vorwürfen? 

Paketbote: Für mich persönlich kann ich das nicht nachvollziehen. Jedes zugestellte Paket, das ich nicht mehr im Auto habe, ist für mich weniger Arbeit. Erst einen Zettel auszustellen und den in den Briefkasten zu werfen, dauert länger, als das Päckchen abzugeben. Ich will meine Hand aber nicht für jeden Kollegen ins Feuer legen. Wir hatten auch einmal den Fall eines Azubis, der immer besonders schnell war, die Pakete aber nicht ausgeliefert hat. Die hat er alle in der Garage seiner Großmutter versteckt.

"Wer weiß schon, was der nächste Tag bringt?"

Wie viele Pakete müssen Sie am Tag austragen, um Ihr Soll zu erfüllen? 

Paketbote: An entspannten Tagen sind es 60 bis 80, sonst mindestens 100. Da wäre es manchmal nicht schlecht, auch noch einen Dachgepäckträger zu haben. Oft wird auch ein zweites Mal eingeladen am Tag. Spätestens, wenn das Weihnachtsgeschäft anläuft, rappelt es im Karton. Da versuchen wir, alles wegzubekommen. Wer weiß schon, was der nächste Tag bringt?

Wird in solchen Phasen auch Druck von oben ausgeübt?

Paketbote: Da würde niemand sagen, dass wir Feierabend machen müssen. Wir könnten dann auch noch mit Stirnlampe fahren. Wer seine Arbeit schnell erledigt, wird bestraft. Viele Boten nehmen jede Dönerbude und Teestube mit, die haben dann Überstunden ohne Ende. Und jemandem, der schnell ist, wird dann gesagt: Sie haben ja Minusstunden und können gerne mal auf einen freien Tag verzichten.

Viele müssen bei komplett unterschiedlichen Gehältern die gleiche Arbeit machen. (Symbolbild)

Gibt es ein Konkurrenzdenken unter den Boten?

Paketbote: Das ist manchmal schon schwierig. Viele Boten arbeiten in verschiedenen Beschäftigungsverhältnissen und müssen bei komplett unterschiedlichen Gehältern die gleiche Arbeit machen. Wer weniger Geld verdient, ist automatisch weniger motiviert, seinen Job gut zu machen. Es wird zu wenig bezahlt, und personalmäßig ist nichts da, was man gebrauchen kann. Das ist der falsche Weg. Oft gibt es nur eine kurze Einweisung – wenn überhaupt 14 Tage lang. Und dann heißt es: auf geht’s.

"Der Kunde ist dummdreister geworden"

Wie hat sich das Verhältnis zu den Kunden in letzter Zeit verändert? 

Paketbote: Der Kunde ist dummdreister geworden. Gerade in Neubaugebieten sind die Leute selten zuhause, wollen aber keine Freigabe für einen Ablageort ausfüllen. Zwei Tage später hängt dann der Zettel an der Tür mit der Bitte, das Paket auf die Terrasse zu legen. So etwas mache ich aber nicht, weil ich dann haftbar bin, wenn das Paket verschwindet. Der Ton ist auch rauer geworden. Heutzutage kann jeder im Netz nachvollziehen, wo sich sein Paket befindet. Da wird man dann angepöbelt, wo denn die Sendung bleibt. Viele Kunden beschweren sich auch und sagen, dass sie den ganzen Tag daheim gewesen sind, als das Paket das erste Mal zugestellt werden sollte. Wenn man dann genauer nachfragt, kommt dann kleinlaut zurück, dass man vielleicht auch mal im Keller gewesen sei.

"Der Kontakt zum Kunden soll nicht gut sein"

Kennt man als Bote heute noch viele seiner Kunden und weiß in etwa, wann es mit der Zustellung wahrscheinlich klappt, weil die Leute zuhause sind? 

Paketbote: Nein. Das ist auch gar nicht mehr gewollt. Du könntest ja mit deinem Kunden Klüngel anfangen. Es wird Wert darauf gelegt, dass der Kontakt zu den Menschen nicht mehr so gut ist. Zusteller wechseln die Bezirke öfter. Bis vor einigen Jahren konnten wir die Pakete für Kunden, die wir gut kennen, auch mal in deren Urlaubszeit zur Seite legen und die dann ausliefern, wenn die Leute wieder zuhause sind. Heute kriegen wir dafür richtig Ärger. Da geht dem Unternehmen ja Geld für den Nachsendeauftrag durch die Lappen. Es geht nur noch um das Geld.

"Es fehlt die Wahrnehmung, dass wir Menschen sind"

Was muss sich ändern, damit sich das Verhältnis zwischen Zusteller und Kunde wieder entspannt?

Paketbote: Es fehlt bei den Leuten die Wahrnehmung, dass wir auch nur Menschen sind. Der Respekt geht den Bach runter. Es wird immer erst geschimpft und nicht nach den Gründen für die Verspätung gefragt. Ich wurde in meiner Zeit als Bote dreimal von einem Hund gebissen oder bin im Winter auch schon mal in einer nicht gestreuten Einfahrt ausgerutscht. Der Paketbote ist ja auch nur der Letzte in der Kette. Die Verspätung kann manchmal ganz andere Ursachen haben. Alles soll super billig sein und muss am besten schon am Bestelltag da sein. Das ist teilweise schon pervers.

Amazon fährt viele Pakete inzwischen selbst aus. (Symbolbild)

Was hat sich durch das massive Wachstum des Online-Versandhandels verändert?

Paketbote: Amazon zum Beispiel fährt mittlerweile viele Pakete selbst aus. Deren Fahrer kommen in einem zivilen Wagen, tragen oft einen Jogginganzug und sprechen meistens nur schlecht Deutsch. Die scannen dann einfach die Pakete ein und knallen sie irgendwo in die Ecke, wenn der Kunde nicht da ist. Die Leute sprechen dann uns – also Boten, die klar als solche zu erkennen sind – an und wollen wissen, wo ihr Paket ist. Da werden wir alle in Sippenhaft genommen.

"Bei einigen muss das Geld schon locker sitzen"

Fragt man sich als Bote denn manchmal, was die Leute da eigentlich alles zu sich nach Hause bestellen?

Paketbote: Ich mache mir da schon meine Gedanken. Bei einigen Leuten, die in der Woche diverse Pakete bekommen, muss das Geld schon locker sitzen. Du kannst dir heute auch alles schicken lassen. Egal, ob Säcke voller Katzenstreu oder Brennholz für den Kamin. Ich hatte zum Beispiel mal einen Plastikschlauch mit 50 Litern Weichspüler und habe mir irgendwann auf der Tour gedacht: Warum riecht das denn hier im Auto so aprilfrisch? Da war der Schlauch gerissen, und alle Pakete im Laderaum wurden einmal durchgewaschen. Ein Kunde hat sich Batterien aus China bestellt, weil die so schön günstig waren. Die sind bis heute nicht angekommen.

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Quelle: wa.de

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