Erstmals Forschung unter Corona-Bedingungen

Paderborn statt Bordeaux: Airbus startet drei Tage lang zu Parabelflügen in NRW

Prominenter Besuch auf dem Flughafen Paderborn-Lippstadt: Der Airbus A310 Zero-G landete am Mittwoch auf dem regionalen Verkehrsflughafen, der auf dem Stadtgebiet von Büren liegt.
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Prominenter Besuch auf dem Flughafen Paderborn-Lippstadt: Der Airbus A310 Zero-G landete am Mittwoch auf dem regionalen Verkehrsflughafen, der auf dem Stadtgebiet von Büren liegt.

Völlig schwerelos - in Westfalen: Das ist kein neuer Song und keine Science-Fiction-Episode, sondern drei Tage lang Wirklichkeit. Am Flughafen Paderborn-Lippstadt finden Parabelflüge in die Schwerelosigkeit statt.

  • Weil die Zahl der Corona-Infektionen in Frankreich gestiegen ist, wurden Parabel-Forschungsflüge verlegt.
  • Diese finden jetzt von Montag bis Mittwoch (21..-23. September) ab dem Flughafen Paderborn-Lippstadt statt.
  • Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) plant zahlreiche Experimente in der Schwerelosigkeit.

Paderborn - Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) hat corona-bedingt die nächsten Flüge in die kurze, 22-sekündige Schwerelosigkeit aus dem französischen Bordeaux zum Flughafen Paderborn-Lippstadt verlegt. Von Montag bis Mittwoch (21. bis 23. September) sollen an Bord des Airbus A310 Zero-G der französischen Firma Novespace acht technologische, physikalische und materialwissenschaftliche Experimente von Wissenschaftsteams aus ganz Deutschland durchgeführt werden.

Der geplante Parabelflug in Bordeaux - die 35. sogenannte Parabelflugkampagne - finde aufgrund der stark gestiegenen Anzahl an Covid-19-Infektionen in Frankreich vom Flughafen Paderborn-Lippstadt Airport aus statt, teilte das DLR mit. Darüber berichtet soester-anzeiger.de*.

Der Airbus A310 Zero-G nach der Landung am Flughafen Paderborn-Lippstadt. Zahlreiche „Plane-Spotter“ erlebten die Ankunft des Forschungsflugzeuges am Mittwoch (16. September) live mit.

Trotz der Tatsache, dass das dritte Dutzend an Parabelflügen mit dem Forschungsflugzeug fast voll gemacht ist, sei nichts Routine auf dem Flug in die Schwerelosigkeit: „Erstmalig müssen Wissenschaftler, Ingenieure und Crew die Herausforderungen der Forschungsarbeit in Corona-Zeiten bewältigen.

Der Airbus A310 Zero-G ist am Nachmittag des 16. September auf dem Flughafen in Ostwestfalen gelandet und bis Sonntag, 20. September, werden dort nun die Experimente der beteiligten Wissenschaftlergruppen final eingebaut und für die drei Flugtage in Schwerelosigkeit vorbereitet“, teilte das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) mit.

Parabelflüge starten in NRW: „Plane-Spotter" in Paderborn live dabei

Zahlreiche sogenannte „Plane-Spotter" - vor allem Luftfahrtfotografen im Luftsportverein Geseke (PAD-Spotter) - hatten die Ankunft des Flugzeuges im Bild festgehalten, wie die Tageszeitung Der Patriot aus Lippstadt berichtete. „Ein ziemlich einmaliges Erlebnis“, wird mit Moritz Klöckner einer von ihnen zitiert.

„Wir sind erleichtert, dass wir trotz der Umstände und der für uns alle weiterhin dynamischen Entwicklung der Pandemie in Europa den DLR-Parabelflug nicht absagen, sondern kurzfristig nach Deutschland holen konnten“, erklärt Thomas Jarzombek (MdB), Koordinator der Bundesregierung für die Luft- und Raumfahrt, und ergänzt: „Als Düsseldorfer und damit ,Kind NRWs‘ freue ich mich besonders, zu zeigen, dass Forschung im Land zwischen Rhein und Weser eine herausragende Rolle spielt.“

Parabelflüge starten in NRW: Wechsel nach Paderborn als Kraftakt

Zwei Tage vor dem ursprünglich geplanten Start der Kampagne am 31. August hatten sich die Verantwortlichen des DLR-Raumfahrtmanagements in Bonn zwingend veranlasst gesehen, die Flüge in Frankreich aufgrund des hohen Anstiegs an Corona-Infektionen aus Sicherheitsgründen abzusagen.

Der Airbus A310 wurde 1989 für die DDR-Fluggesellschaft Interflug gebaut, dann an die BRD verkauft und als Regierungsflieger genutzt. Auch Angela Merkel flog damit durch die Welt. Seit 2015 ist es ein Forschungsflugzeug.

„Nun galt es, kurzfristig einen Ersatzflughafen zu finden, der ab dem 16. September über entsprechende Kapazitäten und die notwendigen Voraussetzungen für einen Parabelflug verfügt. Eine weitere Verschiebung der Kampagne innerhalb dieses Jahres wäre aufgrund der Verfügbarkeit des A310 Zero-G nicht möglich gewesen“, verdeutlicht Dr. Walther Pelzer, DLR Vorstand für das Raumfahrtmanagement, die außergewöhnliche Situation.

Parabelflüge starten in NRW: Vierter Tag als „Back-Up" für Schlechtwetter

Pelzer weiter: „Den Parabelflug so kurzfristig nach Paderborn zu holen, war ein enormer Kraftakt, aber alle Beteiligten - Novespace, der Flughafen Paderborn, die Wissenschaftler aus ganz Deutschland und das DLR Raumfahrtmanagement haben ihn gemeinsam bewältigt. Das zeigt, was man auch unter schwierigsten Bedingungen gemeinsam schaffen kann.“

Der Donnerstag (24. September) ist zusätzlich als Back-up-Tag eingeplant, falls an einem der ersten drei Tage wetterbedingt kein Start möglich sein sollte. a

Mit „SESIMAG II“ will beispielsweise ein Forscherteam der Technischen Universität Dresden eine neue Methode zur Verarbeitung Seltener Erden testen. Seltene Erden sind ein Material, das in der Natur vorkommt und das in der Hochtechnologie eingesetzt wird - etwa bei der Herstellung von Computerchips oder Solaranlagen.

Parabelflüge starten in NRW: Je 31 Parabeln über dem Ozean

Bei herkömmlichen Industrieverfahren werden zur Aufbereitung dieser Erden große Mengen von Lösungsmitteln verwendet. Die Wissenschaftler wollen nach Angaben des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) beim Parabelflug eine neue Methode erproben, bei welcher der Einsatz von Lösungsmitteln durch ein mechanisches Verfahren - magnetische Separation - ersetzt wird. Hierdurch könnte die Produktion von Hightech-Geräten wesentlich umweltfreundlicher werden.

„Nach heutigem Stand werden wir sofern das Wetter mitspielt an allen drei Flugtagen morgens gegen 9.30 Uhr Richtung französische Atlantikküste aufbrechen, um dort über dem freien Meer die jeweils 31 Parabeln zu fliegen. Wir werden wegen der längeren Hin- und Rückflugzeit voraussichtlich insgesamt pro Tag eher vier bis fünf Stunden unterwegs sein anstelle der sonst üblichen drei bis vier Stunden“, berichtet Dr. Katrin Stang, Parabelflugprogramm-Leiterin im DLR Raumfahrtmanagement.

Der Airbus A310 Zero-G wird voraussichtlich von Montag bis Mittwoch (21. bis 23. September) von Paderborn aus in Richtung Frankreich abheben und dort täglich über dem offenen Meer jeweils 31 Parabeln fliegen.

Neben der Durchführung der Kampagne in Deutschland sorgen zahlreiche Sicherheitsvorkehrungen auf dem Parabelflug für Sicherheit. Wer in den A310 Zero-G steigt, muss strenge Kontrollen durchlaufen: Nicht nur, dass die üblichen AHA-Regeln (Atemschutz, Hygiene, Abstand) eingehalten werden müssen - die Teilnehmer sind außerdem dazu verpflichtet, täglich Fiebermessungen durchzuführen.

Parabelflüge starten in NRW: Einweisung erstmals als Videobriefing

Die Wissenschaftsteams vor Ort wurden auf die absolut notwendigen Personen begrenzt, die zur Durchführung der Experimente notwendig sind - das sind etwa die Hälfte der Personen, die bei einer regulären Kampagne vor Ort beteiligt sind. Der Dokumentenaustausch und die Kommunikation zwischen den Teilnehmern erfolgt - wo möglich - elektronisch oder per Telefon. Die Sicherheitseinweisung für alle Teilnehmer wird außerdem erstmalig als Videobriefing durchgeführt.

Bei einem Parabelflug liegt der Scheitelpunkt bei 8500 Metern. Mit dem Scheitelpunkt der Parabel beginnt der freie Fall - in Summe bedeutet das 22 Sekunde Schwerelosigkeit.

„Für uns Wissenschaftler waren vor allem die Verschiebung des Parabelflugs um mehrere Wochen und die Schließung der Labore und Einrichtungen im Corona-Lockdown hinderlich für unsere Experiment-Vorbereitungen“, so Christina Knapek vom DLR Institut für Materialphysik im Weltraum. „Experimentanlagen müssen für den Flugtag punktgenau vorbereitet werden. Das ist allerdings nicht ganz einfach, wenn die Labore geschlossen sind.“

Parabelflüge starten in NRW: Flugzeug mit beeindruckender „Vita“

Der Airbus A310 Zero-G ist heute das größte Flugzeug der Welt, das zur Beförderung von Passagieren sowie zu Forschungszwecken verwendet wird und dabei Wissenschaftlern und Privatpersonen den Zugang zur Schwerelosigkeit zu ermöglicht. Im Mai 2015 wurde mit ihr der erste wissenschaftliche Parabelflug durchgeführt.

2014 hat die Firma Novespace die Maschine von der Bunderepublik Deutschland gekauft, die es als „Konrad Adenauer" für Regierungsflüge eingesetzt hatte. 1989 von Airbus gebaut flog die Maschine zwei Jahre lang bei der damaligen DDR-Fluggesellschaft Interflug. Im Mai 2015 wurde mit ihr nach dem Umbau durch die Lufthansa Technik in Hamburg der erste wissenschaftliche Parabelflug durchgeführt.

Der Airbus A310 Zero-G, mit dem im Parabelflug eine 22 Sekunden dauernde Periode der Schwerelosigkeit erzeugt werden kann, erregt überall dort große Aufmerksamkeit, wo er startet und landet. Hier besichtigen Besucher der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA) das Forschungsflugzeug.

Die eigentlich Kabine des Flugzeuges ist vollkommen leer, ohne Sitze und Gepäckablagen. Wände, Boden und Decke sind für die Sicherheit der Passagiere mit Schaumstoffpolster ausgekleidet. Außerdem ist dieser Bereich mit Handläufen und Halteschlaufen ausgestattet sowie vorne und hinten durch Sicherheitsnetze begrenzt. Nur der hintere Teil der Kabine ist mit Sitzen für die Passagiere ausgestattet, die bei Start und Landung genutzt werden.

Beim Parabelflug, der in einem Steigwinkel von 50° durchgeführt wird, liegt der Scheitelpunkt bei 8500 Metern. Aus einem Parallelflug mit Höchstgeschwindigkeit von ca. 800 km/h geht es dann in den Steilflug über. Dabei werden die Triebwerke nach wenigen Sekunden gedrosselt und das Flugzeug reduziert seine Geschwindigkeit auf nur noch 380 km/h. Mit dem Scheitelpunkt der Parabel beginnt der freie Fall in einem Winkel von 42° - in Summe bedeutet das 22 Sekunden Schwerelosigkeit. Das Zero-G im Namen des Airbus steht für die nicht existente Erdanziehung, die Schwerelosigkeit.

Noch ein Hinweis für alle, die neben Start und Landung des A310 Zero-G am Flughafen Paderborn-Lippstadt zumindest digital etwas näher dabei sein wollen: An den Flugtagen von Montag bis Mittwoch sind die Flüge jeweils ab etwa 10 Uhr auch unter der Kennung F-WNOV auf dem Internetportal Flightradar24 zu sehen. *soester-anzeiger.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerkes

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