Eine Frage der Finanzen

Kita stresst Eltern: "Halbe Stunde mehr würde oft helfen"

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Imane Latzrak-Dizdarevic und ihre Tochter Naila in der Kindertagesstätte "Immenhof" in Eschweiler (Nordrhein-Westfalen). Die Kita bietet die längsten Öffnungszeiten in NRW.

Aachen - Gestresster Blick auf die Uhr: Gleich schließt die Kita. Für viele Eltern in NRW passen die Öffnungszeiten längst nicht mehr mit ihrer Lebenswirklichkeit zusammen. Eine kleine Stadt hat den ersten Schritt gemacht.

Der blanke Stress: "Manchmal stehe ich auf der A3 zwischen Düsseldorf und Köln und man kommt einfach nicht weiter", erzählt Attila Gümüs. Die Uhr tickt. Die Kita seiner Töchter schließt um 16.30 Uhr. Als Mitglied des Landeselternbeirates NRW weiß er, dass es vielen Eltern so geht, vor allem in den großen Städten mit dem Stressfaktor Verkehr. Die Eltern stecken aus seiner Sicht in einem viel zu starren Korsett der Kita-Öffnungszeiten. "Es muss etwas an den Randzeiten gemacht werden", sagt Gümüs. Eltern bräuchten etwas mehr Flexibilität. Eine halbe Stunde mehr am Morgen und am Nachmittag würde oft schon helfen.

Die Realität in Nordrhein-Westfalen sieht anders aus: Keine zwei Prozent der Kitas in NRW hatte nach Angaben der rot-grünen NRW-Landesregierung 2015/2016 nach 17 Uhr geöffnet, noch weniger als im Jahr davor. Knapp ein Viertel der Kitas schloss sogar schon um 16 Uhr. Nach einer repräsentativen Umfrage der Bertelsmann-Stiftung vom Dezember 2016 meinten über 60 Prozent der Eltern in Deutschland, dass die Öffnungszeiten der Kitas an ihrem Bedarf vorbeigeht.

Aus Sicht des Städte- und Gemeindebunds ist das eine Frage der Finanzen. Die mit dem Kinderbildungsgesetz Kibiz veranschlagte Pauschalen pro Kita-Kind deckten die Kosten nicht, sagt der zuständige Referent Matthias Menzel: "Die Kindpauschalen sind höchst defizitär." Die Träger versuchten, klar zu kommen mit dem Geld. "Wenn man Randzeiten ein bisschen verkürzt, so dass man auch ein bisschen Personal einsparen kann, ist das eine Stellschraube", sagte Menzel.

Am Ende sei immer alles eine Frage des Geldes, sagt der Vater von zwei Töchtern Attila Gümüs in Köln. "Man muss sich als Gesellschaft fragen, ist es uns das wert, in die Bildung von Kindern zu investieren." Es gebe ja Beispiele, wo es funktioniere. "Dann muss man sich fragen, warum funktioniert das da."

Die Kita-Leiterin Sabrina Schumacher (l) und ihre Stellvertreterin Sandra Manheims bieten in der Kindertagesstätte "Immenhof" in Eschweiler die längsten Öffnungszeiten in NRW.

Die Kita Immenhof einer Elterninitiative in Eschweiler bei Aachen ist so ein Beispiel: Zwei Gruppen, 44 Kinder, Öffnungszeit von 5.30 Uhr bis 20.45 Uhr - die längste in NRW. Es ist ein Angebot speziell für Schichtarbeiter oder Menschen, die erst später zur Arbeit gehen - wie Imane Lazrak-Dizdarevic, die am späten Vormittag ihre kleine Naila bringt. Naila soll nicht den ganzen Abend in der Kita bleiben. Der Vater wird die Kleine abholen, sobald er nach der Fahrt über die Autobahn zuhause ist, so gegen 19 Uhr. Die Mutter arbeitet bis 20 Uhr.

Das Gros der Eltern, das von der längeren Öffnungszeit profitiert, nutzt aber die Zeit zwischen 7.00 und 17.30 Uhr, stellt Kita-Leiterin Sabrina Schumacher fest. "Die Öffnungszeit bis 17.30 Uhr ist ganz normal. Wir können uns das gar nicht mehr anders vorstellen", sagt sie. Statt der bei zwei Gruppen üblichen fünf Erzieherinnen arbeiten wegen der längeren Öffnungszeit sechs im Immenhof.

"In den familiären Lebenswelten stoßen wir immer stärker darauf, dass eine doppelte Erwerbstätigkeit erforderlich ist, um überhaupt den Familienunterhalt zu sichern", sagt der Eschweiler Jugendamtsleiter Jürgen Termath. Die Stadt wolle nicht nur auf Plakaten familienfreundlich sein. "Und das führt eben zu solchen ganz praktischen Fragen", sagte Termath. 

Die Stadt denkt über den Ausbau der Randzeiten in den jetzt neu geplanten Kitas nach und fragt die Eltern bei der Anmeldung fürs neue Kindergartenjahr 2017/2018: An welchen Tagen brauchen sie eine Betreuung außerhalb der Kernzeit, und zu welchen Zeiten - morgens, nachmittags? "Auf die Stadt würden auch höhere Betriebskosten zukommen, die durch die Kindpauschale nicht abgedeckt ist", ist sich Stadtkämmerer Stefan Käfer der damit verbundenen Mehrkosten bewusst. - von Elke Silberer / dpa

Quelle: wa.de

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