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LGBTQ: Wenn sexuelle Orientierung ein Kündigungsgrund ist

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Von: Vanessa Moesch

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Aus der Kirche ausgetreten ist Carla Bieling trotz allem nicht. Sie ist nach wie vor katholisch.
Aus der Kirche ausgetreten ist Carla Bieling trotz allem nicht. Sie ist nach wie vor katholisch. © Peter Dahm

13 Jahre lang hat Carla Bieling beim Erzbistum Paderborn gearbeitet, ehe ihr gekündigt wurde. Der Grund: ihre sexuelle Orientierung, denn Carla Bieling ist homosexuell.


Möhnesee – Ein Teil des Wohnzimmers ist mit einer selbst gemachten Regenbogengirlande verziert, in einer Ecke hängt ein großes selbst geschriebenes Gedicht, von dem die erste Zeile lautet: „Meine Mamas sind genial“, und im Flur steht auf einer Karte in Regenbogenfarben: „Du willst Respekt? Ich auch“.

Diesen Respekt hat Carla Bieling nicht bekommen, als sie noch beim Erzbistum Paderborn als Dekanatsreferentin gearbeitet hat. In der Zeit von 1999 bis 2012 war das, ganze 13 Jahre lang. „Ich habe diese lange Zeit nur so gut durchgehalten, weil ich mir immer gesagt habe, dass ich mich und meine sexuelle Orientierung nicht verleugne“, sagt Carla Bieling. Im Jahr 2000 wurden sie und ihre Freundin ein Paar, heute sind sie verpartnert.

Schwanger, aber nicht kirchlich verheiratet

Dass Carla Bieling homosexuell ist, fiel damals bei einer Visitation auf, die es im Erzbistum Paderborn in regelmäßigem Abstand von vier Jahren gibt.

Sie war zum zweiten Mal schwanger, aber noch nicht kirchlich verheiratet. Das hatte später ein Gespräch mit der Personalabteilung zur Folge, denn in ihrem Arbeitsvertrag stand damals geschrieben, dass sie Rede und Antwort zu ihrem Privatleben stehen müsse.

Arbeit oder Lebenspartnerschaft?

„Sie fragten mich, ob ich vorhatte, den Vater des Kindes katholisch zu heiraten und ich sagte nein. Sie fragten mich auch, ob ich in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft lebe, was ich bestätigt habe“, erzählt die Mutter von zwei Kindern.

Von einzelnen Personen habe sie viel Verständnis erfahren, doch die Institution akzeptierte die gleichgeschlechtliche Beziehung nicht. „Ich hätte meine Stelle beim Erzbistum behalten können, wenn ich meine eingetragenen Lebenspartnerschaft gelöst hätte“, sagt Carla Bieling, aber für sie kam das nicht in Frage.

Für die Familie entschieden

Sie entschied sich gegen ihre Arbeit als Dekanatsreferentin, denn ihr war und ist wichtig, „dass die Kinder immer sagen können, wer ihre Eltern sind. Und mit diesem Arbeitgeber ging das eben nicht.“

Über diesen Umstand ist auch Ludger Eilebrecht, Pastor am Möhnesee, schockiert. „Frau Bieling hat in der Kirche am See viel Engagement gezeigt und das Herz am rechten Fleck. Was ihr passiert ist, da kann man nur den Kopf drüber schütteln.“

„Arbeitsverhältnis zu lösen war ein Fehler“

Der Vorfall ereignete sich noch vor seiner Zeit als Pastor, aber als Seelsorger habe er immer ein offenes Ohr und Herz für diejenigen, die Hilfe benötigen. Carla Bielings Erlebnisse gingen dabei nicht spurlos an ihm vorbei. „Auch wenn damals die Zeiten andere waren, so war es doch ein Fehler, das Arbeitsverhältnis mit ihr zu lösen, obwohl sie zu dieser Zeit hochschwanger war.“

Die Missbrauchsvorwürfe schockieren Carla Bieling und machen sie fassungslos. „Ich finde es unfassbar, warum die Missbrauchsvorwürfe unter den Teppich gekehrt und Menschen, die aufrichtig leben und lieben, gekündigt werden, weil dadurch angeblich die Glaubwürdigkeit der Kirche geschädigt werden könnte.“

Diskriminierung und Demütigung in der Kirche

Die Diskriminierung und Demütigung durch die katholische Kirche hat Carla Bieling verletzt, doch sie ist zuversichtlich, dass Menschen, die sich heutzutage als queer bezeichnen, also als Menschen, die nicht heterosexuell und/oder cisgeschlechtlich sind, sich eher outen.

Als cis gilt jemand, der sich mit dem von außen zugeschriebenen Geschlecht identifiziert, bedeutet, dass jemand, der beispielsweise als Mann wahrgenommen wird, sich auch selbst als Mann sieht.

Betroffene sind nicht mehr allein

„Es sind viele Leute betroffen, die sich damals nicht zu diesem Thema äußern wollten oder konnten. Mittlerweile haben die Kirchenverantwortlichen unterschiedliche Lernerfahrungen gemacht“, berichtet Ludger Eilebrecht. Das Thema Sexualität sei im Pastorat präsent und wer sich bemühe, der werde die Vielfalt wohlwollend wahrnehmen.

„Aufgrund der wachsenden Medienpräsenz für das Thema queeres Leben denke ich, dass die Betroffenen sich früher outen, als es noch vor 30 Jahren der Fall war. Denn sie wissen jetzt, dass sie damit nicht alleine sind“, sagt Carla Bieling im Anzeiger-Gespräch. Aus der Kirche ausgetreten ist die 47-Jährige dennoch nicht, ist nach wie vor katholisch.

Die Bedeutung von LGBTQ

LGBTQ ist ein Sammelbegriff für Personen, die nicht heterosexuell sind oder deren Geschlechtsidentität nicht dem binären Modell von männlich und weiblich entspricht (Cisgeschlechtlich). Grundsätzlich steht die Bezeichnung für die englischen Wörter Lesbian (lesbisch), Gay (schwul), Bisexual (Neigung, sich zu mehr als einem Geschlecht hingezogen zu fühlen), Transgender (Personen, die sich nicht- oder nicht nur- mit dem Geschlecht identifizieren, mit dem sie geboren wurden) und Queer. LGBTQ ist die gängigste internationale Bezeichnung, es gibt jedoch zahlreiche Varianten.

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