Nach fast 430 Jahren: Älteste Apotheke Kölns schließt

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Die Jan von Werth Apotheke in Köln.

KÖLN - Huren, Marktfrauen, Bürgermeister: Am Tresen der Jan-von-Werth- Apotheke in Köln haben schon allerlei Kunden ihre Medikamente gekauft. Bald 430 Jahre besteht das älteste Arzneimittelgeschäft der Stadt - zum Monatsende wird es schließen.

Von Johannes Schmitt-Tegge

Der ehemalige Apotheker der Jan von Werth Apotheke, Franz-Egon Proenen.

Sogar einen Bankräuber hatte Franz-Egon Proenen am Tresen seiner alten Apotheke schon bedient. Zitternd soll der Mann um Beruhigungsmittel gebeten und dabei auf die Kassenlade geschielt haben - kurz nach dem Kauf überfiel er eine Bank unweit des Kölner Doms. In seinen 40 Jahren als Inhaber der Jan-von-Werth-Apotheke sammelte der mittlerweile 87-Jährige viele solcher skurrilen Anekdoten, bis er das Geschäft 1995 aus der Hand gab. Zum Monatsende wollen die aktuellen Inhaber die Apotheke in der Innenstadt schließen, weil sie keine schwarzen Zahlen mehr schreibt. Proenen will das nicht so recht wahrhaben. Er sitzt auf seinem grünen Sofa im Kölner Norden und erzählt.

Glasbehälter in der Jan von Werth Apotheke.

Knapp 430 Jahre reicht die erste urkundliche Erwähnung der Apotheke am Alter Markt zurück. Mit Kräutern, Drogen, Heilmitteln und Spirituosen sollen die Kölner am Standort der heutigen Apotheke aber noch früher gehandelt haben, nämlich bereits um 1220. Dickflüssige Arzneien aus Pulvern, verdicktem Obstsaft, Sirup und Honig wechselten dort im Mittelalter den Besitzer. Dieser langen Tradition fühlte sich Proenens Vater Josef verpflichtet, als er 1912 die Rechte an der Apotheke kaufte. 1955 übergab er sie an seinen Sohn Franz-Egon. "Es war Usus, dass ein Geschäft von dem Vater auf den Sohn ging", sagt er. "Das war der Wunsch meiner Eltern."

Schnell stand fest, dass der aus dem Krieg zurückgekehrte Sanitäter Franz-Egon in Bonn ein Pharmazie-Studium aufnehmen und die Leitung übernehmen würde. "Die Apotheke war sehr gut im Umsatz und im Gewinn", erinnert er sich. "Wir haben glänzend davon gelebt." Der Verkehrsknotenpunkt und die vielen Marktstände am Platz brachten reichlich Kundschaft. "Es hat unheimlich viel Spaß gemacht", sagt auch seine Frau Ingeborg, die im weißen Kittel im Labor stand, Pillen drehte und die bestellten Präparate anmischte.

Arzneimittelschubladen in der Jan von Werth Apotheke.

Nicht die kompetente Beratung oder die gut sortierten Arzneien, sondern das starke Vertrauen der Kundschaft soll den wirtschaftlichen Erfolg ausgemacht haben. "Das persönliche Verhältnis zu den Kunden, das ist das Wichtigste in einer Apotheke", sagt der Kölner. Selbst die Bürgermeister schickten ihre Angestellten aus dem Rathaus zum Arzneimittelkauf nach gegenüber. Prostituierte baten bei den Proenens um Schlafmittel. Und wenn sich auf dem Weihnachtsmarkt jemand die Hand verbrannt hatte, bekam er einen Verband - kostenlos. "Man musste präsent sein und die Leute kennen. In der neuen Generation hat die Verbindung zu den Patienten sehr stark nachgelassen."

Dass sich heute wegen ausbleibender Kundschaft kein gutes Geschäft mehr machen lässt, kann auch die 82 Jahre alte Ingeborg Proenen nicht fassen. Ihr stehen die Tränen in den Augen, als ihr Mann mit langsamen Worten sagt: "Heute ist es für mich mehr oder weniger ein Schlaganfall, dass die Apotheke nicht mehr existenzfähig sein soll, obwohl neun Ärzte in der Gegend sind. Der Umsatz ist kein Millionenumsatz, aber es ernährt den Mann", meint er. 1995 verkaufte er die Apotheke, mehrfach wechselte sie seitdem den Besitzer. Seit Oktober vergangenen Jahres suchte die neue Inhaberin Valeska Pritz-Gottschall nach einem Nachfolger - ohne Erfolg.

Die Jan von Werth Apotheke in Köln.

Der 33-Jährigen, die noch drei weitere Apotheken betreibt, wirft Proenen vor: "Die hat sich übernommen. Wir hätten das ohne weiteres durch den persönlichen Kontakt mit der Bevölkerung geschafft." Pritz- Gottschall widerspricht: "Von Tradition kann sich keiner etwas kaufen." Die Proenens hielten an einer veralteten Vorstellung von Geschäftsführung fest, die im modernen Arzneimittelhandel nicht mehr tragfähig sei. "Im Verbund mit anderen Filialen ist das lukrativ nicht möglich." Sie habe Personal eingespart und Werbung gemacht. Auch sie schmerzt das Ende des Traditionshauses, das sie einst für 250 000 Euro kaufte. "Ich bin sehr traurig, dass das so enden muss." - lnw

Apotheken in Deutschland

Viele Apotheken müssen aus wirtschaftlichen Gründen schließen. In den letzten drei Jahren sank die Anzahl laut Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände kontinuierlich. Ende 2010 gab es noch gut 21 400. Jede Apotheke versorgte damit im Schnitt rund 3800 Einwohner. Probleme bereiten vielen Geschäften die seit acht Jahren unveränderten Honorare bei steigenden Personalkosten. Auch Rabattverträge zwischen Pharma-Herstellern und Krankenkassen machen den Apotheken zu schaffen.

Nach Ansicht der Vorstandsvorsitzenden des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenkassen, Doris Pfeiffer, gibt es in Deutschland mehr Apotheken als nötig. "Wir haben eine Apotheken-Dichte, die im internationalen Vergleich sehr hoch ist. Die Gewinnspannen der Apotheken sind immer noch so groß, dass sich mehr Apotheken halten können, als für die Versorgung der Patienten benötigt werden." Die älteste noch bestehende Apotheke Europas steht in Trier. Ihre erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1241.

Quelle: wa.de

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