1,7 Millionen Organspende-Ausweise werden verschickt

MÜNSTER/DÜSSELDORF - Mehr als 1,7 Millionen Menschen in NRW bekommen in den nächsten Tagen Post von ihrer Krankenkasse - mit einem Organspende-Ausweis. Sie sollen sich für oder gegen eine Spende entscheiden.

Der Ausweis ist orange-blau, hat das Format einer Kreditkarte - und wenn es nach Krankenkassen und Ärzten geht, sollte ihn jeder Deutsche über 16 Jahren künftig bei sich tragen. In einem ersten großen Schub hat in der kommenden Woche jeder zehnte Nordrhein-Westfale den Organspende-Ausweis samt Infobroschüre im Briefkasten. Die Versicherten sollen bei dem Thema Farbe bekennen, und die Krankenkassen müssen sie zu diesem Zweck bis Ende Oktober 2013 informieren und mit Ausweisen ausstatten. Dazu sind sie seit dem 1. November gesetzlich verpflichtet.

Die Techniker Krankenkasse (TK) in NRW verschickt die Infos in der kommenden Woche an 1,76 Millionen Versicherte. Die landesweit größte Kasse AOK Rheinland/Hamburg informiert 2,5 Millionen Versicherte nach und nach. Bis jetzt haben 125 000 AOK-Versicherte Briefe erhalten. "Das setzen wir kontinuierlich bis deutlich ins nächste Jahr hinein fort", sagt ein Sprecher. Die 1,1 Millionen betroffenen Versicherten bei der IKK Classic in NRW bekommen erst 2013 Post.

Laut einer forsa-Umfrage im Auftrag der Techniker Krankenkasse (TK) hat nur jeder fünfte Deutsche einen Spenderausweis. "Deutschland liegt unter ferner liefen, was die Spendebereitschaft angeht", sagt TK-Sprecherin Beate Hanak. Gründe sind oft Unwissenheit und Unsicherheit. "Viele ältere Menschen denken, sie könnten nicht spenden", sagt Dorothee Lamann, Organspendebeauftrage der Uniklinik Münster. "Das Alter schließt aber keine Organspende aus, ebenso wenig wie hoher Blutdruck oder Diabetes." Aktuell trägt der Verdacht der Tricksereien bei der Organvergabe an Kliniken in Göttingen, Regensburg und München zur Verunsicherung bei.

Indem man sich zu Lebzeiten nicht festlege, laste man seinen Angehörigen nach seinem Tod aber die Entscheidung auf, sagt Hanak. "Sie haben gerade eine nahestehende Person verloren, müssen den Tod verarbeiten, aber auch sofort entscheiden, ob sie Organe von dem Menschen freigeben. Das ist eine Riesenbürde." Oftmals wüssten die Hinterbliebenen nicht, wie dessen Einstellung zu dem Thema gewesen sei. 2011 entschieden sich in Deutschland aus diesem Grund Angehörige in fast 190 Fällen gegen eine Organspende. Das geht aus Statistiken der Deutschen Stiftung Organtransplantation hervor. "Deshalb ist es so wichtig, vorher darüber zu sprechen", sagt Lamann.

Transplantationsbeauftragte soll es künftig an allen Kliniken geben, an denen eine Organspende möglich ist. Sie sollen auch zur Aufklärung beitragen - und in der Bevölkerung verbreitete Ängste nehmen.

Für eine Spende von lebenswichtigen Organen wie Herz, Niere, Leber, Lunge oder auch Gewebe wie Haut und Knochen kommen Patienten nur infrage, wenn sie am Hirntod sterben. "Die Organe müssen noch mit Sauerstoff und Blut versorgt werden, damit man sie transplantieren kann", sagt Hanak. Der Hirntod treffe nur ein bis zwei Prozent der Menschen, sagt Lamann. "Außerdem müssen sie auf der Intensivstation unter Beatmung sterben. Wer nicht beatmet wird, kann kein Organspender werden, weil der Hirntod sonst nicht festgestellt werden kann."

Auch wenn der Ausweis ins Haus flattert, sind die Versicherten nicht verpflichtet, eine Entscheidung zu treffen. "Und auch danach ist sie jederzeit wieder änderbar, egal in welche Richtung", sagte Hanak. Eine Begründung, weshalb man spenden wolle oder nicht, werde nicht eingefordert, ergänzt Lamann. Auch auf das Thema Lebendspende gehen die Krankenkassen in ihren Infoschreiben ein.

Quelle: wa.de

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