Milde für den Fälscherfürst

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Küsschen nach dem Prozess. Wolfgang und Helene Beltracchi durften nach dem Urteil erstmals wieder in Freiheit essen gehen. Unter strengen Auflagen bleiben sie wie auch Otto S.-K. bis zum Strafantritt auf freiem Fuß.

KÖLN - Verblüffend einfach war der große Kunstbetrug des Wolfgang Beltracchi. Jahrelang haute er den Kunstmarkt mit Fälschungen von Avantgarde-Künstlern übers Ohr. Das Urteil gegen ihn und seine Komplizen fiel recht milde aus.

Wolfgang Beltracchi, der Ex-Hippie mit abgebrochenem Kunststudium, hat einen der größten Kunstfälscher-Skandale Deutschlands ausgelöst. Wohl niemals wird herauskommen, wie viele Werke der „Fälscherfürst“ mit dem langen grauen Locken wirklich gefälscht hat. Zusammen mit seiner Frau Helene und zwei Komplizen ergaunerte er fast zehn Millionen Euro.

Große Anspannung war vor der Urteilsverkündung im Landgericht Köln bei Beltracchi dennoch nicht zu spüren. Im Schnelldurchlauf hat das Gericht den Prozess durchgezogen und den Angeklagten milde Strafen bis maximal sechs Jahren im Gegenzug für Geständnisse zugesagt. Daran hielt sich der Vorsitzende Richter Wilhelm Kremer. Sechs Jahre bekam der Drahtzieher Beltracchi. Seine Frau Helene (53) muss für vier Jahre, der Komplize Otto S.-K. (68) für fünf Jahre ins Gefängnis. Helene Beltracchis Schwester Jeanette S. (54) erhielt ein Jahr und neun Monate auf Bewährung.Kremer entließ den Hauptangeklagten mit den Worten: „Lenken Sie Ihr Talent in legale Bahnen.“ Beltracchi, der sich im Verlauf des Prozesses sichtlich stolz auf sein künstlerisches Fälscherwerk gezeigt hatte, drehte mit den Daumen und verzog keine Miene. Am Ende umarmte er seine Frau Helene fest und atmete tief durch. Für sein neues Leben hat Beltracchi bereits ein Job-Angebot: Ein großes Museum in Köln würde ihn als Führer einstellen.Der Sohn eines Kirchenmalers aus Höxter wollte es noch besser machen als die Meister der Avantgarde der 20er Jahre. Er malte nicht etwa bestehende Werke von Max Ernst oder Heinrich Campendonk nach, sondern er erfand neue, „die im Werk eines Künstlers eigentlich nicht hätten fehlen dürfen.“Wie ein Roadmovie beginnt die Romanze Wolfgangs mit Helene in den 90er Jahren. In einem bunt angemalten Wohnmobil zog das Paar mit der kleinen Tochter durch Südeuropa und dann nach Südfrankreich. Dann kam das große Geld. Ein Anwesen in Mèze und eine Vier-Millionen-Villa in Freiburg leisteten sie sich.

Komplize Otto S.-K. aus Krefeld hatte von einem Restaurant in Alexandria bis zur Produktion russischer Diamantwerkzeuge ein bewegtes, aber nicht gerade einträgliches Berufsleben. 20 Prozent Provision bekam er für jedes verkaufte Bild. Der Kunstmarkt gierte offensichtlich nach immer neuen Bildern aus den frei erfundenen Sammlungen Jägers und Knops. Helenes Großvater Werner Jägers habe in den 20er Jahren bei dem berühmten Galeristen Alfred Flechtheim Avantgarde-Künstler gekauft und die Bilder im Krieg in der Eifel versteckt, gaukelte Helene Beltracchi den Galeristen vor. Sogar ein Foto, das angeblich Oma Jägers in den 30er Jahren vor den Meisterwerken zeigte, türkten die Beltracchis mit einer alten Kamera. „Es hat richtig Spaß gemacht“, resümierte Wolfgang Beltracchi.

Angesichts der „horrenden Gewinne“, die Galerien und Auktionshäuser mit den vermeintlichen Originalen erzielen konnten, sei der „Blick wohl etwas getrübt gewesen“, so Kremer. „Ernsthafte Kontrollen haben nicht stattgefunden.“ Auf die Anhörung der fast 170 benannten Zeugen hatte das Gericht verzichtet. So wurden die Praktiken des Kunstmarkts nicht durchleuchtet. „Manchem Zeugen erspart das vielleicht einen peinlichen Auftritt“, sagte Kremer. - dpa

Quelle: wa.de

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