„Melez“ bietet Kultur zur Ruhr.2010 im Zugabteil

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Katja Douchine singt russische Lieder zu Klaviermusik – im fahrenden Zug. ▪

Von Tobias Schröter ▪ DORTMUND–Die vorbeirauschende Landschaft ist etwas unrussisch. Dicht besiedelte Städte und große Firmengelände statt weitläufiger Tundra und Taiga. Und doch gelingt es dem „Melez“-Zug auf seinem zweieinhalbstündigen Kurztrip von Dortmund nach Oberhausen und zurück, seine Passagiere mitzunehmen ins ferne Russland, ihnen ein wenig Lebensart und Kultur des eurasischen Großstaates zu vermitteln.

„Melez“, das ist ein interessantes Projekt im Rahmen der Ruhr.2010, das gemäß seiner Namensbedeutung („Melez“ ist türkisch und heißt in etwa so viel wie Mischling) verschiedene Kulturen mischen und dadurch verbinden soll. „Da geht es um Integration, ein sehr aktuelles Thema also. Die Begegnung zwischen den Kulturen ist Kern des Programms“, erläutert Hella Sinnhuber vom „Melez“-Team. Zum ersten Mal 2005 als mehrtägiges Festival in der Bochumer Jahrhunderthalle durchgeführt und seitdem jährlich gewachsen, geht „Melez“ im Kulturhauptstadt-Jahr auf die Gleise: Eine alte S-Bahn aus den 80er-Jahren wurde aufwendig umgebaut und aufgehübscht zum schillernden Festivalzug. Auf dem wasserblau-goldenen Außenanstrich prangt der Name in Koreanisch, Griechisch, Kyrillisch und allerlei anderen Sprachen, die Waggons sind eingeteilt in fünf Abschnitte.

Da gibt es den bestens vertonten Bühnenwagen mit einer Auftrittsfläche für Musiker, den kunterbunten Tanzcafé-Waggon samt Disco-Kugel und den orientalisch angehauchten Salon-Wagen. Außerdem den „Weißen Wagen“, der Raum für künstlerische Gestaltung bietet: Die ursprünglich komplett weißen Sitze und Wände sollen im Verlauf des Festivals von den Mitreisenden mit Stiften bemalt werden – gewollte Graffiti sozusagen. Der Medienwagen schlussendlich dient mit acht Laptops als Schnittstelle zur Außenwelt und lädt zum Informieren und Bloggen ein. Derartig aufgerüstet tourt der „Melez“-Zug einen Monat lang auf 13 Fahrten durch die Region der Kulturhauptstadt, die allesamt einem anderen Thema gewidmet sind – eine türkisch-griechische Freundschaftsfahrt, eine literarische Nachtfahrt oder eine Bergbau-Fahrt zum Beispiel.

Das sieht dann bei „ruhRussia“, der eingangs erwähnten Tour mit dem Thema Russland, folgendermaßen aus: Im Bühnenwagen eröffnen „Resistanzen2“ das musikalische Programm. Eine Ruhrgebiets-Band ohne russischen Hintergrund, aber „aufgeschlossen gegenüber osteuropäischem Liedgut“, wie Frontmann Martin Kaufmann erklärt. So gibt es neben langsam-verrauchten Balladen, die eher in irische Pubs passen würden, auch Polka mit teils russischen Texten, die man durchaus mit dem osteuropäischen Vielvölkerstaat in Verbindung bringt.

Zeitgleich beginnt im „Weißen Wagen“ einer der informellen Teile: Unter dem Motto „Unser Verhältnis zu Russland: viel mehr als Gas und Röhren“ erzählen der Russland-Korrespondent Hermann Krause und die russische Journalistin Elena Solominski aus Politik, Kultur und Alltag in Russland. Dass französischer Wein vielerorts den Wodka ablöst, dass Putins Sportlichkeit großen Anteil an seiner Beliebtheit hat und dass 90 Prozent der Passagiere in der Transsibirischen Eisenbahn betrunken sind, weil sie mit Alkohol die Langeweile des immergleichen Ausblicks zu vertreiben versuchen. Später gibt es hier einen kleinen Russisch-Sprachkurs und eine stark frequentierte Anleitung zum Wodkatrinken.

Im Salonwagen tritt derweil die Sängerin Katja Douchine auf und präsentiert besinnlich-leise russische Chansons – ein schöner Kontrast zum lautstarken Polka-Programm im Bühnenwagen. Dort bildet das „Skazka-Orchestra“ den musikalischen Abschluss der Fahrt. Das junge Sextett spielt „Ska-Jazz-Folk-Klezmer-Pop-Punk“, der mitreißt und auch sehr russisch klingt.

Kulturprogramm im Zug – funktioniert das? Die Resonanz bei den bunt gemischten Passagieren ist jedenfalls sehr positiv: „Wir sind begeistert. Das war mal etwas ganz anderes, Live-Musik im Zug zu hören – und noch dazu sehr abwechslungsreich“, befindet einstimmig eine Gruppe älterer Damen aus Hagen. In der Tat vergehen die zweieinhalb Stunden wie im Flug, weil es immer wieder Neues zu entdecken gibt. Und dass man Musik nicht im großen Konzertsaal oder vor einer Freiluft-Bühne, sondern im fahrenden Abteil hört, bei dem die Instrumente zwischen den Sitzreihen eingepfercht sind, fällt nach kurzer Zeit schon gar nicht mehr auf. Der Ausstiegs-Bereich wird zur Tanzfläche, die kurze Distanz verbindet Band und Zuhörer und die Akustik in den Waggons ist herausfordernd für den Tontechniker, letztendlich aber hervorragend. Auch die Musiker arrangieren sich schnell mit der ungewohnten Situation: „Hauptsache breitbeinig stehen“, scherzt Martin Kaufmann, der den holprigen Umständen auch etwas Positives abgewinnen kann: „Das erhöht den Schunkel-Effekt.“

Das dicht gestaffelte, sich teilweise überschneidende Programm birgt jedoch auch Schwierigkeiten: Nicht jeder kann zeitgleich alles sehen. So kommt es am Anfang zu Gedränge im Bühnenwagen, der bei sommerlichen Außentemperaturen zur Sauna mutiert. Erst nach einiger Zeit entzerrt sich die Lage. Später klappt dies besser: Jeder Passagier pickt sich das heraus, was ihm Spaß macht: Entspannter Musikgenuss im Salon, Rocken im Bühnenabteil oder Wissensvermittlung im Weißen Wagen.

Und so passiert es, dass man bei geschlossenen Augen durchaus eintauchen kann in eine russische Welt – bis einen beim nächsten Augenaufschlag das Autobahnschild mit der Aufschrift „Herne-Baukau 1000m“ wieder zurückholt.

Termine

Der Melez-Zug tourt noch bis Ende Oktober durch das Ruhrgebiet, parallel gibt es Veranstaltungen neben der Strecke. Am Ende steht eine mehrtägige Abschlussfeier in der Jahrhunderthalle Bochum.

16.10.Balkan-Express (18 Uhr, Hbf Oberhausen)

16.10.Faust (19.30 Uhr,

Theater Oberhausen)

16.10.Balkan-Party (20 Uhr, Zentrum Altenberg, Oberhaus.)

17.10.Bergbau-Fahrt (12.48 Uhr, Hbf Duisburg)

17.10.Türkisch-Griech.-Fahrt (18 Uhr, Zeche Zollver., Essen)

22.-31.10.Messe „Liestanbul“

22.10.Melez trifft Pottporus

22.10.Melez goes Street Art

23.10.Arthur, Paul & the Others

23.-25.10.Bon Appetit

23.10.Rebetiko in Katakomben

23.10Liebes-Express, Teil II

23.10.Urban Club Night

24.10.Euridikes Schrei

24.-28.10.Filmwoche Istanbul

24.10.Transorient-Express

25.10.Türkische Bibliothek

26.10.Melez.Kulinarik

27.-29.10.Kongress Interkultur

28.10.Die Zukunft der Stadt

28.10.Die letzte Fahrt

28.-31.10.Abschlussfest

Informationen und Tickets unter http://www.ruhr2010.de/melez oder Tel. 01805/452010

Quelle: wa.de

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