Befragung von Kitaleitern

Kita-Probleme: Mehr arme Kinder, wenig Unterstützung durch die Politik

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Symbolbild

Düsseldorf  - Fast jeder Politiker singt ein Loblied auf die Arbeit der Erzieher in den Kitas. In deren Ohren kommen aber überwiegend Misstöne an. Erzieherinnen fühlen sich als "Spiel- und Basteltanten" verkannt und im Stich gelassen. Das zeigt eine neue Studie.

In den deutschen Kindertagesstätten steigt laut einer repräsentativen Kitaleiter-Befragung der Anteil der Kinder aus armen Familien. In einer Studie für den Verband Bildung und Erziehung (VBE) und den Informationsdienstleister Wolters Klüwer bejahte dies mehr als die Hälfte der fast 2400 befragten Kitaleiter aus ganz Deutschland.

Allerdings verfüge demnach nur die Hälfte der Einrichtungen über spezielle Angebote für diese Zielgruppe, erklärte der Sozialwissenschaftler Prof. Ralf Haderlein am Mittwoch bei der Vorstellung der Studie in Düsseldorf.

Barbara Nolte kennt das aus der Praxis. Die 55-jährige Kitaleiterin aus Hövelhof im Kreis Paderborn hat in ihren 31 Berufsjahren eine Veränderung festgestellt. "Die Kinderarmut nimmt zu", berichtet sie. Die ehrenamtliche VBE-Referatsleiterin für den Bereich Erzieher hört auch von vielen Kollegen: "Immer mehr Kitas sorgen für Frühstück, weil viele Kinder nie Frühstück mit haben - oder etwas, das niemand essen möchte."

Kita-Flohmärkte für sozial Schwache

Außerdem veranstalteten immer mehr Kitas Flohmärkte. "Die Familien suchen Orte, wo sie gut und günstig Kleidung kaufen können." Auch "Mitnahmeschränke" für aussortierte Bücher und niedrigschwellige Sozialarbeit werde in vielen Kitas zusätzlich organisiert. Bemerkenswert sei, dass trotz aller Politiker-Bekenntnisse nur vier Prozent der Kita-Leiter den Eindruck äußerten, ihre Arbeit erfahre seitens der Politik tatsächlich starke Wertschätzung, sagte der Koblenzer Bildungsforscher.

Über 80 Prozent beklagten ausdrücklich mangelnde Wertschätzung. "Das müsste Politikern die Schamesröte ins Gesicht treiben", unterstrich der VBE-Bundesvorsitzende Udo Beckmann. "Die Politik lässt ihren Versprechungen keine Taten folgen." Er forderte mehr Unterstützung für "die Herkulesaufgabe frühkindliche Bildung".

Die Erzieher - zu 95 Prozent Frauen - leiden aber auch unter dem hartnäckigen gesellschaftlichen Vorurteil, sie seien noch "die Spiel- und Basteltanten", wie Haderlein berichtete. "Dass Bildung ein Mittelpunkt in jeder Kita geworden ist, spiegelt sich in der Gesellschaft nicht wider."

In NRW fehlen Erzieherinnen

Vor allem unter den unter 30-jährigen Kita-Leiterinnen ist der Frust darüber groß: Rund 84 Prozent von ihnen fühlen sich weiterhin als schlichte Betreuerinnen abgewertet. Neben mangelnder Anerkennung bleibe auch fehlendes Personal in den Kitas ein großes Problem. Bis zum Jahr 2025 drohe bundesweit eine Fachkräftelücke von rund 300.000 Beschäftigten - etwa ein Viertel davon im bevölkerungsreichsten Bundesland NRW.

Derzeit arbeiten laut Haderlein rund 700.000 Angestellte in rund 40.000 deutschen Kitas. Er bezifferte den bundesweiten Mehrbedarf für die Angleichung der deutschen Kita-Verhältnisse an europäische Standards auf bis zu zehn Milliarden Euro jährlich.

"Die Fachkraft-Kind-Schlüssel sind in einem Großteil der Bundesländer absolut unzureichend und entsprechen bei weitem nicht den wissenschaftlich anerkannten Mindestverhältnissen von 1:7,5 für über dreijährige und 1:3 für unter dreijährige Kinder", heißt es in der Studie.

Auffällig seien die großen regionalen Unterschiede beim Qualifikationsniveau der Erzieher: "Während etwa in Bayern (84,9 %) und Hessen (81,6 %) eine große Mehrheit der Kita-Leitungen eher zufrieden mit dem Erziehernachwuchs ist, geben in Mecklenburg-Vorpommern (56 %), Sachsen-Anhalt (61,2 %) und Thüringen (61,5 %) deutlich weniger Leitungskräfte an, dass sie insgesamt zufrieden sind." Dies sei ein deutlicher Hinweis auf große Ausbildungsunterschiede in den Bundesländern.

Beckmann forderte mehr Studienplätze für akademisch gebildetes Kita-Personal und flächendeckende Einführung eines Qualitätsmanagements in den Kitas. Beim Deutschen Kitaleitungskongress in Düsseldorf tauschten sich nach Angaben der Veranstalter über 3000 Teilnehmer und rund 50 Referenten über die Arbeit in den Kitas aus. Die Studie über ihre Situation wird jährlich erhoben. - dpa/lnw

Quelle: wa.de

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