Lichtkunst in Bergkamen, Unna, Hamm, Lünen, Bönen

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Unterwegs bei der Biennale für Internationale Lichtkunst: Begeisterte Gastgeber führen faszinierte Besucher. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ UNNA–Die Gastgeberin stellt eine Frage: „Wo ist hier wohl die Lichtkunst?“ In der Garage von Frau Schnabel steht ein Brett in der Ecke, dessen Kante weiß lackiert ist.

Aber nein, Jakob zeigt auf den schwarzen Draht an der Wand. Paul Panzer hat damit zwei Leuchtröhren sozusagen in den Raum gezeichnet, gegenüber der echten Lampe. „Keine Sorge“, sagt Frau Schnabel, „gleich sehen Sie noch Lichtkunst mit Licht.“ Im Keller ihres Hauses hat Volkhard Kempter Leuchtröhren installiert, die dauernd blitzen. „Man fühlt sich wie die Stars in Hollywood“, erklärt die Hausfrau. Und dann kommen wir zum Fernseher, der den Kopf einer Frau zeigt. „Das Licht wechselt ständig“, erklärt unsere Führerin, „dadurch sieht sie immer wieder anders aus.“

Seit einem guten Monat läuft die Biennale für Internationale Lichtkunst in Bergkamen, Bönen, Fröndenberg, Hamm, Lünen und Unna. Das Projekt der Kulturhauptstadt bringt Kunstfreunde aus ganz Europa ins östliche Ruhrgebiet. Wir gehen durch Unna, in Bahnhofsnähe, und Claudia sagt, dass die Werke von Panzer und Kempter nicht ganz so „ihr Ding“ sind. Das war bei Julius Popp anders. Der hat seinen „bit.fall“ im Gartenpavillon über dem Swimming Pool von Monika Stahl installiert. In rhythmischen Schwällen fällt ein Vorhang in das Becken. Auf dem fallenden Wasser erscheinen Buchstaben, Wörter. „Kosovo“ entziffern wir, „al Kaida“, aber auch Begriffe wie „der“. Die Betreuerin erklärt: Ein Rechner sucht im Internet Nachrichten und spielt Zufallsfunde auf den Projektor. So stehen für Sekundenbruchteile Informationen in der Luft. Der Betrachter kann sie nicht entziffern, zu schnell ist die Datenflut. „Cool“, sagen die beiden Jungs, während wir durch den Garten gehen, weiter zur nächsten Adresse.

Die Biennale verzahnt Kunst und Leben intensiver, als es im Museum möglich wäre. Geradezu euphorisch begrüßt uns Peter Freudenthal in Lünen. „Ich war zunächst dagegen, dass wir mitmachen“, erzählt er. „Jetzt bin ich so begeistert, dass ich die Führungen mache. Wenn Sie einmal die Chance haben, machen Sie das auch. Lassen Sie ein Kunstwerk ganz nah an sich heran.“ Er zeigt auf seinen chinesischen Garten, sagt, wie sensibel bisher die Besucher waren. Keiner sei auf das Kiesbeet getreten, das seine Frau jeden Morgen harkt. Jetzt steht ein Berg aus Koks auf dem Beet, Teil von Kazuo Katases Installation „Helle Kammer, schwarzer Berg“. Der in Japan geborene Künstler kombiniert Lichtkästen mit Darstellungen einer Schale und des Fujijama im Wohnzimmer mit dem realen Berg draußen. Man hat sich angefreundet, vor ein paar Tagen erst haben Gastgeber und Künstler ein Glas Rotwein zusammen getrunken. Freudenthal strahlt über das Entzücken der Besucherin aus Berlin: „Schreiben Sie unbedingt etwas ins Gästebuch.“ Drinnen lässt er noch das Rollo herunter, um die andere Wirkung des Leuchtkastens zu demonstrieren.

Gisbert Herrmann aus Fröndenberg-Frömern hat beim Aufbau des Kunstwerks von Christian Boltanski mitgeholfen. Seine Frau Gudrun sagt, dass sie jederzeit wieder mitmachen würden. Die „Archives“ von Boltanski bestehen aus grauen Kästen, darüber hängen unscharfe Fotos, die von Lampen angestrahlt werden. Der französische Künstler erinnert mit der Arbeit an die Deportation der Juden – er selbst hatte einen jüdischen Vater, der sich während der Besetzung Frankreichs verstecken wollte. Das Haus der Herrmanns besitzt auch einen geheimen Keller. Der Großvater betrieb eine Schusterwerkstatt und versteckte darin nach dem Weltkrieg seine Ledervorräte. Im Wohnzimmer der Herrmanns sind Fotos von Opa Bolle zu sehen, alte Möbel, andere Erinnerungsstücke. So treffen zwei Archive aufeinander.

Auch Heidi Langes in Fröndenberg lebt gern mit „ihrem“ Kunstwerk, der Installation „o.T. (Canaletto)“ des Genfer Künstlers John Armleder. Sie erklärt, dass die Steckdosen und Kabel davor zur Arbeit gehören und dass sie dabei an Kanäle und Schiffe denkt. Eben wie bei den Stadtlandschaften des italienischen Altmeisters. Sie plant schon für die Zeit nach der Biennale: Im Baumarkt hat sie sich Leuchtröhren und Kissen besorgt – für eine eigene Lichtkunst-Version.

Besucher kommen von weither, auch wenn die meisten aus dem Ruhrgebiet vorbeischauen. Mitglieder des Kunstvereins Hamburg, eine Reisegruppe aus Ungarn, Kanadier, Schweden... Die Dame, die Lawrence Weiners Textarbeit in der Praxis des Krankengymnasten Jan-Dirk Grote in Lünen betreut, erzählt von dem Mann aus Amsterdam, der sich in Schwerte eingemietet hat und mit dem Rad alle 60 Stationen der Biennale abfährt. Fremde Besucher geben sich Tipps: „Haben Sie schon das Motorrad von Egil Saebjörnsson in Hamm gesehen?“

An manchen Tagen bleiben die Gastgeber mit ihren Betreuern allein. Dann wieder herrscht Hochbetrieb. Hans-Joachim Wehmann hatte „seinem“ Betreuer „frei“ gegeben, damit der sich Borussia Dortmund anschauen konnte. Der Bergkamener hatte sowieso zu tun – und sich verrechnet. „Keine zehn Minuten war ich am Schreibtisch, andauernd klingelte es.“ Bei ihm hängt das „UFO-DD-05“ im Flur, eine Skulptur aus künstlichen Tannen und einem Stab mit Leuchten von Eberhard Bosslet. Wehmann gefällt, dass die Arbeit im Tageslicht funktioniert. Eigentlich war ihm egal, welcher Künstler zu ihm kommt. Seine Frau und er wollten einfach Teil der Kulturhauptstadt sein, mitmachen. Es ist schon 18 Uhr vorbei, er schaltet aus. „Die Lichtkunst geht jetzt schlafen“, sagt er und deutet zart an, dass er jetzt auch gern Ruhe hätte.

Das Festival

60 Kunstwerke werden in privaten Räumen gezeigt: 1.Biennale für Internationale Lichtkunst - Open Light in Private Places, bis 27.5.,

tägl. 10-18 Uhr

geöffnet: an Tagen mit geradem Datum Häuser in Unna, Fröndenberg, Bönen; ungerades Datum: Hamm, Lünen, Bergkamen, Tel. 02303/25 66 27

http://www.biennale-lichtkunst.de

Quelle: wa.de

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