Norbert Röttgen droht der Rückschlag

BERLIN - Kurz vor der Wahl hat Norbert Röttgen schon mal Ministerpräsident gespielt. In Düsseldorf hielt er in dieser Woche eine Art Kabinettssitzung mit seinen Schattenministern ab, wie einer der Teilnehmer berichtet. Doch ob er Nordrhein-Westfalen auch im echten Leben führen darf, ist laut Umfragen unwahrscheinlich.

Röttgen dürfte eher in Berlin bleiben und als Bundesumweltminister weiterhin an den Runden von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) teilnehmen, meinen selbst Parteifreunde.

Einige in der CDU finden es sehr befremdlich, wie er auf den letzten Metern versucht, die Wahl in NRW zu einer Abstimmung über den EU-Sparkurs von Merkel hochzustilisieren. Als Ministerpräsident würde er verhindern, dass Steuergelder für "Wahlversprechen in Frankreich" vergeudet würden, kündigte Röttgen an. Will er damit Verantwortung bei Merkel abladen, falls die Wahl verlorengeht? Schon Röttgens Forderung nach einer höheren Pendlerpauschale kam in der Union schlecht an, Merkel lehnt das ab.

Das Geheimnis um seine Zukunft will der CDU-Spitzenkandidat erst nach der Wahl lüften - die Partei entscheide, wo sein Platz sei. Vielleicht wird Röttgen sein Taktieren bei der Frage, ob er im Fall einer Niederlage als Oppositionsführer in Düsseldorf bleibt, rückblickend ähnlich kritisch sehen wie eine Episode aus dem Jahr 2006. Sie weist Parallelen zum heutigen Düsseldorf-Berlin-Spagat auf.

Damals ging es darum, dass der heute 46 Jahre alte Vater von drei Kindern Hauptgeschäftsführer beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) werden und zugleich sein Bundestagsmandat behalten wollte. Nach Kritik an der Doppelfunktion als Politiker und Lobbyist sagte er dem BDI schließlich ab. Dabei habe sich seine Frau Ebba von Anfang an skeptisch gezeigt, erzählte er jüngst bei einer Diskussion im Berliner Ensemble. "Das war eine Fehlentscheidung", sagt er heute.

Röttgen will über Inhalte, Sachfragen, die Verschuldungspolitik der SPD reden - stattdessen wird er immer wieder nach seinen Zukunftsplänen gefragt. FDP-Generalsekretär Patrick Döring warnte bereits, er müsse achtgeben, nicht irreparabel beschädigt zu werden. Eine Retourkutsche, weil Röttgen Gleiches einmal mal über Guido Westerwelle gesagt haben soll. Der CDU-Vize hat auch in der eigenen Partei einflussreiche Gegner - bei seinem politischen Aufstieg hat er enge Weggefährten verprellt. Daher blicken einige mit Schadenfreude auf sein Agieren an Rhein und Ruhr.

2011 war Röttgen einer der politischen Gewinner. Er war es, der nach den Kernschmelzen von Fukushima den Atomausstieg vorantrieb und in der schwarz-gelben Koalition mit durchsetzte. 2012 könnte nun ganz anders laufen als von ihm geplant. Es ist sein erster großer Wahlkampf. Röttgen ist rhetorisch geschickt, aber er ist nicht unbedingt der Marktplatz-Typ, der die Herzen der Menschen erobert und ihre Sprache spricht - SPD-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft hat da zweifellos Vorteile.

Im Vergleich zu Röttgen wirke selbst Kanzlerin Angela Merkel wie eine Menschenfischerin, meint "Der Spiegel". Er steht nun an einer politischen Weggabelung. Derzeit sieht es wenig rosig aus, auch wenn er betont, nichts sei in der Regel so falsch wie Umfragen. Aber die dank Christian Lindner mögliche FDP-Wiederauferstehung könnte zulasten der CDU gehen - und Röttgen fehlen Koalitionsoptionen. Fährt er weniger als 34,6 Prozent der Stimmen am kommenden Sonntag ein, wäre dies das schlechteste CDU-Ergebnis bei einer NRW-Landtagswahl überhaupt.

Das wäre ein Makel für eine mögliche Kanzlerkandidatur - es gibt nur wenige, die ihm das Amt eines Tages nicht zutrauen. Sei es Finanzkrise, Klimawandel oder Energiewende - kaum ein Politiker in Deutschland schafft es, solche Themen in das große Ganze einzuordnen, wenngleich er sich manchmal in komplizierte Wortgirlanden verstrickt.

Gelingt Röttgen aber auf den letzten Metern eine Aufholjagd, hätte er es allen Kritikern gezeigt. In den letzten Wochen pendelte er viel zwischen Berlin und Düsseldorf, seine drei Kinder sah er kaum noch. In seinem Ministerbüro in Berlin stehen gleich mehrere Fotos seiner Frau Ebba - er kennt sie seit Junge-Union-Zeiten, sie ist ihm eine wichtige Beraterin, heißt es. Gerade jetzt, wo es um viel geht.

Unklar ist, was eine Schlappe für das Amt des Umweltministers bedeuten würde. Es ist fraglich, ob die Energiewende in die richtige Spur kommt, wenn er und der andere federführende Minister Philipp Rösler (Wirtschaft/FDP) parteiintern geschwächt sind. Hinzu kommt, dass die neue bundesweite Endlagersuche noch geregelt werden muss.

Egal wo und wie - Röttgen geht es um das Gestalten, um eine Politik ohne Anhäufung neuer Finanz- und Ökoschulden. "Es gibt wenig mehr Sinnberufe als die Politik", sagt er. Den Vorwurf, die Kandidatur in NRW solle ihm nur als Karrierevehikel dienen, weist er zurück: "Das stimmt nicht." Der Titel eines Buchs von ihm lautet: "Deutschlands beste Jahre kommen noch". Ob Norbert Röttgens beste Jahre noch kommen, hängt nun davon ab, wie hoch der schwarze CDU-Balken am Sonntag um 18 Uhr steigt. - lnw

Quelle: wa.de

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