Landeskirche in Frauenhand

An der Spitze der Evangelischen Kirche von Westfalen soll künftig erstmals eine Frau stehen. Die leitende Pfarrerin der Evangelischen Frauenhilfe, Angelika Weigt-Blätgen (li.) und die Siegener Superintendentin Annette Kurschus (re.) , kündigten am Freitag (27.05.2011) in Dortmund ihre Kandidatur für das Präses-Amt an (Foto bei der Vorstellung in der Dortmunder Reinoldikirche mit Präses Buß). Die 55-jährige Weigt-Blätgen ist seit acht Jahren leitende Pfarrerin der Evangelische Frauenhilfe in Westfalen mit Sitz in Soest. Sie ist geschieden und hat zwei erwachsene Söhne. Kurschus steht seit 2005 an der Spitze des Kirchenkreises Siegen, der mit rund 130.000 Mitgliedern der größte der 31 westfälischen Kirchenkreise ist. Die 48-jährige Theologin ist ledig und hat keine Kinder. Das Kirchenparlament, die Landessynode, wählt im November in Bielefeld einen neuen leitenden Theologen. Der amtierende Präses Alfed Buß wird nach achtjähriger Amtszeit zum 1. März 2012 in den Ruhestand treten. (Siehe epd-Meldung vom 27.05.2011) DER ABDRUCK DES EPD-FOTOS IST HONORARPFLICHTIG!

DORTMUND ▪ Der nächste Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen wird wohl eine „Sie“ – eine Premiere in der Geschichte der viertgrößte Landeskirche. Zwei Frauen kandidieren für die Nachfolge von Alfred Buß, der seit nunmehr sieben Jahre als leitender Theologe an der Spitze der Landeskirche steht und im März 2012 nach zwei Amtszeiten offiziell ausscheidet: Angelika Weigt-Blätgen (55), leitende Pfarrerin der Frauenhilfe in Westfalen mit Sitz in Soest, und Annette Kurschus (48), Superintendentin aus Siegen.

„Wir sind beide stolz darauf, dass ordinierte Frauen in unserer Kirche so selbstverständlich eine Chance bekommen, an der Zukunft dieser Kirche aktiv mitzuwirken“ – so viel Gemeinsamkeit prägte die offizielle Vorstellung der beiden Kandidatinnen am Freitag in der Dortmunder Reinoldi-Kirche.

Wobei unterschiedliche Akzente in den Vorstellungen indes nicht unter den Tisch fielen. „Ich stehe für eine Kirche, die sich einbringt in den Diskurs um alle ethischen, sozialpolitischen und umweltpolitischen Themen unserer Zeit“ – so beschreibt Angelika Weigt-Blätgen ihr persönliches Profil, das sie in aller Kürze vor allem in einem Begriff zusammenfasst: „Bodenständigkeit.“ Ein Charakterzug, den sie nicht zuletzt ihrer aktuellen Arbeit verdankt: Seit acht Jahren leitet die 55-jährige geschiedene Mutter zweier erwachsener Söhne die Evangelische Frauenhilfe Westfalens in Soest.

„Lebensumstände der

Menschen als Basis“

Eine Aufgabe, die sie auch dazu gebracht hat, sich bei der theologischen Seite ihres Jobs die sozialpolitische Auslegung der Bibel in den Vordergrund zu stellen: „Wir müssen gerade als Kirche die Lebensumstände der Menschen zur Basis und zur Herausforderung unseres Schaffens machen.“

Angesichts zahlreicher kleiner werdender Gemeinden plädierte sie zudem für mehr Zusammenarbeit zwischen Gemeinden und Kirchen sowie mit anderen Religionen und Kulturen.

Den laufenden und zum Teil schmerzlichen Veränderungsprozess der Kirche sieht auch Annette Kurschus als eine persönliche Herausforderung. Es sei vorrangig eine „ständige Neugier auf Menschen“, die sie in ihrer innerkirchlichen Arbeit begleite. „Mit Leidenschaft“ habe sie sich zwölf Jahre als Pastorin und sechs Jahre als Superintendentin zusammen mit ihrer Gemeinde den wechselnden Herausforderungen an eine schrumpfende Kirche gestellt, in der dem Ehrenamt eine stetig wachsende Bedeutung zukomme: „Das müssen wir als Hauptamtliche erkennen und jeden Tag aufs Neue anerkennen.“

„Ich kann mich nicht

bequem zurücklehnen“

Wolle die Kirche ihre Bedeutung erhalten, dürfe sie keine Rollenteilung zulassen, in der es „uns hier drinnen als geschlossenen Verein und darüber hinaus eine Welt da draußen“ gebe: „Jeder Tag und jede neue politische Entwicklung gebieten es, dass wir auch über unsere sozialpolitischen Aufgaben ständig neu nachdenken – und da kann ich mich nicht bequem zurücklehnen.“

Im November wird die Landessynode – als „Parlament“ der Landeskirche – offiziell über die Nachfolge des noch amtierenden Präses Alfred Buß entscheiden – und damit vermutlich über eine der beiden Frauen. Zwar ist bis dahin noch die Aufstellung eines weiteren Kandidaten oder einer weiteren Kandidatin möglich; auch dies wäre allerdings eine Premiere.

Wie auch die Nominierung der beiden Kandidatinnen im Landes-Nominierungsausschuss. Dessen 26 Mitgliedern fiel es nach Worten des Ausschussvorsitzenden Detlef Mucks-Büker „angenehm leicht“, mit der Entscheidung für die zwei Frauen landeskirchliches Neuland zu betreten: „Beide bringen ein hohes Maß an theologischer und menschlicher Kompetenz mit für das Spitzenamt.“

Gab es denn gar keine möglichen männlichen Kandidaten? „Durchaus“, sagt der Chef des Nominierungs-Ausschusses. Nur hätten sich die beiden Frauen durch ihre Arbeit eben besonders ausgezeichnet. Und dann lässt er durchblicken, dass die Zeit dafür wohl auch reif war: „Hätten wir Ihnen bei so viel weiblichem Potenzial allein zwei männliche Bewerber präsentiert – wir hätten uns wohl weitaus kritischere Fragen anhören müssen.“ ▪ Manfred Brackelmann

Quelle: wa.de

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