Landarzt wie im Fernsehen - Doc Dinslage und seine Frau

+
Der Landarzt Wolfgang Dinslage (links) behandelt  in seiner Praxis in Merzenich bei Düren einen Patienten.

MERZENICH - Das klingt alles so schön: Arzt auf dem Land, Zeit für die Patienten, Vertrauen und Verständnis. Und trotzdem wird es für das Arzt-Ehepaar Dinslage schwierig, einen Nachfolger zu finden.

Von Elke Silberer

Merzenich (dpa/lnw) - Landarzt-Idylle wie im Fernsehen: Wolfgang und Annedore Dinslage lassen sich nicht hetzen. Nicht von der Uhr, nicht vom vollen Wartezimmer, nicht von wirtschaftlichen Überlegungen. "Jeder Patient kriegt die Zeit, die er braucht", sagt Wolfgang Dinslage. Das Arzt-Ehepaar hatte seine Patienten mal gefragt, ob sie Behandlung auf Termin einführen sollen. Die Patienten winkten dankend ab. Da warten sie doch lieber mal etwas länger. Und so behandeln die Mediziner die Menschen, wie sie kommen. Auch wenn sie anders mehr verdienen könnten.

Die Praxis liegt in dem kleinen Ort Merzenich bei Düren. Die vier Ortschaften der Gemeinde haben so schöne Namen wie Girbelsrath oder Morschenich. Wenn man die Praxis betritt und die falsche Tür erwischt, steht man im Privathaus der Dinslages. Privates und Praxis liegen hier auch sonst ganz nah beieinander - nicht nur weil der Arzt morgens die Pausenbrötchen für die Helferinnen mitbringt. Selbst am Samstag gibt es eine Sprechstunde für Akutfälle und Injektionen. Das Gebot im Alten Testament: "Am siebten Tag sollst Du ruhen" ist Wunschdenken. "Da macht mein Mann den Bürokram", sagt Annedore Dinslage.

Der Doc ist 67, Frau Doktor 62. In der letzten Zeit haben die Patienten immer mal gefragt, wie lang die beiden die Praxis noch halten und es klang immer auch ein bisschen Sorge mit. "Vielleicht machen wir weiter, bis ich 70 bin", sagt Wolfgang Dinslage. Vergnügen klingt mit.

Natürlich strecken sie schon die Fühler nach einem Nachfolger aus. Aber es wird schwierig. Selbst wenn ein junger Arzt Interesse hat, zieht die Frau nicht unbedingt mit. "Die Frauen wollen lieber in die Stadt", sagt der agile Arzt, der äußerlich so gar nicht richtig ins Arzt-Klischee passen will: T-Shirt, Weste, Jeans. Kein weißer Arztkittel, aber wenigstens ein Stethoskop am Hals.

"Wir sind keine Halbgötter in Weiß", sagt seine Frau. Mit denen würde man sicher auch nicht über Familie, Kinder, Sorgen und Freuden des Lebens sprechen. Ob Hochzeiten, Geburten, oder Sterben - die Dinslages sind irgendwie immer dabei. Das enge Verhältnis zu den Patienten, ihr totales Vertrauen - "Mich begeistert das totale Vertrauen der Patienten in meine Fähigkeiten", sagt der Doc.

Die Verantwortung für den Praxis-Betrieb, der absehbare Abrechnungs-Ärger mit den Kassen, die Pflicht-Fortbildungen, das sei die Kehrseite, die viele junge Ärzte sehen. Und natürlich das Geld: Reich wird man in der Praxis mit einem Gros an Kassenpatienten nicht.

Schon als neunjähriger Knirps hat Doc Dislage in der Praxis seines Vaters Patienten die Warzen entfernt. "Das wäre heute undenkbar." Er wuchs in die Praxis rein, die eigenen Söhne wollten das nicht. Der Alltag der Eltern mit Praxisbetrieb, Notdiensten, Hausbesuchen war abschreckend. Natürlich wäre es schön gewesen, wenn die Praxis in die dritte Generation gegangen wäre.

Hausbesuch bei Adolf Siep. Herr Siep ist ein 94 Jahre alter Herr in Girbelsrath. Er und seine Frau waren schon bei Vater Peter in Behandlung. Wolfgang Dinslage setzt sich ins Wohnzimmer und nimmt Blut ab. Er ist ganz bei dem alten Mann, spricht mit ihm, legt seine Hand fürsorglich auf die des alten Mannes. "Ich kann ja noch selbst zum Doktor", sagt Ehefrau Maria. Wenn ihr Mann den Arzt braucht, ruft sie an. Und dann kommt er, der Doktor. Natürlich. - lnw

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare