Kostenlose offene Bücherschränke machen Lust aufs Lesen

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NRW - Die Lust am Lesen kann man teilen. Immer mehr offene Bücherschränke in Innenstädten laden zur Lektüre ein. Die Bücher kann man umsonst ausleihen und sogar behalten, wenn es gefällt.

Bücherregale gehören zumeist zur Einrichtung eines Wohnzimmers oder Büros. Doch Bücherschränke stehen inzwischen auch mitten auf belebten Großstadt-Plätzen. Kostenlos dürfen sich Passanten dort bedienen. In Nordrhein-Westfalen laden offene Bücherschränke unter anderem in Essen, Düsseldorf, Gelsenkirchen, Witten und Recklinghausen zum Lesen ein.

Das System ist einfach: Jemand stellt seine älteren oder bereits gelesenen Bücher in die Schränke, andere nehmen sie sich heraus. "Ach, guck mal, da ist ja was von Kafka", sagt Johannes aus Essen zu seiner Frau Monika. Die beiden legen bei ihrer Einkaufstour durch die Innenstadt wie immer einen Zwischenstopp am Bücherschrank vor dem Grillo-Theater ein.

Im offenen Essener Bücherschrank steht Kafkas "Schloss" zwischen dem Schmachtfetzen "Liebe in Sankt Petersburg" von Heinz Günther Konsalik und einer abgegriffenen Ausgabe des Südstaaten-Romans "Onkel Toms Hütte". Das Regal bietet für jeden Geschmack etwas. Johannes und Monika packen das "Schloss" in ihre Tasche. "Ich finde die Idee wirklich gut. Irgendwas finden wir immer." Die 82 Jahre alte Seniorin Irene entscheidet sich derweil auf der anderen Schrankseite für den russischen Roman "Doktor Schiwago" von Boris Pasternak.

Warum offene Bücherschränke genutzt werden, das hat Michael-Burkhard Piorkowsky, Professor für Haushalts- und Konsumökonomie am Institut für Ressourcenökonomik an der Universität Bonn, untersucht. Zusammen mit Studierenden fand er heraus: die Nutzer von Bücherschränken kommen aus allen Schichten. Frauen geben eher, Männer nehmen lieber. Und es ist auch eine Frage des Geldes: "Für Menschen mit niedrigem Einkommen stellt der Bücherschrank tendenziell sehr wohl eine Alternative zur Bücherei dar", heißt es in der Studie. Der Schrank sei zudem eine Begegnungsstätte, weil Menschen über Bücher ins Gespräch kämen.

Gebrauchte Bücher - und das umsonst? Antiquare sehen das neue Ausleihmodell gelassen. "Da steht keine Konkurrenz für uns. Vielmehr findet man da die Bücher, die wir nicht annehmen würden", sagt Kai-Uwe Ahrens, Inhaber eines Literaturantiquariats in Düsseldorf. "Aber es gibt dieses deutsche Verständnis, dass man Bücher nicht so einfach weg wirft."

Teilen ist das neue Shoppen: Das gilt nicht nur für Bücher, sondern auch für allerlei andere gebrauchte Dinge. In immer mehr NRW-Städten begeistern sich Menschen zum Beispiel für die "Givebox", das sind kleine Holzbuden, in denen Anwohner Gebrauchtes für die Nachbarschaft zur Verfügung stellen. Damit wollen die Initiatoren Ressourcen schonen. Ein vergleichbares Prinzip verfolgen auch Umsonstläden in Köln, Münster oder Bochum. - Andreas Sträter

Quelle: wa.de

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