Babymord-Prozess fortgesetzt

Kindheit geprägt von Alkoholsucht der Mutter

SOEST/ARNSBERG – Was denkt eine Mutter, die ihr Kind allein lässt und tagelang feiert? Auch am fünften Verhandlungstag im Mordprozess um den Tod der kleinen Fee vor einem halben Jahr schwebte diese Frage im Saal der Schwurgerichtskammer des Arnsberger Landgerichts.

 „Wir wollen nicht unbedingt Belastendes finden, wir wollen vor allem Erklärendes finden“, machte Richter Willi Erdmann auch die Nöte des Gerichts deutlich, als er die Schwester der 22 Jahre alten Angeklagten befragte.

Auch für Erdmann, der kurz vor seiner Pensionierung steht, ist das der Tod des Säuglings alles andere als ein Mordfall von der Stange. „Das sehen sie auch daran, dass wir hier hinter dem Richtertisch Papiertaschentücher bereit liegen haben.“ Die reichte er sowohl der Zeugin als auch der Angeklagten.

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Der Blick in die Familien-Geschichte der 22-Jährigen ließ auch das Publikum erschaudern. „Unsere Mutter hat während der Schwangerschaften getrunken. Alkohol in rauen Mengen“, sagte die zwei Jahre ältere Schwester, die eigens aus Oldenburg zur Vernehmung angereist war. Nach der Trennung vom Vater hatten die Mädchen bei der alkoholkranken Frau gelebt. „Sie lag nur auf dem Sofa. Wir haben uns Geld aus der Börse genommen, etwas zu Essen gekauft und uns dann von den Nachbarn kochen lassen.“

Dann kamen die Schwestern zum Vater und damit vom Regen in die Traufe. Denn dessen Lebensgefährtin kümmerte sich um ihre eigenen fünf Kinder und akzeptierte die beiden nicht. „Wir hatten Dauerstuben-Arrest, fast zwei Jahre lang“, berichtete die 24-Jährige. Sie sei noch besser weggekommen, als ihre kleine Schwester.

Erst als die 22-Jährige zu einer Pflegefamilie und mit dieser später nach Welver kam, änderte sich das. Dass die Angeklagte durch die Alkoholsucht ihrer Mutter schon im Mutterleib eine bisher nicht diagnostizierte Schädigung erlitt, scheint zumindest möglich. Deshalb wollte der Gutachter es vom Vater der Angeklagten ganz genau wissen: „Hat ihre Frau während der Schwangerschaft getrunken? Und wie viel?“ Was der 53-Jährige erzählte, sorgte erneut für verständnisloses Kopfschütteln im Zuhörerraum: „Sie hat jeden Tag getrunken. Zwischen einer und drei Flaschen Weinbrand. Und das während der ganzen Schwangerschaft.“

Ist das ein möglicher Erklärungsansatz? Das wird das Gutachten zeigen, das das Gericht noch hören wird. Während diese Fakten möglicherweise für die Angeklagte sprechen, sorgte eine Nachbarin aus dem Mehrfamilienhaus am Soester Stadtrand für andere Gedanken: „Aus der Wohnung hat es immer gestunken. Man hat auch am Müll nicht gemerkt, dass ein Baby im Haus ist“, sagte die 28-Jährige, die direkt über der Angeklagten lebte.

Auch ihre Wäsche habe die Frau nur sehr selten gewaschen. Und mehrfach habe sie den Eindruck gehabt, dass das Kind allein ist. Das widerspricht den Aussagen der Betreuerinnen, die noch bis kurz vor dem Verschwinden der jungen Frau Ende Oktober 2013 eine „normale“ Wohnung gesehen haben wollen. Und die Zeugin bekam noch mehr mit: „Ich habe mit den Männern gesprochen, die die Wohnung geräumt haben. Die haben allein elf Müllsäcke mit gebrauchten Windeln entsorgt.“

Ist die 22-Jährige eine eiskalte Mörderin oder eine überforderte junge Mutter? Wohin das Pendel des Gerichts ausschlägt, ist noch unklar. Doch immer wieder wurde bei den Zeugenvernehmungen klar, dass es reichlich Hilfsangebote für die Angeklagte gab. Auch ihre Pflegemutter betonte das: „Wir haben ihr gesagt, dass wir immer für sie da sind. Und sie kannte uns und wusste, dass wir das ernst meinen.“ Auch sie kann sich keinen Reim auf den Tod der kleinen Fee machen. Allerdings habe sie befürchtet, dass es Probleme geben könnte, wenn die 22-Jährige ohne einen Rahmen leben würde. „Ich hätte es besser gefunden, wenn sie in einer Mutter-Kind-Einrichtung untergekommen wäre.“

Auch die Schwester der 22-Jährigen hatte Hilfe angeboten: „Sie hätte jederzeit zu uns kommen können und hat das auch überlegt.“ Letztlich habe ihre Schwester vielleicht nicht zugeben können, dass sie überlastet ist. Am 1. Juli wird der Prozess fortgesetzt. Dann wird das Gericht den Sachverständigen befragen, um vielleicht doch noch Erklärendes zu erfahren. Außerdem soll der junge Mann vernommen werden, mit dem die Angeklagte in Münster eine mehrtägige Drogen-Party feierte, während ihre Tochter allein zu Hause war. Der Zeuge war am gestern nicht erschienen, weil ihm sechs Euro für das Zugticket fehlten. Daraufhin hat das Gericht 300 Euro Ordnungsgeld verhängt und seine Vorführung zum nächsten Termin angeordnet. „Er soll so zeitig abgeholt werden, dass der reibungslose Verhandlungsablauf gewährleistet ist“, sagte Erdmann. Heißt auf gut deutsch: „Freifahrt in der grünen Minna mit Übernachtung in einer Zelle.“ - jot

Quelle: wa.de

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