Mensch und Tier als Team

Rettungshundestaffeln: So arbeiten die Lebensretter auf vier Pfoten

Training im Wald

Nachrodt-Wiblingwerde - Sie finden Menschen, die sich verirrt haben, Suizidgefährdete und Verletzte: Rettungshunde. Julia Schwalm hat uns von ihrer Arbeit in der Hundestaffel erzählt. Und erklärt, was der Unterschied zwischen einem "Verbeller" und einem "Frei-Verweiser" ist.

Zwei Mal in der Woche trainiert die Frau aus dem sauerländischen Nachrodt-Wiblingwerde gemeinsam mit ihren zwei- und vierbeinigen Mitstreitern, um im Notfall zur Stelle zu sein, um demenzkranke Menschen, die weggelaufen sind und nicht mehr zurückfinden, Suizidgefährdete, Kinder oder Wanderer, die sich verlaufen haben, oder auch Verletzte finden zu können. Ein Ehrenamt der besonderen Art.

Ein Mensch und ein Hund bilden ein Team. 16 Männer und Frauen und 18 Hunde gehören zur Rettungshundestaffel des Märkischen Kreises, die 2012 gegründet wurde und Mitglied im Bundesverband zertifizierter Rettungshundestaffeln ist. Das Talent der Hunde findet Julia Schwalm immer noch faszinierend, kaum erklärbar.

Der Hund ist der Technik oft überlegen

Die Hunde sind verschieden. Caylie ist ein Verbeller. Oder besser: eine Verbellerin. Die Labrador-Hündin bleibt bei dem Menschen stehen, den sie gefunden hat, bellt und signalisiert „Hier sind wir“. Der Boxer-Mischling Mailo ist dagegen ein so genannter Frei-Verweiser. Er sucht die Person und kehrt bei einem Fund zu seinem Hundeführer zurück. „Er stupst mich an und führt mich dann hin“, erzählt Schwalm. Der Flächensuchhund kann menschliche Gerüche auf mehrere hundert Meter mit seiner Nase aufnehmen - auch bei Dunkelheit, durch jedes Gestrüpp, bei schlechtestem Wetter. Damit ist er allen technischen Errungenschaften oft sehr weit überlegen.

Julia Schwalm ist nicht nur zweite Vorsitzende der Rettungshundestaffel MK: Sie ist auch Laiendarstellerin und ist am Mittwoch um 16 Uhr auf SAT.1 bei „Klinik am Südring“ zu sehen.

Der zweibeinige Teampartner ist aber kein tatenloser Hinterher-Läufer. Der Hundeführer ist geschult in Erster Hilfe, Funken, Karte- und Kompasskunde, Erste Hilfe am Hund und Kynologie, also dem Verhalten des Hundes. Und der Hund? Erlernt neben Gehorsamkeit, Unterordnung (ähnlich der Begleithundeprüfung) auch die Sucharbeit in der Fläche und das Anzeigen seines Fundes.

Nach erfolgreicher Ausbildung legt das Team Hundeführer und Hund die Rettungshundeprüfung ab, die alle zwei Jahre wiederholt werden muss. „Ähnlich wie eine TÜV-Plakette“, sagt Julia Schwalm. Für die 40-Jährige ist es das schönste Hobby der Welt, nur manchmal, „wenn ich im Regen im Wald liege und es ist kalt und nass, dann frage ich mich, warum ich das mache“, schmunzelt die Frau, die im „wirklichen Leben“ als Konstrukteurin arbeitet. Die Rettungshundestaffel ist für sie und die anderen Mitglieder, die „perfekte Kombination, um sich selbst und die Hunde auszulasten.“

Jeder Hund kann Rettungshund werden. Da ist sich Julia Schwalm sicher. Es gibt keine Rassen, die besonders geeignet sind, oder andere, die ausgeschlossen werden müssen. „Sie dürfen nur keine Angst vor Menschen haben.“

Vier Mal in diesem Jahr angefordert

Als sie Mailo aus „ganz schlechter Haltung“ bekam, „verstand er nichts, kein Sitz, kein Platz.“ Heute liebt der zwölfjährige Boxer-Mischling die Rettungs-Arbeit, ist mehrfach geprüft und ist nach der Arbeit anschießend „platt wie 1000 Mann“, während die zweijährige Labrador-Dame Caylie dann immer noch Lust aufs Toben mit dem Ball hat. Vom Junghund bis hin zum gehobenen Alter ist bei der Rettungshundestaffel alles dabei - auch Mops, Border Collie oder Deutscher Schäferhund – auch einige Mischlinge. „Die Hauptsache ist, dass die Hunde Freude an der Arbeit mit Menschen haben. Und je motivierter der Hund, umso motivierter sind auch die Hundeführer.“

Dass das Training das Wichtige, der Einsatz dann die Krönung ist, versteht sich von selbst. Vier Mal wurde die Rettungshundestaffel MK in diesem Jahr angefordert. Bei einem Vorfall in Kierspe hatte ein Autofahrer einen Verletzten mit einer Kopfwunde im Kiersper Ortsteil Thal gesehen und Polizei und Feuerwehr verständigt. Der Mann, so die Vermutung, war in den angrenzenden Wald gelaufen. „Wir waren mit vier Teams drei Stunden vor Ort. Es wurde aber niemand gefunden.“

Die Rettungshundestaffel Märkischer Kreis, mit der 1. Vorsitzenden und Ausbilderin Janina Göx (von links), Kassenwartin Renate Schwalm und der 2. Vorsitzenden und Gruppenleiterin Julia Schwalm, ist seit 2012 aktiv.

Woher der Hund weiß, was er suchen soll, ist und bleibt irgendwie ein Geheimnis. „Ich mache das seit zwölf Jahren und habe es immer noch nicht durchschaut. Hunde sind einfach Phänomene“ , sagt Julia Schwalm. Die Flächensucher lernen, einen Menschen zu finden. Irgendeinen, nicht einen speziellen, wie beim Mantrailer, der immer eine ganz bestimmte Person sucht und den Suchauftrag anhand eines Gegenstandes oder Kleidungsstückes bekommt, an dem der Geruch der vermissten Person haftet. Die Hunde lernen beim Flächensuchen, „da ist meine Party, da ist mein Leckchen und es lohnt sich, den Menschen zu finden.“ Positives Belohnungssystem. Die Ausbildung dauert etwa zwei Jahre.

Leichen riechen anders als Lebende

Tote oder schwer verletzte Menschen haben die Mitglieder der Rettungshundestaffel MK in ihrer Laufbahn noch nicht gefunden oder finden müssen. „Einer befreundeten Staffel ist das jetzt erst passiert. Und das steckt man nicht mal eben weg“, sagt Julia Schwalm. Die erste Vorsitzende der MK-Staffel, Janina Göx, hat ein Notfall-Nachsorge-Seminar besucht und ihre Kenntnisse weitergeben. „Im Winter machen wir viel Theorie und bauen das Thema dann auch ein“, erzählt Julia Schwalm. „Für die Angehörigen ist es wichtig zu wissen, was passiert ist.“

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Die Hunde können übrigens eigentlich keine Leichen finden. „Der Hund lernt, den Menschengeruch zu suchen. Und der entsteht dadurch, dass wir sekündlich Bakterien absetzen. Eine Leiche riecht schon nach 20 Minuten nicht mehr nach Mensch. Aber die meisten Hunde haben auch das Bild „Mensch“ vor Augen. Da sitzt einer, da liegt einer. Und zeigen das dann an.“

Kenndecke mit Licht und Glocke

Ein Einsatz, der Julia Schwalm lange beschäftigt hat, war in Werl. Ein Mädchen hatte sich mit ihrem Exfreund getroffen und war nicht mehr nach Hause gekommen. Das Auto wurde auf einem Parkplatz gefunden. Es wurden Mantrailer und Flächensucher eingesetzt. Julia Schwalm suchte mit ihrem Hund nah an einer Autobahn. „Der Freund hat das Mädchen umgebracht. Das war die ganze Zeit mein Gefühl. Das war emotional sehr aufregend“, erinnert sie sich. Das Mädchen wurde zwei Jahre später tot gefunden. Von Pilzsuchern in Essen.

Das Team Basti und Akira startet bei einer Übungssituation ihre Suche.

Der Hund im Rettungseinsatz ist übrigens ausgerüstet: mit einer Kenndecke. Daran ist ein Licht und eine Glocke. „Damit man ihn hört, denn oft sieht man ihn nicht“, sagt Julia Schwalm.

Trainiert wird in Herlsen, in Schalksmühle und auch in Halver. „Man muss die Zustimmung vom Eigentümer und Jagdpächter haben. Man kann natürlich nicht einfach in einem Wald trainieren.“ Umso mehr würde sich die Rettungshundestaffel MK freuen, wenn sie noch ein paar neue Gebiete bekommen könnte, denn: "Eine vermisste, hilfebedürftige Person legt sich nicht auf dem Hundeplatz bereit." Kontakt per Mail an Julia Schwalm (julia@rettungshunde-mk.info).

Die Sorge, dass die Hunde das Wild jagen könnten, sei absolut unbegründet, weil die Vierbeiner ihrer Arbeit, ihrer Freude auf das Belohnungssystem nachgehen. „Wenn sie die Kenndecke sehen, sind sie schon so freudig aufgeregt, dass es nun endlich losgeht.“

Quelle: wa.de

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