Jochen Malmsheimer über Ruhr.2010 und die „Anstalt“

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Jochen Malmsheimer vor seinem Auftritt in der Lindenbrauerei in Unna. ▪

„Flieg‘ Fisch, lies und gesunde!“ ist ein Programmtitel des Kabarettisten Jochen Malmsheimer, wie er ihn liebt. Ein absurder Ausruf, eine schrille Hoffnung trotz aller Widrigkeit. Und hintersinnig angefügt: „Oder: Glück, wo ist dein Stachel!?!“ Malmsheimer, der regelmäßig in der ZDF-Kabarettsendung „Neues aus der Anstalt“ auftritt, sprach mit Achim Lettmann vor einem Auftritt in der Lindenbrauerei Unna.

Herr Malmsheimer, Sie treten regelmäßig im Ruhrgebiet auf. Hat sich in der Kulturhauptstadt etwas verändert?

Malmsheimer: Nein, ich halte das ganze Gehampel um die Kulturhauptstadt für einen Marketing-Gag. Es gab schon immer Kultur in dieser Gegend und die wird es auch immer geben. Ob uns nun Menschen aus der weiten Welt besuchen, oder nicht, spielt keine große Rolle. Es gab Aktionen, die ich sehr schön fand. Vor allem die Schachtzeichen. Das waren die gelben Ballons über den alten zugeschütteten Bergbauschächten. Ich wohne in der Nähe einer solchen Schachtanlage, was ich gar nicht wusste.

Sie treten in der Reihe RuhrHochDeutsch vor dem Dortmunder U auf. Ist das Ihr einziger Berührungspunkt mit Ruhr.2010?

Malmsheimer: Nein, ich habe mich mehrfach gegen diese Veranstaltung (Ruhr.2010, Anmerk. d. Redaktion) ausgesprochen. Ich nehme nach wie vor am kulturellen Leben in dieser Region teil, weil ich mich selbst auch als Teil desselben begreife.

Wird das Ruhrgebiet eigentlich im Zuge des Hauptstadtjahres verklärt?

Malmsheimer: Was bei mir immer wieder Schüttelfrost und Erbrechen auslöst, ist die Folklorisierung dieses Landstrichs. Es fängt an bei Mundartprojekten, die keine Mundart sind. Hinzu kommen Szenen, die in Küchen mit Amöbentapetenmuster spielen, die ganzen Nummer mit Taubenvaters Jupp, das geht mir unglaublich auf die Sacknaht. Vor zwanzig Jahren ist hier eine Art Strukturwandel erzwungen worden. Und sie kriegen das hin. Von der Industriegesellschaft weg, hin zur Dienstleistung; mit den 30 000 Arbeitslosen, die das mit sich bringt, und die verlieren trotzdem den Kopf nicht. Es gibt keine sozialen Unruhen hier, obwohl Anlass genug bestände. Das heißt, was die Menschen hier auszeichnet, ist ihre Leidens- und Duldensfähigkeit. Das ringt mir größte Bewunderung ab.

Ihr episches Kabarett lebt von Ereignissen aus dem Ruhrgebiet, vom Ruhri-Dialekt. Wie bewusst setzten Sie das ein?

Malmsheimer: Gar nicht. Es gibt hier keine Mundart, sondern Soziolekte. Ich spreche natürlich, wie ich spreche. Wenn, dann spreche ich Hochdeutsch mit einem leichten Slang. Mundart spielt in meinem Programm überhaupt keine Rolle. Die schleicht sich da natürlich ein. Ich lebe ja hier.

Sorgen Sie mit Ihrem literarischen Programm auch dafür, dass der Trend zu mehr Wissensinhalten in der Unterhaltung zunimmt?

Malmsheimer: Wenn das so ist, sollte es mich freuen. Aber ich will da nichts abverlangen. Ich tue das, was mir Freude macht. Und ich bemühe mich darum, anderen diese Freude mitzuteilen. Ich empfinde einen starken Unterhaltungsauftrag, aber keinen Lehrauftrag.

Sie treiben Ihre Zuhörer gern in absurde Szenarien, wenn Sie Radiosendungen über Hebe-Kipp-Fenster imitieren. Haben Sie eine Chaos-Theorie?

Malmsheimer: Nein (lacht), aber ich habe jede Menge Praxis. Ich habe die feste Überzeugung, dass wir alle nur Gäste sind in einer Welt der Dinge. Und dass wir sehen müssen, wie wir mit ihnen zurecht kommen, sonst schmeißen sie uns raus.

Sprachtechnisch sind Sie Stimmhöhle, Lautsprecher, Organ, Mundwerk, Flüstertüte, Plaudertäschchen. Sie haben alles drauf. Seit wann ist Ihnen diese Gabe bewusst?

Malmsheimer: Seit Tresenlesen. Wir hatten ja den Anspruch, Texte vorzutragen und zwar mit Talent. Also so, wie es der Text verlangt. Und weil in den meisten Texten schon drin steht, wie sie gelesen werden wollen. Und dann trifft sich das mit meinem Spaß an der Spielerei.

Wie haben sich Ihre Auftritte mit Urban Priol und Georg Schramm in der ZDF-Sendung „Neues aus der Anstalt“ ausgewirkt?

Malmsheimer: Mit den beiden herausragenden kabarettistischen Köpfen in diesem Land zusammenarbeiten zu dürfen, ist ein großer, großer, großer, großer Spaß für mich. Und ich habe unglaublich viel gelernt. Dinge, die ich auch vermeiden werde, habe ich auch gelernt. Großartig! Und es hat den schönen Nebeneffekt, dass durch die mediale Präsenz die Verbindung von Name und Gesicht bei immer mehr Leuten hergestellt wird. Sie lesen meinen Namen, kommen in meine Veranstaltung und sind bass erstaunt, was sie da erleben, weil das nur peripher etwas mit dem zu tun hat, was ich in der „Anstalt“ mache. Aber sie kommen. Und das ist eine große Freude für mich, da ich Familie habe und davon lebe.

Deutschland steckt in der Krise. Ist das Publikum derzeit für Gesellschaftskritik besonders empfänglich?

Malmsheimer: Die „Anstalt“ hat durch ihre Sujets den Kunstgriff getan, dass man in einer politischen Kabarettsendung auch Unsinn zulassen kann. Auch Albernheit und Blödsinn. Was ich sehr wichtig finde, denn Albernheit und Blödsinn haben eine gewisse staatstragende Funktion. Es ist nicht so wichtig wie das politische Kabarett, aber es hilft bei der geistigen Verdauung. Dass sich die politische Klasse blamiert, ist ja so neu nicht. Die Massiertheit, in der das funktioniert, ist neu. Da muss man gelassen beistehen. Die meisten erledigen sich ja selbst, das ist ja das Schöne. Oder gehen vorzeitig. Ich glaube nicht, dass unser Staatsgefüge wackelt. Man wird jetzt gezwungen, einige Entscheidungen zu treffen. Mit der Pistole auf der Brust entscheidet es sich leichter. Als Privatmann nehme ich da intensiv Anteil, aber als Bühnenmensch nur peripher.

Biografie und Termine

Jochen Malmsheimer ist 1961 in Essen geboren. Er studierte Germanistik, machte eine Buchhändlerlehre und startete 1992 die Reihe „Tresenlesen“ mit Frank Goosen. Ab 2000 tritt er solo auf. 2009 erhielt er den Deutschen Kleinkunstpreis und den Deutschen Kabarett-Preis. Bundesweit bekannt machte ihn die ZDF-Sendung „Neues aus der Anstalt“.

Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und wohnt in Bochum.

Die nächsten Auftritte:

4. Juli, Essen, Musikpavillon im Grugapark, 19.30 Uhr

21. August, Bochum, Zeltfestival Ruhr, 19 Uhr

28. August,Dortmund, Spiegelzelt Dortmunder U, RuhrHochDeutschfestival 20 Uhr

Quelle: wa.de

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