Haftprüfung beantragt / Schlafentzug?

Fall Middelhoff: Interview mit Tatort-Schauspieler Bausch

+
„Tatort“-Gerichtsmediziner Joe Bausch an seinem Hauptarbeitsplatz in der Justizvollzugsanstalt Werl.

WERL/ESSEN - Als Rechtsmediziner Dr. Joseph Roth untersucht er im Kölner „Tatort“ die Leichen. Im richtigen Leben arbeitet Joe Bausch als Gefängnisarzt in Werl, einer der größten deutschen Justizvollzugsanstalten. WA-Redakteur Holger Drechsel befragte ihn zur aktuellen Debatte um den Fall Middelhoff.

Sie sind seit 26 Jahren Gefängnisarzt in Werl. Ist Ihnen in dieser Zeit schon einmal ein Fall bekanntgeworden, dass jemand erkrankte, weil er in Untersuchungshaft vorm Suizid bewahrt werden sollte?

Joe Bausch: Mir ist kein Fall erinnerlich, wo es einen Zusammenhang gegeben hätte zwischen den Sicherungsmaßnahmen wegen Suizidgefährdung und einer Erkrankung, die nicht genauso gut auch hätte anders erklärt werden können. Natürlich hat jeder Mensch, der gerade in Haft kommt und haftunerfahren ist, Stress. Weil er Angst vor der Verurteilung hat, Angst vorm Verfahren, aus dem normalen Leben herausgerissen wird – das ist belastend, keine Frage.

Middelhoffs Anwälte beklagen nun, dass ihr Mandant vier Wochen lang praktisch nicht schlafen konnte, weil er immer wieder im 15-Minuten-Rhythmus kontrolliert worden sei. Ist das ein realistisches Szenario? 

Bausch: Sobald der Gefangene im Haftraum und alleine ist, gilt die Sicherungsmaßnahme einer manchmal auch viertelstündigen Beobachtung, wenn andere Maßnahmen nicht ausreichend erscheinen – etwa die gemeinsame Unterbringung mit einem geeigneten Gefangenen. Dies wird dann solange aufrecht erhalten, bis Psychologe und Arzt gemeinsam zu dem Schluss kommen, dass eine Suizidgefahr nicht mehr vorliegt. Und das dauert auch nicht ewig, sondern in der Regel drei bis vier Wochen.

Wie funktionieren diese Kontrollen denn konkret? Liegt der Gefangene in seiner Zelle und alle Viertelstunde kommt jemand herein und macht das Licht an und aus?

Bausch: Die Beobachtungen erfolgen entweder über den Spion in der Tür, man lässt dann das Licht leicht gedämmt. Es nützt ja nichts, in eine dunkle Zelle hineinzuschauen. Oder man geht in die Zelle und schaut nach. Aber niemand reißt da die Tür auf und rüttelt den Gefangenen wach. Man schaut nach der Atmung, und dann ist das gut so. Wenn der Gefangene dann zum Arzt geht und sagt, er würde jedesmal durch die Beobachtungen wach, dann kann er auch Ohropax haben oder, so mache ich das jedenfalls, auch ein leichtes Schlafmittel bekommen. Das Prinzip besteht ja nicht darin, den Gefangenen zu wecken, sondern sich davon zu überzeugen, dass er keinen Suizid beging. Und wenn man den Eindruck gewinnt, dass alles in Ordnung ist, dann wird man auch nicht stören. Die Justizvollzugsbeamten sind da sehr erfahren und sensibel. Natürlich sollte bei niemandem der Schlaf über längere Zeiten dauernd unterbrochen werden. Deshalb werden diese Maßnahmen ja auch immer wieder überprüft in Absprache mit den Psychologen, den Ärzten und dem Patienten. Man erklärt natürlich auch dem Patienten, dass so eine Maßnahme keine Bestrafung, sondern zu seinem Besten ist.

Wie beurteilen Sie Vorwürfe aus dem politischen Raum, in der JVA Essen seien bei den Middelhoff-Kontrollen Menschenrechte verletzt worden?

Thomas Middelhoff.

Bausch: Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass wir in den ersten drei, vier Wochen der Untersuchungshaft die meisten Suizidhandlungen im Gefängnis haben. Im Jahr sind das etwas mehr als 100 Menschen, die sich im Gefängnis selbst töten. Wir haben nun die Garantenpflicht, das heißt: Die Inhaftierten sind nicht freiwillig hier, und wir müssen schauen, dass sie in dieser Zeit nicht zu Schaden kommen. In diesem Auftrag versuchen wir, Tausende von Menschen, die im Jahr in unserem Land in Haft gehen, in schwierigen Situationen von Suizidhandlungen abzuhalten, und das tun wir mit einigem Erfolg. Nie durch stumpfes Beobachten, sondern immer im Gespräch mit dem Gefangenen. Ich halte diese Kontrollen für ein probates Mittel, ein besseres kenne ich nicht.

Und was ist mit den Alternativen? 

Bausch: Natürlich haben wir seit geraumer Zeit auch die Möglichkeit, diese Menschen mit einer Kamera zu überwachen, mit der wir in unregelmäßigen Abständen in die Zelle schauen können. Das birgt aber natürlich die Gefahr, dass man erst am nächsten Tag entdeckt, dass ein Häftling, der scheinbar friedlich schlafend da lag, sich unter seiner Decke tödliche Wunden zugefügt hatte. Dann sind alle entsetzt und fragen, wie das geschehen konnte. Auch die Unterbringung mit anderen Gefangenen ist ein zweischneidiges Schwert, weil man überlegen muss: Will man einem Inhaftierten, also Kriminellen, die Verantwortung für seinen Mithäftling auf der Zelle übereignen? Es gilt, wie so oft: Die Wahrheit ist grau und liegt in der Mitte.

Lesen Sie zu diesem Thema auch:

- Wegen Autoimmunkrankheit: Middelhoff beantragt erneut Haftprüfung

- Bericht: Middelhoff wurde wochenlang der Schlaf entzogen

- Middelhoff stellt Antrag auf Privatinsolvenz

Der Fall Middelhoff:

Die Anwälte des früheren Top-Managers Thomas Middelhoff haben beim Landgericht Essen Haftprüfung beantragt. Aus Sicht der Verteidigung bestehe bei Middelhoff Haftunfähigkeit, teilten die Anwälte am Mittwoch in einer gemeinsamen Erklärung mit. Er befinde sich erneut im Universitätsklinikum Essen; die Ärzte gingen von einer seltenen Autoimmunkrankheit aus. Die bereits vor Monaten festgestellte Erkrankung habe sich unter den Bedingungen der Haft verschlechtert.

Am Wochenende waren Vorwürfe der Anwälte gegen die Haftbedingungen bekannt geworden. Die Verteidigung erklärte dazu nun: "Der über Wochen praktizierte und unter keinem denkbaren Gesichtspunkt gerechtfertigte Schlafentzug in der JVA Essen und die sodann eingetretene gravierende und nur unzulänglich behandelte Autoimmunerkrankung liegen in der Verantwortung der Justiz."

Das Essener Landgericht hatte den einstigen Spitzenmanager Middelhoff im November 2014 wegen Untreue und Steuerhinterziehung zu drei Jahren Haft verurteilt und noch im Verhandlungssaal einen Haftbefehl gegen ihn verkündet. Seitdem sitzt er in Untersuchungshaft, mehrere Beschwerden gegen die Haft blieben wegen Fluchtgefahr erfolglos.

Der frühere Arcandor-Chef legte gegen das Landgerichtsurteil Revision ein, über die der Bundesgerichtshof noch nicht entschieden hat. Vor wenigen Tagen stellte Middelhoff außerdem Antrag auf Privatinsolvenz.

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare