Immer mehr Eltern in NRW verlieren das Sorgerecht

Immer mehr Kinder, die von ihren Eltern im Regen stehen gelassen werden, suchen eine Pflegefamilie. dpa

MÜNSTER/BRÜHL ▪ Immer häufiger wird Eltern in Nordrhein-Westfalen das Sorgerecht für ihre Kinder entzogen. Das geht aus Zahlen des Statistischen Landesamtes hervor. In 3900 Fällen entzogen Familiengerichte in NRW im vergangenen Jahr das Sorgerecht – eine Steigerung von elf Prozent gegenüber dem Vorjahr. Ein kontinuierlicher Anstieg wird aber schon seit Jahren beobachtet. Zum Vergleich: Im Jahr 2002 kam es in 2200 Fällen zum Sorgerechtsentzug.

Die Gründe für die markante Steigerung der Fallzahlen liegen nach Einschätzung von Isabell Götz, Sprecherin des Deutschen Familiengerichtstages, nicht zuletzt in einer gestiegenen Sensibilität von Ämtern und Bevölkerung nach zahlreichen aufsehenerregenden Fällen von Kindesmisshandlung in den zurückliegenden Jahren. Das Schicksal der Kinder „Kevin“, „Jessica“, „Dennis“ und anderer wirke nach.

Auch der Gesetzgeber blieb nicht untätig: Götz hebt hervor, dass sich zwei Änderungen der Rechtslage seit 2008 positiv auswirken. Wenn sich heute Eltern Familienhilfen von Jugendämtern verweigern, könne das Familiengericht mittlerweile zu einem „Termin zur Erörterung der Kindeswohlgefährdung“ laden – eine Art Warnschuss.

Und wenn heute ein Familiengericht zunächst keine Maßnahmen anordne, so könne es nach neuer Rechtslage nach einiger Zeit von sich aus noch einmal prüfen, ob die auffällig gewordenen Eltern nunmehr das Kindeswohl achten. Das sei, so Götz, deshalb wichtig, weil manche Eltern aus Verhandlungen, die ohne Anordnung von Maßnahmen endeten, zuvor teilweise „wie Sieger abgezogen“ seien – um dann anschließend jede Zusammenarbeit mit Jugendämtern zu verweigern.

Besorgnis erzeugt dagegen ein anderer Trend: Der gestiegenen Zahl von Pflegekindern stehen – zumindest in Westfalen – immer weniger Pflegefamilien gegenüber. Nicht mehr 129 wie in 2009, sondern nur noch 70 Bewerber für die Aufnahme eines Pflegekindes melden die acht Adoptions- und Pflegekinderdienste der Caritas und ihres Fachverbandes Sozialdienst katholischer Frauen in 2010. Die Ursachen dafür sieht Anne Ruhe vom Diözesancaritasverband Münster in „veränderten Lebenswelten von Familien“. So würden immer häufiger beide Elternteile einer Erwerbsarbeit nachgehen. Pflegekinder bedürften aber einer erhöhten Aufmerksamkeit und damit mindestens eines „Vollzeiterziehers“. ▪ LK

Quelle: wa.de

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