Aufgaben werde komplexer

Immer mehr Arbeit für die Bahnhofsmission

+
Das Aufgabenfeld bei der Bahnhofsmission wird immer komplexer.

Bielefeld - 21 Bahnhofsmissionen gibt es in NRW. Sie helfen Reisenden beim Umsteigen und vermitteln Hilfesuchende an Behörden und Einrichtungen. Jedes Jahr kommen mehr - und die Aufgaben für die Mitarbeiter werden immer komplexer.

50 000 Menschen strömen Tag für Tag durch den Bielefelder Hauptbahnhof. Manche kommen an, fahren ab, steigen um. Doch einige von ihnen haben kein Ziel. Für sie ist der Hauptbahnhof so etwas wie ihr zu Hause. Sie sind gestrandet, oft obdachlos. Die meisten von ihnen kennt Marcel Bohnenkamp (43) persönlich. Als Leiter der Bielefelder Bahnhofsmission kümmern er und sein Team sich an sechs Tagen in der Woche um deren Belange.

Ein junger Mann in abgetragener Kleidung betritt die Bahnhofsmission. Bohnenkamp winkt fröhlich: "Hey, lange nicht gesehen. Bist du noch obdachlos?" - "Ja, komme grad bei 'nem Kumpel unter. In Berlin wäre ich sicher wieder den Drogen verfallen" - "Schön, dass du wieder da bist", sagt Bohnenkamp. Der Umgangston ist herzlich und direkt. Hier wird nicht um den heißen Brei geredet. Eine Mitarbeiterin drückt dem Mann belegte Brote und eine heiße Tasse Tee in die Hand. Dann geht er wieder raus.

Knapp 40 ehrenamtliche Mitarbeiter arbeiten bei der Bielefelder Bahnhofsmission. Sie alle helfen auch Reisenden oder kümmern sich um Kinder, die zum ersten Mal alleine unterwegs sind. Bei jeder Bahnhofsmission in NRW suchen laut Diakonieverband Rheinland-Westfalen-Lippe pro Jahr im Schnitt bis zu 30 000 Menschen Hilfe - Tendenz steigend. Auch in Bielefeld habe sich in den vergangenen drei Jahren die Arbeit mehr als verdoppelt, sagt Bohnenkamp.

Einen großen Teil ihrer Arbeitszeit widmen die ehrenamtlichen Helfer denjenigen, die jeden Tag zu ihnen kommen: Obdachlose, Prostituierte, Drogen- und Alkoholabhängige. Sie beschaffen ihnen Schlafplätze in Notunterkünften, helfen beim Ausfüllen von Anträgen, suchen Ärzte oder hören einfach nur zu. Ein besonderer Schwerpunkt in Bielefeld liegt bei der Betreuung von Zwangsprostituierten. Angesichts dieser Schicksale verwundert es nicht, dass neue ehrenamtliche Mitarbeiter überall drei Monate Probezeit absolvieren müssen.

Die Anforderungen wachsen. An die Bahnhofsmissionen in NRW wenden sich immer öfter Kriegsflüchtlinge, etwa aus Syrien. Dann kümmern sich die Helfer erstmal um das Nötigste: warme Kleidung, eine Unterkunft und Hilfe bei den Asylanträgen. In Bielefeld möchte Missionsleiter Bohnenkamp einen Fahrdienst zur zwei Kilometer entfernten Zentralen Ausländerbehörde organisieren.

Im Rahmen der EU-Erweiterungen der vergangenen Jahre suchen aber auch immer mehr Opfer von Menschenhandel und Arbeitsausbeutung Hilfe bei den Bahnhofsmissionen. "Das ist vor allem in Dortmund und Duisburg der Fall", sagt die Referentin für Bahnhofsmissionen bei der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe, Karen Sommer-Loeffen.

Professionelle psychologische Unterstützung für diese oft traumatisierten und vom Krieg gezeichneten Menschen kommt da meist zu kurz. "Dafür bräuchten wir viel mehr Fachpersonal", sagt Sommer-Loeffen. Bei den 21 Bahnhofsmissionen in NRW gebe es zwar überall eine hauptamtliche Leitung. Doch nur etwa die Hälfte davon seien ausgebildete und studierte Sozialarbeiter.

Ein Problem sind die Finanzen. Die Landesregierung unterstützt beim Kampf gegen Armut zwar die freien Wohlfahrtsträger, zu denen auch Diakonie und Caritas gehören. Eine spezielle Zuwendung zu den Bahnhofsmissionen gebe es aber nicht, heißt es beim NRW-Sozialministerium.

Die Hauptlast tragen in den meisten Kommunen die Träger Caritas- und Diakonieverband. Nur in Einzelfällen gibt es Unterstützung von den oft klammen Städten - zum Beispiel in Bielefeld.

Die Stadt habe im laufenden Jahr 24 500 Euro an Diakonie und Caritas im Rahmen sogenannter Leistungsverträge überwiesen, sagt die Leiterin des Bielefelder Sozialamts, Susanne Schulz. "Im Vergleich zum Vorjahr ist das ein Zuwachs von zwei Prozent."

Trotzdem: "Bahnhofsmissionen sind deutschlandweit ein Luxusprojekt", weiß Sarah Dieckbreder-Vedder vom Fachverband Vorstand der Bahnhofsmissionen NRW. "Nur dort, wo der Träger es sich leisten kann, gibt es eine", sagt sie. In Bielefeld ist die Situation noch entspannt.

Marcel Bohnenkamp besucht regelmäßig Supervisionen. Er ist psychologisch und seelsorgerisch geschult und eine wichtige Anlaufstation für seine Mitarbeiter. Es sieht nicht danach aus, als sei sein Team den neuen Herausforderungen nicht gewachsen. Doch der Druck auf die Träger, auch bei den Bahnhofsmissionen zu kürzen, nimmt zu. Zum Jahresende muss die Einrichtung in Wuppertal schließen.

dpa

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare