Legionellen im Trinkwasser

Experte: „Betreten in gewisser Weise Neuland“

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Einen Mund- und Nasenschutz trug Professor Dr. Martin Exner in Warstein nur dann, wenn er Proben aus einem möglicherweise gefährlichen System entnahm.

KREIS SOEST - Im Interview fordert Professor Dr. Martin Exner eine neue Risikobewertung. Mit Legionellen verunreinigtes Wasser sei aber bedenkenlos trinkbar.

Neuland – das betreten die Legionellen-Experten nach dem massenhaften Fund des Erregers im Klärwerk der Stadt Warstein. Warum nicht nur rund um die Stadt, sondern auch international mit großem Interesse auf die aktuellen Entwicklungen geschaut wird, wieso das Trinken von mit Legionellen verunreinigtem Wasser ungefährlich ist und welche Maßnahmen jetzt wichtig sind, darüber sprachen wir mit Professor Dr. Martin Exner, dem Leiter des Instituts für Hygiene und Öffentliche Gesundheit der Universität Bonn.

Haben Sie es für möglich gehalten, dass das Klärwerk in Warstein so stark mit Legionellen verunreinigt ist?

Martin Exner: Bisher wurden kommunale Kläranlagen noch nie als direkte Quellen für eine Legionellose beschrieben. Deshalb müssen wir jetzt weitere kommunale Anlagen kontrollieren, um Vergleichswerte zu erhalten. In der Folge müssen wir auch die Risikobeurteilung neu überdenken. Im Fall Warstein muss das jetzt im laufenden Prozess passieren. Wir haben es ja mit einer Situation zu tun, bei der die Erkrankten als einzige Gemeinsamkeit den Aufenthalt in bestimmten Bereichen aufweisen. Deshalb haben wir uns bei der Suche primär auf offenen Rückkühlwerke und industrielle Luftwäscher konzentriert. Die können das feine Aerosol (Gemisch aus Schwebeteilchen und Gas, Anm. der Redaktion) erzeugen, das dann unter hohem Luftdruck abgegeben wird. Nach unserem bisherigen Kenntnisstand erzeugen Kläranlagen dieses feinste Aerosol nicht.

Gibt es eine Theorie, die das massenhafte Auftreten der Legionellen in der Kläranlage erklärt?

Martin Exner: Das wird im Augenblick abgeklärt. Wir erwarten weitergehende Ergebnisse, aus denen eine weitergehende Theorie entsteht. Bisher waren solche Kläranlagen in der Risikoregulierung nicht vorgesehen. Wir brauchen jetzt Vergleichswerte. Selbst in der internationalen Literatur sind die Hinweise äußerst spärlich. Die Ergebnisse, die wir jetzt aus Warstein erhalten, sind deshalb auch international von großer Bedeutung. Wir betreten in gewisser Weise Neuland.

Also hat niemand mit der aktuellen Entwicklung gerechnet?

Martin Exner: Unser primäre Sorge war es, die klassischen Quellen zu identifizieren und aus dem Verkehr zu ziehen. Doch dann kamen Erkenntnisse, die für den Ruhrverband, die gesamten Behörden und für die internationale Expertenrunde völlig neu sind.

Viele Menschen sind besorgt, weil das mit Legionellen verunreinigte Wasser durch die Wäster und die Möhne bis in den Möhnesee fließt. Was können eigentlich im Wasser befindliche Legionellen bewirken? Martin Exner: Legionellen können dann zu einer Infektion führen, wenn sie fein verstäubt und in die Luft abgegeben werden. Nach dem bisherigen Stand ist das Risiko im Wasser selbst gering. Ein mit Legionellen verunreinigtes Wasser könnte man sogar trinken, ohne dass ein Infektionsrisiko besteht.

Wie sieht es beim Duschen aus?

Martin Exner: Beim Duschen muss man zwischen 100 000 und einer Million Legionellen im Aerosol haben, die man dann einatmet, damit es gefährlich wird. Die normalen Werte im Wasser bewegen sich bei unter 100 Legionellen auf 100 Millilitern Wasser.

Unter welchen Umständen kann es gefährlich werden?

Martin Exner: Wenn das kontaminierte Wasser etwa durch Verdunstungsklärwerke versprüht wird. Bei Hot-Whirlpools oder wenn das Wasser in Form von Springbrunnen vernebelt wird, kann es ebenfalls zu einer gefährlichen Konzentration in der Luft kommen.

Sie selbst trugen bei den Beprobungen in Warstein einen Mundschutz. Warum?

Martin Exner: Den Mund- und Nasenschutz habe ich nur dann getragen, wenn wir direkt an eines der als gefährlich eingestuften Systeme herangegangen sind. Ansonsten habe ich in Warstein keinen Schutz getragen.

Ist angesichts der inzwischen ausbleibenden Neuerkrankungen damit zu rechnen, dass die Gefahr für die Menschen in wenigen Tagen gebannt sein wird?

Martin Exner: Wir sind dabei, jetzt nochmal alle Quellen, die auffällig gewesen sind, zu untersuchen. Die Ergebnisse dieser Typisierungen müssen wir dann in ein abschließendes Bild mit einbeziehen.

 

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Quelle: wa.de

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