Siebenmonatige Ermittlungsdauer

Hilfloser Mann stirbt in Bankfiliale: Staatsanwaltschaft erhebt Anklage

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Das Bild einer Überwachungskamera, das die Polizei veröffentlichte, zeigt den Mann zusammengebrochen im Vorraum der Bank liegend.

Essen - Der Fall machte fassungslos: Vor sieben Monaten liegt im Vorraum einer Bankfiliale in Essen ein hilfloser alter Mann. Videoaufnahmen zeigen, wie er von vier Kunden ignoriert wird. Erst dann ruft jemand den Arzt. Für die Kunden hat das nun ein Nachspiel.

Nach dem Zusammenbruch eines 83-Jährigen im Vorraum einer Essener Bankfiliale im Herbst vergangenen Jahres ist Anklage gegen vier Menschen wegen unterlassener Hilfeleistung erhoben worden. Es handelt es sich um drei Männer und eine Frau im Alter von 39 bis 62 Jahren aus Essen und Oberhausen, berichtete Oberstaatsanwältin Birgit Jürgens von der Staatsanwaltschaft Essen am Dienstag. 

Die vier sollen den am Boden liegenden hilflosen Mann ignoriert und ihre Bankgeschäfte erledigt haben, ohne sich um den Mann zu kümmern. Der Senior erlangte das Bewusstsein nicht wieder und starb einige Tage später im Krankenhaus. Der Fall hatte bundesweit für Entsetzen gesorgt und eine Debatte über eine Verrohung der Gesellschaft ausgelöst. Das Amtsgericht in Essen-Borbeck muss nun entscheiden, ob es zum Prozess kommt.

20 Minuten ohne Hilfe

Der Mann war am 3. Oktober zusammengebrochen. Überwachungskameras hatten das Geschehen aufgenommen. Nach damaligen Angaben der Polizei bekam er 20 Minuten lang keinerlei Hilfe, obwohl Menschen im Raum waren. Laut Polizei zeigt das Video vier Kunden, die nacheinander Bankgeschäfte erledigten und den Mann ignorierten. Erst ein fünfter Kunde wählte den Notruf. Die Identität der vier Verdächtigen konnte die Polizei anhand der Bankdaten ermitteln.

Zwei Angeklagte machten keine Aussage

Bei den Ermittlungen hätten zwei der vier Angeklagten keine Aussage gemacht, sagte Jürgens. Die anderen beiden hätten gesagt, dass sie den Mann für einen schlafenden Obdachlosen hielten. Die Staatsanwaltschaft hält dies jedoch für eine Schutzbehauptung. "Der Mann hatte zum Beispiel keine Plastiktüten oder einen Schlafsack dabei", sagte Jürgens. Auch die Liegeposition habe dagegen gesprochen.

Siebenmonatige Ermittlungsdauer

Die siebenmonatige Ermittlungsdauer erklärte die Staatsanwaltschaft mit einem neuropathologischen Gutachten, dass sie in Auftrag gegeben habe. Es habe die Frage klären sollen, ob der Mann überlebt hätte, wenn ihm eher geholfen worden wäre. Dem Gutachten zufolge wäre der Mann auch gestorben, wenn ein Arzt eher gekommen wäre, sagte Jürgens.

Nach früheren Angaben der Polizei ist auf den Videoaufnahmen zu sehen, wie etwa fünf Minuten nach dem Zusammenbruch die erste Person den Vorraum betritt und sich nicht um den Mann kümmert. Dieser lag mitten im Raum und sei gut gekleidet gewesen, sagte damals ein Sprecher. Die vier Kunden seien auf dem Weg zum Geldautomaten über den Mann gestiegen, hätten einen großen Bogen um ihn herum gemacht oder seien auch nah an ihm vorbeigegangen. Polizei und Rettungsdienste hatten damals in einer Pressemitteilung appelliert: "Schauen Sie hin! Wählen Sie 110 oder 112 und retten Sie das Leben Ihrer Mitmenschen."

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Quelle: wa.de

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