Sie haben die Kunstwelt um Millionen betrogen – und werden bewundert

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Ein Fälscher mit einem Aussehen zwischen Musketier und jungem Rembrandt. Wolfgang Beltracchi ist nicht der erste Fälscher, dem viele für seine fast perfekte Täuschung der Kunstwelt Anerkennung zollen.

KÖLN - Sie haben massenhaft Kunst gefälscht, Millionen Euro dafür kassiert und in Luxus geschwelgt: Die Geständnisse der Angeklagten im Kölner Kunstfälscherprozess sind filmreif. Den Beschuldigten schlägt sogar öffentliche Sympathie entgegen. Warum eigentlich?

Im Saal 7 des Kölner Landgerichts legt am Dienstag der vierte und letzte Angeklagte, Otto S.-K., sein Geständnis ab. Inzwischen ist bekannt, dass den Fälscher-Pinsel allein Wolfgang Beltracchi (60) führte. Seine Frau Helene kümmerte sich um die Einlieferung in Auktionshäuser, ihre Schwester Jeanette S. half gelegentlich dabei, Chefverkäufer war Otto S.-K.

Über ein ausgeklügeltes Finanzsystem bewegten die Beltracchis Millionen, wie aus den Strafakten hervorgeht. Noch kurz vor ihrer Festnahme wollten sie ihr ergaunertes Vermögen, etwa eine Million Schweizer Franken, über eine panamesische Gesellschaft „beiseiteschaffen“. „Das ist das einzige Geld, was ich abgezweigt habe“, sagte Beltracchi dazu. Das Geld wurde in der Schweiz beschlagnahmt. Den Rest der ergaunerten Millionen haben die Angeklagten nach eigenen Angaben größtenteils verbraucht, in Immobilien gesteckt und in der Finanzkrise verzockt. „Ich bin völlig blank“, sagte Wolfgang Beltracchi gestern.

In Andorra führten die Beltracchis den Strafakten zufolge mehrere Nummernkonten mit insgesamt rund 30 Unterkonten, auf die Beträge in verschiedenen Währungen überwiesen wurden. Für Hotels, Reisen und Einkäufe gaben sie monatlich bis zu 17 000 Euro aus, wie aus Kreditkartenabrechnungen hervorgeht. Große Summen verschlang auch das Vier-Millionen-Anwesen in Freiburg. „Da habe ich mich ausgetobt“, sagte Beltracchi.

Der 68-jährige Otto S.-K. sagte, Geld sei ihm nie besonders wichtig gewesen. „Aber mich reizte der Gedanke, vielleicht noch eine brauchbare Altersversorgung aufzubauen.“ Er habe auch größere Geldbeträge verliehen. „Im Nachhinein bedaure ich mein Tun, obwohl ich nicht verhehlen will, dass es auch richtig Spaß gemacht hat.“

Trotzdem schlägt den Angeklagten öffentliche Sympathie entgegen. Helene Beltracchi (53) brach mehrmals im Gerichtssaal in Tränen aus und entschuldigte sich bei Mutter und Kindern. Sie und ihr Mann beschworen ihre große Liebe („Eine wundervolle Ehe“). Ritterlich nahm ihr Mann Wolfgang sie in den Arm und bat das Gericht, sie zu verschonen.

„Absurd einfach“ sei das Fälschungsgeschäft gewesen, sagen die Beltracchis. Experten und Kunsthäuser fielen auf die dreiste Legende vom sammelnden Großvater Jägers trotz eklatanter Widersprüche herein. Beltracchi, der sein Kunststudium einst abbrach, brauchte nach eigenen Worten manchmal nur zwei Stunden, und wieder war eine Fälschung fertig. Er malte sogar nie gemalte Bilder, die seiner Meinung nach im Gesamtwerk etwa von Max Ernst nicht hätten fehlen dürfen.

Beltracchi sei ein „lässiger Dandy-Typ“, der es in den Augen vieler geschafft habe, es den „großen Möchtegernen zu zeigen“, meint Robert Ketterer, Inhaber des gleichnamigen Münchner Auktionshauses. Raimund Stecker, Direktor des Duisburger Lehmbruck Museums, sagt, es gebe in Deutschland eine „unterschwellige Hochachtung“ vor handwerklichem Können. „Handwerk steht in der Achtung über der Kunst.“

Beltracchi ist nicht der erste Fälscher, dem viele für seine fast perfekte Täuschung der Kunstwelt Anerkennung zollen, gepaart mit heimlicher Schadenfreude. Der vor 20 Jahren zu einer Bewährungsstrafe verurteilte Edgar Mrugalla, spezialisiert auf Picasso, wurde gar als „König der Kunstfälscher“ bezeichnet. Ähnlich wie Beltracchi sagte Mrugalla: „Es hat Spaß gemacht, die Leute hinters Licht zu führen.“ - dpa

Quelle: wa.de

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