In Großstädten sollen auf Dächern Gemüsegärten entstehen

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„Hier könnte doch Gemüse wachsen.“ Volkmar Keuter, Wissenschaftler beim Fraunhofer Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik in Oberhausen, auf dem Dach des Fraunhofer-inHaus-Zentrums in Duisburg.

OBERHAUSEN - Häuserblöcke dicht nebeneinander, Autos schieben sich über den Asphalt: Vielen Ballungszentren würde etwas mehr Farbe sicher gut stehen. Grüne, bepflanzte Flächen sind jedoch rar. Von Deborah Schmidt

Das muss nicht sein, meint Volkmar Keuter vom Fraunhofer Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik in Oberhausen. Nach Ansicht des Wissenschaftlers ist das Potenzial städtischer Flächen längst nicht ausgeschöpft.

Der Forscher hat eine Vision: die Stadtfarm der Zukunft. Dazu arbeitet Keuter an einem Konzept, das Landwirtschaft in urbane Räume integriert, dem „InFarming“. Es geht davon aus, dass Hausfassaden, vor allem aber Flachdächer ein idealer Ort für bunte Farbtupfer in der Stadt sind: Etwa Tomaten, Gurken oder Paprika könnten hier in Gewächshäusern gedeihen. Und damit unmittelbar dort erzeugt werden, wo der Verbraucher sie auch verzehrt. Etwa 1200 Millionen Quadratmeter an Flachdächern von Nicht-Wohngebäuden gibt es in Deutschland. Rund 360 Millionen davon, meint Keuter, seien für den Pflanzenanbau nutzbar. Zudem könnten rund 28 Millionen Tonnen Kohlendioxid pro Jahr gebunden werden. „Das entspricht etwa 80 Prozent der jährlichen Emissionen von industriellen Betrieben in Deutschland“, sagt Keuter.

Sein Konzept listet eine Reihe weiterer Vorteile der integrierten Landwirtschaft in der Stadt auf. „In Industriebetrieben entsteht oft Abwärme“, erklärt Keuter. „Die könnte man für ein Gewächshaus im Winter nutzen.“ Abwässer könnten zudem mit Inhaltsstoffen wie Phosphor oder Stickstoff für die Pflanzen nutzbar gemacht und deren Abfall wiederum zur Energieerzeugung verwendet werden.

Da viele Dachkonstruktionen nicht besonders tragfähig sind, setzt „InFarming“ darauf, Pflanzen ohne Erde auskommen zu lassen. In einer hydroponischen Anlage gedeihen Gewächse in Rinnen, durch die Wasser an den Wurzeln vorbeizieht. Dessen Nährstoffgehalt kann anhand der elektrischen Leitfähigkeit erkannt und auf die Pflanzen abgestimmt werden. Keuter geht davon aus, dass auf einer Dachfläche von 1000 Quadratmetern so 40 Tonnen Gemüse im Jahr produziert werden können.

Für den Forscher ist das „InFarming“ eine Antwort auf die zunehmende Verstädterung und den Mangel an ländlicher Anbaufläche. So werde es international angesichts der schnell wachsenden Weltbevölkerung zu einem verstärkten Konkurrenzkampf zwischen Acker- und Stadtflächen kommen, meint Keuter.

Allein im Ruhrgebiet, dem größten deutschen Ballungsraum, gehen durch die Verstädterung pro Jahr etwa 1000 Hektar an landwirtschaftlicher Fläche verloren, sagt Bernd Pölling von der Landwirtschaftskammer NRW. Auch die arbeitet an Projekten mit, die die zukünftige Flächennutzung in der Region besser in die städtische Umwelt integrieren wollen. „Das Konzept des ‚InFarming‘ ist dabei besonders im Hinblick auf die vielen Leerstände von alten Industriegebäuden in NRW eine spannende Sache.“

Die Nutzungsidee der Forscher geht aber auch noch in eine andere Richtung. Volkmar Keuter sieht beim „InFarming“ auch Potenzial für den Einzelhandel. Supermärkte könnten die Gewächshäuser auf ihren Dächern errichten und Kunden ihr Gemüse dort selbst ernten lassen. „Das ist aus unserer Sicht ein überlegenswerter Ansatz“, bestätigt der Sprecher des Handelsverbands Deutschland (HDE), Kai Falk. „Inwieweit das Konzept aber massentauglich ist, müsste noch geprüft werden.“

Unabhängig davon hat die CDU-Fraktion der Stadt Münster bereits Interesse beim Fraunhofer Institut signalisiert. Simone Wendland, stellvertretende Sprecherin der Fraktion: „Wir haben die Verwaltung beauftragt, zu prüfen, welche Dachflächen in Münster für ein ‚InFarming‘-Projekt infrage kommen.“ So gebe es in der Stadt immer wieder Probleme mit der Akzeptanz neuer Supermärkte. Würden die sich an so ein Projekt herantrauen, käme das in der Bevölkerung sicher gut an. Wendland: „Wir sehen darin eine große Chance.“ - dapd

Quelle: wa.de

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